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Polizei erschießt 23-Jährigen in Frankfurt: "Ins Bein hätte doch gereicht!"


Frankfurter Bahnhofsviertel: "Alles aus dem Ruder gelaufen"

Von Sophie Vorgrimler

Aktualisiert am 04.08.2022Lesedauer: 4 Min.
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Blick auf die Frankfurter Niddastraße und Kioskbesitzer Poopalasingham Mahesan (Montage): Aus Angst schließt der Mann seinen Laden manchmal früher.
Blick auf die Frankfurter Niddastraße, Kioskbesitzer Poopalasingham Mahesan (Montage): Aus Angst schließt der Mann seinen Laden manchmal früher. (Quelle: Sophie Vorgrimler - Montage t-online)
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Drogen, Rotlicht, Kriminalität. Nach dem Tod eines jungen Mannes stellt sich erneut die Frage: Wie gefährlich ist das Frankfurter Bahnhofsviertel?

Kurz vor elf Uhr vormittags, das Frankfurt Bahnhofsviertel erwacht: Vor einer Strip-Bar in der Taunusstraße reinigt ein Mitarbeiter mit einem Wasserschlauch den Gehsteig. Auf dem Rest des Fußwegs und auf der Straße liegt Müll, es stinkt nach Urin. Rund dreißig Personen halten sich stehend oder sitzend dort auf. Sie trinken Bier, rauchen Zigaretten oder Crack. Nur wenige Meter entfernt, in der Niddastraße, wurde am Dienstag frühmorgens ein 23-jähriger Mann in einem Hotel von der Polizei erschossen.

"Echt? Das habe ich gar nicht mitbekommen, ich hatte gestern frei", sagt Denis Fasli, Mitarbeiter eines Kebap-Restaurants gegenüber. Ein Kollege kommt dazu, er hat von dem Vorfall gehört und klärt auf. Angeblich habe der Angreifer im Hotel einen Polizeihund getötet, dann hätten die Polizisten den Mann angeschossen. Nach derzeitigen Erkenntnissen "bestellte" der junge Mann am frühen Morgen zwei Prostituierte in das Hotel an der Moselstraße. Wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt weiter mitteilte, hat er die Frauen dann im Laufe des Treffens gezwungen, Drogen zu konsumieren. Dies hätten die Frauen abgelehnt, woraufhin sie mit einem Messer bedroht worden seien. Als die Situation eskalierte, sei der Schuss gefallen.

"Das muss aufhören", sagt Denis Fasli. Er arbeitet seit sechs Jahren in dem Restaurant, wo er auch die Arbeitsschichten plant. Das Restaurant hat täglich 23 Stunden geöffnet. "Für die Nachtschichten ist es schwer, jemanden zum Arbeiten zu finden. Viele wollen nicht, weil sie Angst haben", erzählt er.

Probleme im Laden habe es bisher aber nicht gegeben. "Wenn es draußen eine Schlägerei oder so gibt, schließen wir die Türen ab, auch um die Kunden zu schützen." Kunden von der Deutschen Bank oder der Bahn habe man schon länger nicht mehr. "Schau raus", sagt Fasli, "alles voller Müll."

Eine vermüllte Straße im Frankfurter Bahnhofsviertel: Vielen Ladenbesitzern macht die Lage in der Gegend zu schaffen.
Eine vermüllte Straße im Frankfurter Bahnhofsviertel: Vielen Ladenbesitzern macht die Lage in der Gegend zu schaffen. (Quelle: Sophie Vorgrimler)

Frankfurter Bahnhofsviertel: Zwischen Verwahrlosung und Touristen-Magnet

Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist seit Jahrzehnten berüchtigt: Es ist bekannt für das Rotlichtviertel, eine hohe Kriminalitätsrate, die Drogenszene. Es heißt, seit Crack unter den Drogensüchtigen hier populärer als Heroin geworden ist, sei die Stimmung rauer und aggressiver geworden. Laut polizeilicher Kriminalstatistik ist die Kriminalität im Viertel 2021 wieder angestiegen. Gleichzeitig wird die Gegend in den letzten Jahren immer mehr als Szeneviertel gefeiert: Es gilt als verrucht und urban. Beliebte Kioske, aufregende, internationale Küche und hochpreisige Ausgehmöglichkeiten warten in den Parallelstraßen des Rotlichtviertels. Das lockt auch Touristen an.

Vor allem in der Münchener Straße gibt es viele Restaurants. Dort findet man nur in direkter Bahnhofsnähe noch größere Gruppen Drogenabhängiger. Je weiter man sich dem Bankenviertel nähert, desto ruhiger wird es. Vier Reisende warten hier auf ihren Uber-Fahrer. Sie sind aus Portugal und haben die letzten Nächte in einem Hotel in der Moselstraße verbracht.

