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Köln: Erzbischof Woelki stellt Konsequenzen aus Missbrauchsgutachten vor

Nach Missbrauchsgutachten  

"Ruf der Kirche wurde höher bewertet als das Leid der Opfer"

23.03.2021, 12:00 Uhr | Stefan Rahmann, dpa, AFP

Köln: Erzbischof Woelki stellt Konsequenzen aus Missbrauchsgutachten vor. Erzbischof Rainer Maria Woelki bei der Pressekonferenz am Dienstagmorgen: "Der Ruf der Kirche wurde höher gewertet als das Leid der Betroffenen." (Quelle: dpa/Oliver Berg)

Erzbischof Rainer Maria Woelki bei der Pressekonferenz am Dienstagmorgen: "Der Ruf der Kirche wurde höher gewertet als das Leid der Betroffenen." (Quelle: Oliver Berg/dpa)

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki hat sich ausführlich zu dem vergangene Woche veröffentlichten Missbrauchsgutachten geäußert. Für die Entschädigung stellt das Erzbistum fünf Millionen Euro zur Verfügung.

Bei einer Pressekonferenz hat sich Kardinal Rainer Maria Woelki ausführlich zu der Untersuchung zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln geäußert. Nach der Freistellung dreier Würdenträger kündigte das Erzbistum weitere Konsequenzen an.

Das unabhängige Gutachten habe die Verantwortlichen genannt, sagte der Erzbischof. Zu deren Vergehen fand er klare Worte: "Der Ruf der Kirche wurde höher bewertet als das Leid der Opfer. Generell fehlte es an Mitgefühl." Betroffenen sei häufig noch nicht einmal zugehört worden.

"Betroffene haben sich lange nicht getraut, etwas anzuzeigen, weil sie fürchteten, ihnen würde nicht einmal Glauben geschenkt." Hinzu sei Chaos in der Verwaltung gekommen. Woelki sprach von "systembedingten Vertuschungen". "Das alles hat Leben zerstört." Er wandte sich direkt an die Betroffenen: "Ich will und ich werde zuhören. Ich möchte mich zuwenden." Der Kardinal bot ihnen ein persönliches Gespräch an. Er könne aber auch gut verstehen, wenn sich das jemand nicht wünsche.

Auf Kritik, dass die Namen der Verantwortlichen lange bekannt gewesen seien und spätestens seit der MHG-Studie im Jahr 2018 doch alle Fragen geklärt seien, antwortete Woelki: "Wir leben in einem Rechtsstaat. Nur Richter dürfen urteilen. Wir haben alle Akten und die beiden Gutachten an die Staatsanwaltschaft gegeben."

Fünf Millionen Euro für die Opfer

Generalvikar Markus Hofmann kündigte kurzfristig umsetzbare Schritte sowie komplexere Veränderungen an, die Zeit benötigten. Das Gutachten habe aufgezeigt, wo das Bistum schlecht aufgestellt sei. "Der deutlichen und harschen Kritik stellen wir uns." Die Umsetzung der Vorschläge sei keine Frage des "ob", sondern des "wie".

Fünf Millionen Euro stünden für die Entschädigung der Opfer zur Verfügung. Das Geld stamme nicht aus der Kirchensteuer, sondern aus einem Fond freiwiilliger Abgaben von Klerikern in den vergangenen Jahren. Eine Million Euro gehe in einen Solidaritätsfonds für Betroffene, die in Klöstern missbraucht wurden. Beschuldigte Kleriker sollen intensiver kontrolliert, Ergebnisse von Gesprächen besser dokumentiert werden.

Vorrangiges Ziel sei die Vermeidung von Taten. Würden Auflagen nicht beachtet, käme ein Strafverfahren in Betracht. Taten würden straf- und kirchenrechtlich unnachgiebig verfolgt. Die Interventionsstelle werde zudem gestärkt. Auch sie werde sich gegebenenfalls an die Staatsanwaltschaft wenden. Bisher seien dort drei Personen tätig, eine weitere Stelle werde hinzukommen.

Woelki: "Breche absurderweise geltendes Kirchenrecht"

Kardinal Woelki forderte auch Konsequenzen für das Kirchenrecht: "Ich habe die Anweisung gegeben, dass im Erzbistum keine Akten mehr vernichtet werden dürfen. Damit breche ich absuderweise geltendes Kirchenrecht." Verjährungsfristen müssten verlängert werden. Missbrauchsverfahren würden im Kirchenrecht in erster Linie als Verstoß gegen das Zölibatsversprechen gesehen. Das sei Missbrauch aus der Täterperspektive.

