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Essen: Die Zukunft wird härter als in Dortmund


Blick ins Jahr 2100
Klimawandel: Essen schwitzt schlimmer als Dortmund

  • Matti Hartmann
Von Matti Hartmann

Aktualisiert am 27.02.2024Lesedauer: 4 Min.
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Sonniges Wetter in der Stadt (Archivfoto): Ein heißer Sommertag in der zentralen Fußgängerzone von Essen.Vergrößern des Bildes
Sonniges Wetter in der Stadt (Archivfoto): Ein heißer Sommertag in der zentralen Fußgängerzone von Essen. (Quelle: Czepluch/imago images)

Können Essener Kinder künftig noch Schneemänner bauen? Wie heiß werden die Sommer? Forscher haben verschiedene Klimawandel-Szenarien berechnet.

Bis zum Jahr 2100 könnte sich das Klima in Nordrhein-Westfalen massiv ändern. Jetzt schon treffen Zugvögel eher ein, während Menschen unter Hitze leiden. Laut Umweltbundesamt müssen NRW-Landwirte in Zukunft unter Ernteeinbußen und zunehmender Bodenerosion leiden, im Sauerland wird es schwer haben, wer vom Wintertourismus lebt.

Wie es genau kommt, ist zwar ungewiss. Aber eins ist sicher: Der Klimawandel wird das Leben umwälzen – und hat es schon. Von 1881 bis 2021 ist es in Deutschland Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zufolge bereits um 1,6 Grad wärmer geworden. Die fünf wärmsten Jahre seit 1881 wurden allesamt nach dem Jahr 2000 registriert.

Und die steigenden Temperaturen sind nur eine der Veränderungen, mit denen die Bürger umzugehen lernen müssen. Hinzu kommen Extremwetterereignisse: Starkregen, Überschwemmungen, Stürme, folgenschwere Hagelschauer und ausgedehnte Dürreperioden. Die dadurch angerichteten wirtschaftlichen Schäden sind immens, die Bundesregierung bezifferte sie 2022 auf mehr als 80 Milliarden Euro.

Sieben Klimaraumtypen: Essen zählt zu wärmsten Regionen

Der Klimawandel wirkt sich allerdings nicht überall gleich aus. Denn ob Flachland, Gebirge, Küstengebiet oder von kontinentalem Klima geprägte Gegenden – all das hat Einfluss auf die örtlichen Wetterbedingungen und führt dazu, dass der Klimawandel in Essen andere Folgen hat als in Dortmund oder Siegen.

Für die umfangreiche, vom Umweltbundesamt publizierte Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 haben Forscher sieben verschiedene sogenannte Klimaraumtypen in Deutschland festgestellt. Besonders stark zunehmen werden die Dürreperioden in den Mittelgebirgen, wie etwa im Sauerland im Süden Westfalens. In den Gebirgen kommen sehr stark steigende Durchschnittstemperaturen hinzu. An den Küsten bleibt der zu erwartende Temperaturanstieg moderat, zu kämpfen haben die Menschen vor allem mit mehr Starkregen. Im Nordwesten werden die Veränderungen insgesamt eher durchschnittlich ausfallen – auch Dortmund zählt zum Nordwesten. In den trockensten Regionen wird es vor allem heißer, zudem nehmen die Starkregentage deutlich zu. Im Südosten wird es sehr viel mehr Hitzetage geben.

Auch in den schon jetzt wärmsten Regionen (hierzu gehört auch Essen) wird eine sehr starke Zunahme an Hitzetagen erwartet. Hier steht der größte Anstieg an Tropennächten bevor.

Klimaprojektion auf Landkreisebene: Das erwartet Essen

Einen noch detaillierteren Blick in die Zukunft erlauben die Daten der Helmholtz-Experten des Climate Service Center Germany (GERICS). Die Forscher haben für alle deutschen Landkreise Zukunftsszenarien mit 85 verschiedenen regionalen Klimamodellsimulationen berechnet. Dadurch lässt sich für Essen und Umgebung abschätzen, was wohl auf die Einwohner zukommt: In welchem Korridor wird künftig die Durchschnittstemperatur liegen, wie lang werden die Hitzeperioden sein, wie viele tropische Nächte sind zu erwarten, an wie vielen Wintertagen fällt die Temperatur überhaupt noch unter 0 Grad, wie viele Starkregentage sind zu erwarten und wie wird die Dürresituation?

Abhängig davon, wie sich der CO2-Ausstoß in der Zukunft entwickelt, ergeben sich für jede Simulation andere Werte. Unterschieden werden Szenarien für hohe Emissionen (RCP8.5), mittlere Emissionen (RCP4.5) und niedrige Emissionen (RCP2.6).