Von dem tödlichen Vorfall hören sie das erste Mal. "Wir haben gedacht, der Lärm käme von einem platzenden Ballon oder so", sagen sie. Sie seien davon aufgewacht. Unwohl gefühlt hätten sie sich im Bahnhofsviertel nicht. "Klar, ist es ein bisschen schmutzig, aber unangenehm war nur der Geruch", sagt eine junge Frau. Ein Mann der Gruppe fügt an: "Die eine Straße war etwas extrem, aber wir haben uns sicher gefühlt." Dann steigen sie ins Auto ein.

Kioskbesitzer: "Manchmal kommen Drogenabhängige und schmeißen alles runter"

Kioskbesitzer Poopalasingham Mahesan ist gut informiert über die Vorfälle der letzten Wochen und Monate. Ein brutaler Raubüberfall an der Ecke Niddastraße/Elbestraße ist auf einer Videoplattform gelandet. In der vergangenen Woche wurde ein chinesischer Tourist dreist bestohlen. Mahesan berichtet auch von einem anderen Fall vor einem Jahr in der Elbestraße. Die Polizei habe damals einen 27-jährigen Mann angeschossen. Über den jüngsten Vorfall sagt er, das Haus sei bekannt. "Aber ich verstehe nicht, warum sie diesen Mann erschossen haben. Ins Bein hätte doch gereicht", sagt er.

Poopalasingham Mahesan: In seinem Laden fühlt sich der Kioskbesitzer nachts immer wieder unsicher.
Poopalasingham Mahesan: In seinem Laden fühlt sich der Kioskbesitzer nachts immer wieder unsicher. (Quelle: Sophie Vorgrimler)
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Wenn er alleine im Laden arbeite, fühle er sich nachts oft unwohl. Manchmal schließe er seinen Laden aus Angst dann früher. "Manchmal kommen Drogenabhängige und wenn ich ihnen kein Bier geben kann, dann schmeißen sie alles runter oder so", beschreibt er aufwühlende Situationen. Dennoch sei es seit der Eröffnung seines Ladens vor sechs Jahren in seiner Ecke ruhiger geworden. "Hier gegenüber wurde der Druckraum geschlossen, seither verschiebt sich alles etwas hier rüber", erzählt er und zeigt Richtung Taunusstraße, Moselstraße und Niddastraße.

"Seit Mitte der 90er-Jahre ist alles aus dem Ruder gelaufen"

Dort drüben, in der Niddastraße, ist Jörg Ewen erbost über den Zustand des Frankfurter Bahnhofsviertels. "Wir haben jeden Monat zweitausend bis dreitausend Euro Kosten durch Verdienstausfall und Beschädigungen hier am Haus", sagt er. Er ist Inhaber einer Traditions-Metzgerei, die seit mehr als 100 Jahren familiengeführt dort ansässig ist. Er arbeite seit 1990 dort und könne bestätigen, dass der Zustand im Bahnhofsviertel schlimmer werde. "Die Polizei resigniert, die Stadtreinigung verweigert die Reinigung, weil sie bei ihrer Arbeit beschossen, beworfen und angepöbelt werden", so seine Beobachtung.

"Das ist ein Problem der Stadtpolitik", meint Ewen. Die liberale Drogenpolitik des Frankfurter und des Züricher Modells habe seiner Meinung nach gar nichts gebracht. "Stattdessen ist hier seit Mitte der 90er-Jahre alles aus dem Ruder gelaufen", sagt er. "Für die liberale Drogenpolitik sind die Stadt und das Viertel ja im Land bekannt. Das lockt auch Menschen von außerhalb hierher." Die Stadt verfolge die falschen Ansätze, das habe viel Leid geschaffen.

Diesem Eindruck widersprechen jedoch die offiziellen Zahlen der Stadt. Wurden in Frankfurt 1991 noch insgesamt 147 Drogentote registriert, sank die Zahl im Laufe der Jahre deutlich ab. 2021 kamen demnach 30 Menschen durch übermäßigen Drogenkonsum ums Leben. Wenige Meter neben Ewens Haus rauchen an diesem Tag drei Leute Crack.

Ein paar Schritte weiter eine größere Gruppe, dann noch welche. Auf der Straße stehen zwei größere Streifenwagen. Um die Ecke vor dem Hotel, in dem am Dienstag der tödliche Schuss fiel, noch einer. Drumherum Drogenabhängige, Müll und Uringeruch. Im Bahnhofsviertel will man an diesem Tag über all die Probleme des Viertels gar nicht reden, der Alltag ist längst zur Routine geworden.

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Verwendete Quellen
  • Reporterin vor Ort
  • Stadt Frankfurt: "Die Frankfurter Drogenpolitik in Zahlen"
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  • Florian Wichert
  • Robert Hiersemann
Von Florian Wichert, Robert Hiersemann
Polizei

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