Außerdem dürfe ein einfacher Pfarrer nicht von einem Tag auf den anderen für 2.000 Mitarbeitende verantwortlich sein: "Da braucht es Schulungen, gerade auch im Umgang mit sexualisierter Gewalt." Es bedürfe eines Systems der gegenseitigen Kontrolle, auch von außen. "Es wird nicht mehr möglich sein, dass Seiten aus Akten verschwinden oder ganze Akten hinter den Schrank fallen", so Woelki.

"Wäre besser gewesen, wenn ich es getan hätte"

Zuvor hatte sich Woelki zum Fall des Priesters O., bei dem er selbst in die Kritik geraten war, geäußert: "Ich weiß, dass ich da pflichtgemäß gehandelt habe. Ich habe aber nicht alles Mögliche getan. Ich hätte nicht nach Rom melden müssen, aber ich hätte es tun können und tun sollen. Es wäre besser gewesen, wenn ich es getan hätte."

Woelki berichtete zudem von einer "unendlichen Geschichte" der Vergehen eines Priesters in den 90ern. 2011 sei der Fall verjährt gewesen. Die Glaubenskongregation habe entschieden, dass der pädophile Priester wieder tätig sein könne. Als neue Anschuldigungen eingegangen seien, habe Woelki den Priester suspendiert. Das hätte er früher tun müssen, so der Kardinal. "Ich weiß, ich habe nicht gegen das Recht verstoßen. Aber ich frage, ob ich gerade mit Blick auf diesen Fall das Richtige getan habe. Das beschäftigt mich und lässt mich zweifeln. Das ist ein beschämendes Beispiel für meine persönliche Unzulänglichkeit."

Mehrere Geistliche bereits beurlaubt

Das Gutachten war vergangenen Donnerstag veröffentlicht worden und hatte ergeben, dass aufgrund der noch verfügbaren Akten im Erzbistum Köln zwischen 1975 und 2018 insgesamt 314 Personen – meist Jungen unter 14 Jahren – Opfer von sexualisierter Gewalt geworden waren. Der Gutachter Björn Gercke stellte fest, "dass sich Jahrzehnte offenbar niemand getraut hat, solche Fälle zur Anzeige zu bringen".

Die Aktenführung des größten deutschen Bistums wurde als äußerst mangelhaft kritisiert. Mehreren Verantwortungsträgern des Erzbistums warf Gutachter Gercke Pflichtverletzungen vor, so etwa dem früheren Personalchef und heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße und dem 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner.

Unmittelbar nach der Vorstellung des Gutachtens hatte Kardinal Woelki, der selbst nicht belastet wurde, den Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und den Kirchenrichter Günter Assenmacher beurlaubt. Noch am selben Tag bat Erzbischof Heße den Papst um seine Entlassung. Am nächsten Tag wurde zudem der Kölner Weihbischof Ansgar Puff auf eigenen Wunsch von Woelki beurlaubt.

Eigener Rücktritt ausgeschlossen

Seinen Rücktritt hatte Woelki bereits im Vorfeld ausgeschlossen: "Indem ich im Amt bleibe, übernehme ich Verantwortung für das, was ich in Köln begonnen habe: die schonungslose Aufklärung", sagte Woelki der "Zeit". Der Erzbischof kündigte die Einberufung einer unabhängigen Aufarbeitungskommission an.

Auf die Frage, ob er sein Amt zur Verfügung stellen wolle, entgegnete der Erzbischof: "Nein! Was wäre mit einem Rücktritt gewonnen? Das wäre der einfachere Weg." Er sehe sich als Erzbischof "hier weiter in der Pflicht – deshalb bleibe ich im Amt", sagte Woelki.

Zur Frage nach weiteren Konsequenzen sagte er der "Zeit": "Eine der Konsequenzen wird sein, dass die Führung von Personalakten fälschungssicher werden muss." Daran arbeite das Bistum schon seit einiger Zeit. "Sowohl Personalakten als auch Interventionsakten werden in ein elektronisches Kontrollsystem eingespeist werden, damit künftig kein Material, das Bistumsmitarbeiter belastet, mehr manipuliert oder vernichtet werden kann."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Beobachtungen
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Nachrichtenagentur AFP
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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