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Übergewicht und Depressionen: Kölner Kinderärztin über Corona-Folgen bei Kindern

INTERVIEWKinderärztin über Pandemie-Folgen  

"Extremes Übergewicht ist sehr stark vertreten"

Von René Denzer

10.04.2021, 11:05 Uhr
Übergewicht und Depressionen: Kölner Kinderärztin über Corona-Folgen bei Kindern. Ein trauriges Kind sitzt vor dem Essen (Symbolbild): Die Corona-Pandemie hat laut Experten massive Auswirkungen auf Kinder. (Quelle: imago images/Shotshop)

Die Corona-Pandemie hat laut Experten massive Auswirkungen auf Kinder (Symbolbild). (Quelle: Shotshop/imago images)

Corona zerrt an den Nerven – nicht nur bei Erwachsenen, sondern vor allem auch bei Kindern. Das hat Auswirkungen, berichtet eine Kölner Kinderärztin.

Die Corona-Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus können die Psyche und den Körper von Kindern beeinflussen. Über die Auswirkungen hat t-online mit der Kinderärztin Simin Fakhim-Haschemi gesprochen. Die 53-Jährige hat 2001 die Praxis ihres Vaters in Köln-Porz übernommen.

t-online: Seit etwas über einem Jahr bestimmt Corona das Geschehen. Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich Ihrer Arbeit mit Kindern gemacht?

Simin Fakhim-Haschemi: Es gibt weniger Infektionskrankheiten wie Grippe. Lungenentzündungen habe ich von Januar bis Ostern manchmal bis zu vier bis fünf am Tag behandelt. In diesem Jahr waren es bis jetzt drei insgesamt. Auch Sportverletzungen und Brüche gibt es kaum.

Jetzt könnte man meinen, das sei gut. Hört sich aber nicht danach an, oder?

Einerseits ist es natürlich gut, doch dafür gibt es einen Grund. Wenn ich mich kaum bewege, kann ich mich auch nicht beim Sport oder beim Toben verletzen. Aber ich sehe in meiner Praxis, dass dafür andere Krankheiten stark zunehmen.

Kinderärztin Dr. Simin Fakhim-Haschemi in ihrer Praxis in Köln-Porz: Kinder leiden unter der Corona-Pandemie körperlich und seelisch. (Quelle: René Denzer)Kinderärztin Dr. Simin Fakhim-Haschemi in ihrer Praxis in Köln-Porz: Kinder leiden unter der Corona-Pandemie körperlich und seelisch. (Quelle: René Denzer)

Welche zum Beispiel?

Adipositas, also extremes Übergewicht, ist sehr stark vertreten. Und ich rede da nicht von zwei bis drei Kilo, sondern zehn bis 15.

Woher kommt das?

Fast Food, Chips, Süßigkeiten sind das eine. Das andere ist der fehlende Tagesrhythmus. Ich weiß von einigen Kindern, dass sie bis mittags im Bett geblieben sind. Etliche Kinder und Jugendliche verbringen zudem zu viel Zeit am Computer, an der Playstation oder vor dem Fernseher. Es fehlt vor allem an Bewegung. Eine Folge ist eben Übergewicht. Ich habe einige Kinder in meiner Praxis, die haben nur den Schulsport. Fällt der aus oder gar die ganze Schule, kommt manch einer kaum vor die Tür.

Was wiederum nicht gesund ist.

Richtig. Manche Kinder sind blass, haben Vitamin-D-Mangel. Hinzu kommt das Übergewicht mit den damit verbundenen Folgen wie Bluthochdruck, Kniebeschwerden, Leberverfettung und Diabetes. Auch der Medienkonsum hat extrem zugenommen. Mit all seinen Begleiterscheinungen. Viele Kinder bekommen Probleme mit den Augen und haben sozusagen einen Knick im Nacken, da ihr Blick ständig nach unten aufs Handy oder Tablet gerichtet ist. Das sind Folgeerkrankungen nicht durch, sondern wegen Corona.

Was raten Sie Familien, deren Kinder mit Übergewicht zu kämpfen haben?

Wir führen ganz lange Gespräche mit den Eltern, dass man sich durchaus in Corona-Zeiten bewegen kann. Man kann Fahrradfahren, man kann Spazierengehen, man kann auf den Spielplatz mit Abstand. Das Problem ist, dass die meisten Familien – und das ist ganz erschreckend – mit "Wir gehen jetzt mal 'ne Stunde spazieren" gar nichts anfangen können. Das ist irgendwie in Vergessenheit geraten. Wir haben früher Hüpfekästchen oder so was gespielt, das machen die Kinder heutzutage nicht mehr. Das ist schade. Auch bieten wir den Eltern natürlich auch Ernährungsumstellung und -beratung an.

