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Kiel: Mann täuscht Tod auf Ostsee vor – geplanter Versicherungsbetrug

Zwei Festnahmen  

Kieler täuscht Tod in der Ostsee vor

18.05.2020, 22:02 Uhr | André Klohn, dpa

Kiel: Mann täuscht Tod auf Ostsee vor – geplanter Versicherungsbetrug. Polizisten führen nach einem Polizeieinsatz einen Verdächtigen in Handschellen ab: Der Kieler soll seinen Tod vorgetäuscht haben. (Quelle: dpa/M. Schäfer/HannoverReporter.de)

Polizisten führen nach einem Polizeieinsatz einen Verdächtigen in Handschellen ab: Der Kieler soll seinen Tod vorgetäuscht haben. (Quelle: M. Schäfer/HannoverReporter.de/dpa)

Der Fall liest sich wie ein Krimi: Ein Kieler soll seinen Tod in der Ostsee vorgetäuscht haben, um Versicherungen zu betrügen. Monate später zerren Polizisten ihn hinter Kisten hervor.

Sein Ehering wird ihm zum Verhängnis. Zwei Stunden suchen Polizisten am 7. Mai in einer alten Stadtvilla im niedersächsischen Schwarmstedt nach einem mutmaßlichen Betrüger. Dann leuchtet ein Beamter auf dem Dachboden mit seiner Taschenlampe herum. "Er hat dabei ein Aufblitzen gesehen", sagt ein Ermittler der Polizei Kiel.

"Beim genauen Hinsehen hat der Kollege erkannt, dass es ein Ehering an einer Hand war." Wenige Augenblicke später nehmen Polizisten den 52 Jahre alten Kieler fest. In einer Ecke hockend, hinter Kartons auf dem Dachboden seiner Mutter taucht der Norddeutsche sieben Monate nach seinem vermeintlichem Ertrinken in der Ostsee wieder auf.

Versuchter Versicherungsbetrug

Die Kieler Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mehrfachen versuchten Betrugs. "Bereits 2018 sind für den Beschuldigten gut ein Dutzend Lebens- und Unfallversicherungen bei verschiedenen Versicherungsgesellschaften abgeschlossen worden", sagt Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Die Gesamtsumme liege bei mehr als 4,1 Millionen Euro. "Wir waren relativ schnell der Auffassung, dass hier lediglich der Tod vorgetäuscht worden ist, um die Versicherungssumme zu kassieren." Sie sollte im Todesfall an Frau und Mutter ausgezahlt werden.

Rückblende: Am 7. Oktober 2019 bricht der Mann von Kiel aus mit einem kleinen Motorboot zu recht später Stunde in Richtung Dänemark auf. Das Wetter ist nicht schlecht. Drei Tage später meldet seine Frau ihn als vermisst. Eine großangelegte Suche verläuft ohne Erfolg. Am 11. Oktober entdeckt ein Zeuge das gekenterte Boot vor dem nordöstlich von Kiel gelegenen Ort Schönberg. Der Bug ragt noch aus dem Wasser, das Boot ist vom Strand aus zu sehen. Offensichtliche Schäden gibt es nicht, Schwimmwesten und Schlauchboot fehlen.

Ermittler werden skeptisch

Die Kieler Polizei stößt bei den Ermittlungen auf Ungereimtheiten und wird schnell skeptisch. Für einen 23 Jahre alten Ermittler ist es überhaupt der erste Vermisstenfall. Erst wenige Monate vorher hat er seine Ausbildung abgeschlossen. "Die Ermittlungsarbeit gestaltete sich wie ein Puzzle", sagt er.

Ein Gutachter stellt schließlich Manipulationen am Boot fest. "Das hat für uns einen Unfall ausgeschlossen", sagt der Ermittler. Weitere Indizien kommen hinzu. "Das Verhalten der Ehefrau beispielsweise wies Fragen auf", sagt eine Ermittlerin. Sie habe angeblich keine Kenntnis von alltäglichen Dingen aus dem Leben ihres Mannes gehabt und "recht spät eine Vermisstenmeldung erstattet". Zudem beantragen mehrere Versicherungen Akteneinsicht.

Beschuldigter schweigt

"Der Plan war durchdacht und gut vorbereitet", sagt die Ermittlerin. "Da steckte ein Haufen Arbeit dahinter." Die Polizisten gehen davon aus, dass der Mann, seine gleichaltrige Ehefrau und die 86 Jahre alte Mutter des Kielers den Plan gemeinsam ausgeheckt haben. Die Ehefrau sitzt seit Ende April in Untersuchungshaft. Ihr Mann schweigt zu den Vorwürfen, seine Mutter ebenfalls.

Polizisten stehen vor einem Haus in Niedersachsen: Dort haben Ermittler einen 52-jährigen Kieler, sieben Monate nach seinem vermeintlichen Ertrinken in der Ostsee,  ausfindig gemacht.  (Quelle: dpa/M. Schäfer/HannoverReporter.de)Polizisten stehen vor einem Haus in Niedersachsen: Dort haben Ermittler einen 52-jährigen Kieler, sieben Monate nach seinem vermeintlichen Ertrinken in der Ostsee, ausfindig gemacht. (Quelle: M. Schäfer/HannoverReporter.de/dpa)

Antrag auf Auszahlung des Geldes sei bereits gestellt worden, sagt Oberstaatsanwalt Bieler. Bei Seeunfällen gelte eine sechsmonatige Frist. Sonst könne eine Person erst nach fünf Jahren für tot erklärt werden. Der 52-Jährige ist für die Staatsanwaltschaft kein Unbekannter: Er wurde in Kiel bereits wegen Kreditbetrugs verurteilt, das Urteil ist aber nicht rechtskräftig.

Ähnlicher Fall vor 26 Jahren

Der aktuelle Fall weist deutliche Parallelen zu einem Hamburger Verbrechen auf. In der Nacht zum 29. April 1994 setzt der ehemalige Betreiber eines Hamburger Tauch- und Segelshops auf der Elbe seinen 18 Meter langen Kutter in Brand und verschwindet, um seinen Tod vorzutäuschen. Mit Hilfe seiner Ehefrau will er Lebensversicherungen von rund einer Million Mark kassieren.

Für tot erklärt wird er aber nicht, die Lebensversicherungen zahlen nicht aus. Schließlich wird er im März 1999 in Berlin vor dem Haus seines Vaters gefunden. 2001 verurteilt das Landgericht Itzehoe den damals 50 Jahre alten Kaufmann wegen versuchten Betrugs zu 13 Monaten auf Bewährung. Die Motive liegen nach Überzeugung der Richter in hohen Schulden und Unterhaltsrückständen.

Anklage wird vorbereitet

In dem spektakulären Kieler Fall haben die Ermittler bislang nur die Ehefrau vernommen. "Wir haben Hinweise, dass sich der Mann längere Zeit bei seiner Mutter aufgehalten hat", sagt der Ermittler. Gesichert seien diese Erkenntnisse aber nicht. Unklar ist auch die Staatsangehörigkeit des in Deutschland geborenen Kielers. Offen ist zudem, welchem Beruf er zuletzt nachging. "Wir haben verschiedene Angaben und Hinweise", sagt der Oberstaatsanwalt. Noch in diesem Jahr soll das Trio angeklagt werden.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat keine Zahlen zu Fällen, bei denen Menschen mit dem Vortäuschen ihres Todes Versicherungsbetrug versuchen. Eine Sprecherin geht aber davon aus, "dass dieses Phänomen sehr selten vorkommt".

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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