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Sylt: Deutschlands einzige Austernzucht vor dem Aus? Der Kampf ums Überleben


Deutschlands einzige Austernzucht kämpft ums Überleben


Aktualisiert am 19.12.2022Lesedauer: 3 Min.
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Austernfarm auf Sylt (Archivbild): Hier ist die Austernmarke "Sylter Royal" zu Hause.Vergrößern des Bildes
Austernfarm auf Sylt (Archivbild): Hier ist die Austernmarke "Sylter Royal" zu Hause. (Quelle: imago )

Weil 2023 eine Lizenz ausläuft, muss sich Sylts Austernzucht neu erfinden. Wie der Inhaber mit Ministerien und Umweltverbänden um einen Kompromiss ringt.

Seit über 30 Jahren kauft Clemens Dittmeyer, Geschäftsführer von "Dittmeyer's Austern-Compagnie", Jungaustern in Irland ein, um sie im Wattenmeer vor Sylt großzuziehen. Sobald sie 80 bis 100 Gramm wiegen, werden sie als "Sylter Royal" an Gastronomie und Einzelkunden verkauft. Dittmeyer ist Deutschlands einziger Austernzüchter. Im kommenden Jahr zeichnet sich jedoch ein Wendepunkt in der Betriebsgeschichte ab. Eine wichtige Lizenz läuft aus.

Weil die Aufzucht im Wattenmeer stattfindet, gelten strenge Regelungen zugunsten des Naturschutzes. Sowohl die oberere Fischereibehörde des Landes Schleswig-Holstein als auch die Nationalparkverwaltung müssen dem Import von Austern zustimmen.

Die Rechtslage ist kompliziert

Laut dem zuständigen Umweltministerium ist nach derzeitigem Stand schon heute der "Import nicht rechtskonform": Bisher liegt keine naturschutzrechtliche Befreiung vor. Außerdem läuft die fischereirechtliche Importgenehmigung Ende Mai 2023 aus. Die Behörde mahnt deswegen dringend eine Umstellung des Betriebs an.

Das hält Dittmeyer nicht davon ab, um seinen Betrieb zu kämpfen. Aktuell verfolgt er drei Strategien gleichzeitig: Erstens kauft er Halbwuchsaustern aus dem Ausland und zieht sie dann im eigenen Betrieb groß. Zweitens züchtet er in sogenannten Flupsys kleine Jungaustern groß. Drittens sammeln seine Mitarbeiter Austern im freien Gewässer. Dittmeyer unterstreicht, dass der Import von Halbwuchs dennoch unverzichtbar sei, um den Betrieb wirtschaftlich und resilient zu betreiben.

Umweltschützer warnen vor invasiven Arten

Der Gegenwind, den er von Umweltschützern bekommt, ist derweil stark: Der Import von Austern und die Aufzucht im Freiland bringe invasive Arten ins sensible Ökosystem des Wattenmeers, wie zum Beispiel die Keulenseeschade oder Japanischen Knötchentang, heißt es in einem Positionspapier der "Schutzstation Wattenmeer".

Dr. Hans-Ulrich Rösner, Leiter des WWF-Büros Wattenmeer, gibt im Gespräch zu, dass es sich im Einzelfall nicht sagen ließe, wie eine Art eingeschleppt werde. Er ist aber überzeugt, dass Aquakulturen neben der internationalen Schifffahrt ein Treiber des globalen Phänomens sind. Zahlen des Alfred-Wegner-Instituts stützen seine Annahme.

Clemens Dittmeyer verteidigt seine Austernzucht: "Wir haben noch nichts eingeschleppt". Zudem sei es unverhältnismäßig, die internationale Schifffahrt mit der Sylter Austernzucht zu vergleichen: "Wir produzieren gerade einmal 80 Tonnen pro Jahr. Das sind Minimengen."

Zuchtbetrieb sei "im Interesse des Landes"

Doch der Konflikt um das Wirtschaften im Wattenmeer ist nicht neu. 2011 verhinderte eine gemeinsame Klage von Nabu und BUND eine geplante Zucht von Saatmuscheln im Beltringharder Koog. Das Oberverwaltungsgericht Schleswig kam zu dem Schluss, dass die Praxis geltendem Naturschutzrecht widersprach.

Das Umweltministerium Schleswig-Holstein betont, "dass der Bestand der Firma im Interesse des Landes liegt". Man habe 2018 eine Machbarkeitsstudie vorgelegt, "die verschiedene Alternativen zum bisherigen Importverfahren entwickelt hat". Zudem finden jährlich vertrauliche Bilanzgespräche zwischen den Naturschutzverbänden, den Behörden und der Firma Dittmeyer statt, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

"Ich ergebe mich nicht kampflos"

Die auf dem Tisch liegenden Optionen seien derzeitig nicht umsetzbar, betont Dittmeyer. Ohne Import von Halbwuchs müsse er seinen Betrieb hinsichtlich Personal und Überwinterungskapazitäten der Austern in einem Maße ausbauen, wie es nicht zu bewerkstelligen sei.

Deswegen kämpft Dittmeyer weiter um seinen Familienbetrieb: "Ich ergebe mich nicht kampflos." Die Suche nach einer Lösung, wie die einzige Austernzucht Deutschlands weiterarbeiten kann, geht also auch 2023 weiter.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version war im fünften Absatz fälschlicherweise davon die Rede, dass Clemens Dittmeyer den Betrieb in dritter Generation führt. Richtig ist, dass er den Betrieb 1986 gründete. Wir haben diesen Fehler korrigiert.

Verwendete Quellen
  • E-Mail-Verkehr und Telefonat mit Dr. Hans-Ulrich Rösner, WWF
  • E-Mail-Verkehr und Telefonat mit Clemens Dittmeyer
  • Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur
  • E-Mail-Verkehr mit Matthias Kissing, Pressesprecher des Ministeriums für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur
  • E-Mail-Verkehr mit Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz
  • Nabu Schleswig-Holstein: "OVG Schleswig bestätigt Muschelzucht-Urteil"
  • Alfred-Wegner-Institut: "Eingeschleppt: Die neuen Arten im Watt"
  • Positionspapier Schutzstation Wattenmeer: "Umgang mit Importen von Austern"
  • Machbarkeitsstudie
  • Schleswig-Holsteinisches OVG: "Urteil vom 15.12.2011 - 1 LB 19/10"
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