Wie läuft das ab?

Meistens lassen wir ein Ernährungsprotokoll schreiben. Über eine Woche etwa. Die Eltern sagen: "Der isst ganz normal". Aber wenn man das Ernährungsprotokoll sieht, dann erschreckt man sich, weil der Begriff 'normal' schon bei den Eltern anders ist. 20 Capri-Sonnen am Tag sollte kein Kind trinken, sondern lieber Wasser.

Und das sind nur die körperlichen Krankheiten.

Es gibt natürlich auch psychosomatische Krankheiten. Hervorgerufen durch fehlende soziale Kontakte, wenn die Kinder keine Freunde treffen dürfen. Manche von ihnen haben Ticks entwickelt. Es gibt Kinder, die räuspern sich unentwegt, andere wackeln ständig mit dem Kopf. Es gibt aber auch Depressionen. Manche fangen an, sich zu ritzen. Es gibt auch Suizidversuche. Alte Traumata brechen auf, weil die Kinder zu viel Zeit zum Nachdenken haben. Und andere haben einfach Angst.

Vor Corona?

Ja, aber nicht so sehr, dass ihnen etwas passiert, sondern, dass sie Eltern oder gar Großeltern anstecken können. Kinder sind oft asymptomatisch, das heißt, sie können das Virus in sich tragen, ohne die erwarteten oder ganz ohne Krankheitsanzeichen. Das sorgt für Verunsicherung. Ich habe einen Fall, da ist der Vater eines Kindes schwer krank. Das macht sich jedes Mal Gedanken, wenn es in der Schule war, ob es 'was mitgebracht' und den Papa womöglich angesteckt hat. Deswegen werde ich auch von Kindern und Jugendlichen oft gefragt, wann und ob sie überhaupt geimpft werden.

Wäre das eine Option?

Ich fände es schon gut, wenn wir einen Impfstoff hätten, der auch schon an Zwölfjährige abgegeben werden kann. Erst dann können wir die ganze Sache in den Griff bekommen.

Was fehlt Ihnen bei den ganzen Planungen, die gemacht werden?

Sicherheit ist natürlich richtig und wichtig und sollte an erster Stelle stehen. Doch auf lange Sicht fehlt eine Perspektive. Besonders eben für die Kinder. Sie brauchen die Möglichkeit, sich zu bewegen, Freunde zu treffen.

Wie kann man das hinbekommen?

Unter Auflagen könnten Vereine ihren Trainingsbetrieb wieder aufnehmen. Da hat man dann direkt beides: Bewegung und soziale Kontakte. Auch mit Abstand und Maske kann trainiert werden. Meinetwegen sollten die Kinder vor jedem Training einen Schnelltest durchführen. Auch für die Schulen müssen Lösungen her. Homeschooling ist auf Dauer keine Lösung. Vor allem nicht in bestimmen Familien.

Das müssen Sie erläutern.

Nicht in jedem Haushalt klappt das mit der Digitalisierung. Bei Familien mit mehr Kindern fängt das schon bei der Anzahl der zur Verfügung stehenden Geräte an. Ich behandele auch viele Kinder, deren Eltern nicht so gut Deutsch sprechen. Ist Homeschooling angesagt, werden diese Kinder vom Lernprozess abgeschnitten. Wie kann das Kind zu Hause Deutsch lernen, wenn die Eltern ihm nicht wirklich helfen können? Es gibt aber auch andere Fälle, wo es keine sprachlichen Barrieren gibt, wo es problematisch ist. Wenn eine Familie mehrere Kinder unterschiedlichen Alters hat, hat jedes Kind auch einen anderen Schulrhythmus. Für Eltern ist das ein Fulltime-Job, da bleibt nicht viel Zeit für deren eigentliche Arbeit.

Sie sagten, dass auch für Schulen Lösungen her müssen. Nun setzt das Land NRW nach den Osterferien ab Montag zunächst wieder auf Distanzunterricht. Jüngst hat die Stadt Köln aber auch verkündet, sie wolle ihre Corona-Test-Projekte mit der sogenannten Lolli-Methode an Schulen und Kitas weiter ausweiten. Ist das ein richtiger Weg in Richtung Normalität?

Da warten wir mal ab, wie die durchgeführt werden und ob das so klappt. Sicherlich ist Testen die richtige Strategie. Wenn man durch Testen erreichen kann, dass die Schulen und Kitas geöffnet bleiben können, ist das der richtige Weg. Dann aber nicht nur einmal die Woche, sondern in der Schule täglich – zumindest zwei Mal. Das ist sicherer.

Verwendete Quellen:
  • Persönliches Gespräch in der Praxis

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