Essen schwitzt

Für Essen heißt das konkret: Sollte der CO2-Ausstoß in Zukunft nicht sinken, erwarten die mittleren Klimamodellsimulationen einen Temperaturanstieg bis Mitte des Jahrhunderts um 1,8 Grad und bis Ende des Jahrhunderts sogar um 3,2 Grad. Statt wie im Durchschnitt der Jahre 1971 bis 2000 gäbe es im Worst-Case-Szenario Ende des Jahrhunderts nicht mehr 5,6 Hitzetage mit mehr als 30 Grad im Jahr, sondern 16.

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Tropennächte, in denen die Menschen nur schlecht Erholung finden, weil die Temperatur nie unter 20 Grad fällt, gab es im vergangenen Jahrhundert in Essen noch kaum. Ende des 21. Jahrhunderts müsste man mit 7,6 solcher Nächte jedes Jahr rechnen. Und: Hitzewellen mit sechs Hitzetagen in Folge wären normal.

Drastisch ansteigen würde auch die Zahl der schwülen Tage. Normal waren Ende des vergangenen Jahrhunderts 5,8 solcher warmen Tage mit hoher Luftfeuchtigkeit. 100 Jahre später werden Essener der Worst-Case-Projektion zufolge jedes Jahr 32,1 schwüle Tage erleben. Das ist eine enorme Belastung für den Körper. Denn bei hoher Luftfeuchtigkeit ist die natürliche Temperaturregulation gestört: Der Schweiß kann nicht verdunsten, es entsteht keine Verdunstungskühle auf der Haut. Ein Hitzschlag droht.

Dürre im Sommer, kein Schnee im Winter

Die Zahl der Trockentage pro Jahr ändert sich im RCP8.5-Szenario zwar kaum, und die Summe des jährlichen Niederschlags stiege sogar an. Aber Diana Rechid, die beim Climate Service Center Germany die Abteilung für regionalen und lokalen Klimawandel leitet, gibt zu bedenken, dass die Bodentrockenheit nicht nur durch Niederschlag, sondern auch durch Verdunstung bedingt ist.

Dürre wird in Essen also vor allem ein Problem des Sommers sein, wenn die Hitze die Verdunstung antreibt. Die Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 geht für Essen außerdem zwar von einer starken Zunahme des durchschnittlichen Niederschlags während der Wintermonate aus, nimmt aber an, dass im Sommer die Zahl der Trockentage zunimmt.

Schnee wird gemäß dem RCP8.5-Szenario Ende des Jahrhunderts kaum noch in Essen fallen können – und wenn, dann bleibt er nicht liegen. Die Zahl der sogenannten Frosttage, an denen die Temperatur mindestens einmal unter 0 Grad fällt, wird drastisch sinken. Sogenannte Eistage, an denen die Temperatur permanent unter dem Gefrierpunkt liegt, wird es sogar praktisch gar nicht mehr geben.

Allerdings muss es ja nicht so enden: Für den Fall, dass der Klimaschutz ab jetzt ernst genommen würde und dem auch Taten und umfangreiche Maßnahmen zur CO2-Vermeidung folgten, stiege die Temperatur in Essen bis Ende des Jahrhunderts nur um 1,1 Grad an und es gäbe nur 1,9 Hitzetage pro Jahr mehr. Die Zahl der Frosttage nähme im optimistischen RCP2.6-Szenario aber immer noch in erheblicher Größenordnung ab – nämlich um 15,9 Tage pro Jahr.

Eistage in Essen

In Essen weist die RCP8.5-Projektion für das Ende des 21. Jahrhunderts eine negative Anzahl von Eistagen aus. Der Effekt entsteht dadurch, dass sich eine Klima-Kenngröße im Referenzzeitraum 1971 bis 2000 zwischen Beobachtungen und Klimamodellen unterscheiden kann, wie GERICS-Forscherin Diana Rechid t-online erklärt. Dies habe zwei Ursachen:
"Erstens geben die Modelle nicht den tatsächlich stattgefundenen Ablauf des Wetters wieder, sie können nur die Statistik des Wetters wiedergeben, und weisen daher rein zufällige Unterschiede zu den Beobachtungen auf. Zweitens kann sich die Statistik der Modellergebnisse von den Beobachtungen unterscheiden, wenn einzelne Modelle in einem bestimmten Landkreis z. B. systematisch kälter sind, als die Beobachtungen es zeigen. In den Modellergebnissen selbst gibt es selbstverständlich keine negative Anzahl an Tagen."
Die Summe aus den bisher beobachteten Werten und den zukünftigen Änderungen in den Modelldaten zu bilden, liefere nur einen Anhaltspunkt für das zukünftige Klima, hält Rechid fest.

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