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Protest der Bauern in Hamburg: Unterwegs mit einem Landwirt auf der Demo


Trecker-Protest in Hamburg
Unterwegs bei der Bauern-Demo: "Immer mehr geben auf"


Aktualisiert am 09.01.2024Lesedauer: 3 Min.
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Bauernproteste - HamburgVergrößern des Bildes
Eine Frau jubelt den vorbeifahrenden Traktoren während der Sternfahrt nach Hamburg zu: Die Landwirte erleben eine große Solidarität. (Quelle: Marcus Brandt/dpa/dpa)

Tausende Bauern sind mit ihren Traktoren nach Hamburg gefahren, um gegen die Agrarpolitik zu demonstrieren. t-online hat einen Landwirt dabei begleitet.

In weiter Ferne sind die Lichter der Stadt zu sehen. Es ist 8.30 Uhr, mit Tempo 20 tuckern die 25 Traktoren und vier Lastwagen über die B5. Bis nach Hamburg ist es noch eine Stunde. "Wenn ich in der Stadt erzähle, dass ich Bauer bin, gucken die mich komisch an", sagt Andreas M., der nicht mit vollem Namen genannt werden möchte. Der Landwirt aus dem Landkreis Herzogtum Lauenburg im östlichen Schleswig-Holstein will damit seine Kinder schützen. Er ist besorgt, dass sie in der Schule gemobbt werden könnten. Das Ansehen von Bauern in der Gesellschaft sei nicht mehr das, was es einmal war.

M. ist einer von rund 2.000 Landwirten, die sich am Montagmorgen um 6 Uhr auf den Weg in die Hansestadt gemacht haben. Mit den Protestfahrten wollen die Bäuerinnen und Bauern ihren Unmut über den von der Ampel-Koalition geplanten Abbau von Subventionen kundtun. Zwar will die Bundesregierung auf die geplante Abschaffung der Kfz-Steuer-Befreiung verzichten. Die Abschaffung der Steuerbegünstigung beim Agrardiesel kommt aber trotzdem.

Das Ziel der Bauern: die Stadt lahmlegen

Für einen durchschnittlichen Betrieb bedeuten das bis zu 5.000 Euro Mehrkosten im Jahr, erläutert Stefan Wendtland, Vorstand des Vereins "Land schafft Verbindung" in Schleswig-Holstein und Hamburg. Er fürchtet, dass die Landwirte bei zusätzlichen Belastungen ihre Preise erhöhen müssen und dann nicht mehr mit der günstigen Konkurrenz aus dem Ausland mithalten können.

Wendtlands Verein hat die Sternfahrt nach Hamburg organisiert. Das Ziel: die Stadt lahmlegen und zeigen: "Wir sind viele." Blinkend und hupend fahren die Kolonnen aus sechs verschiedenen Richtungen in Schleswig-Holstein ins Stadtzentrum. Lastwagenfahrer, Handwerker und Gastronomen haben sich den Bauern angeschlossen. "Schnauze voll, es reicht!" und "Die Ampel ist unser Untergang" steht groß auf den Schildern, die vor die Traktoren geschraubt sind.

Landwirte erleben große Solidarität

Auf dem Weg erleben die Landwirte eine Welle der Unterstützung. Ein Mann fährt der Kolonne entgegen, hupt und hebt den Daumen. Ein Paar am Straßenrand hält ein Stoffbanner mit einem Herzen in die Höhe und winkt – die Bauern winken zurück. "Das ist eine Wohltat für mich", sagt Landwirt Andreas M. "Eine Bestätigung, dass wir die Bevölkerung hinter uns haben."

Der 45-jährige M. hat seinen Hof vom Vater übernommen. Auf 220 Hektar baut er Weizen, Roggen, Gerste, Raps, Mais und Kartoffeln an. Was ihm in der Politik fehlt, sei die Weitsicht. "Wir bekommen immer mehr Vorschriften, etwa die Verschärfung der Düngeverordnung", sagt M. "Gleichzeitig müssen wir zu Weltmarktpreisen produzieren. Das lohnt sich für viele nicht mehr. Immer mehr Bauern geben auf."

Bauernsterben: Immer mehr Landwirte geben auf

In dem 300-Seelen-Dorf, in dem M. lebt und aufgewachsen ist, habe es in den Siebzigerjahren 16 Betriebe gegeben. "Heute sind es nur noch zwei", sagt der Familienvater. Ob er seinem dreizehnjährigen Sohn dazu raten würde, den Hof zu übernehmen? "Nein", sagt M. "Er soll selber entscheiden, was er gerne einmal machen möchte."

Um 10 Uhr erreichen M. und seine Kollegen die St. Michaeliskirche. Tausende Fahrzeuge parken auf der Willy-Brandt- und der Ludwig-Erhard-Straße. Die Polizei spricht von 2.000 Teilnehmern, die Veranstalter haben "ein Vielfaches" davon gezählt. Eine Gruppe klappt mitten auf der Straße einen Tisch auf. Es gibt Kaffee und Suppe. Andere machen Feuer in einer Tonne. Es ist klirrend kalt.

Unterwanderung durch Extremisten?

Im Vorfeld hatten Behörden vor der Unterwanderung der Bauernproteste durch Extremisten gewarnt. Deutsche Sicherheitsbehörden beobachteten einem Bericht der "Welt am Sonntag" zufolge diverse Mobilisierungsaufrufe und Solidaritätsbekundungen von Rechtsextremisten, Gruppierungen der Neuen Rechten und der "Querdenker"-Szene.

Der Veranstalter der Hamburger Demo hatte sich im Vorfeld von Gewalt und extremistischem Vorgehen distanziert. In einem offiziellen Statement, das t-online vorliegt, heißt es: "Wir machen keinen Platz für extreme Gruppen oder undemokratische Ideen. Wer sich damit an uns anheften will, sollte lieber gleich zu Hause bleiben."

Laut Polizei sei die Veranstaltung komplett störungsfrei und friedlich verlaufen. Es habe keinerlei Zwischenfälle gegeben. Veranstalterin Uta von Schmidt-Kühl zeigte sich "überwältigt" von der großen Resonanz. Die Sternfahrt am Montag bildete den Auftakt der Aktionswoche des Bauernvereins. Sie soll am 15. Januar in einer Großdemonstration in Berlin gipfeln.

Verwendete Quellen
  • Beobachtungen vor Ort
  • Eigene Recherche
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