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Stuttgart: Die Angst auf dem Heimweg – Sicherheit für Frauen

Die Angst auf dem Heimweg  

"Als ich aussteigen wollte, hielt er mich fest"

Von Tilman Johannes Baur

28.11.2021, 16:09 Uhr
Stuttgart: Die Angst auf dem Heimweg – Sicherheit für Frauen. Eine Frau schützt sich gegen einen Angreifer (Archivbild): In Stuttgart kommt es immer häufiger zu Übergriffen auf Frauen. (Quelle: imago images/Rolf Poss)

Eine Frau schützt sich gegen einen Angreifer (Archivbild): In Stuttgart kommt es immer häufiger zu Übergriffen auf Frauen. (Quelle: Rolf Poss/imago images)

Stuttgart pflegt das Selbstbild einer sicheren Großstadt. Dieses Bild trügt. Übergriffe auf Frauen und Vergewaltigungen häufen sich. Für viele Frauen sind öffentliche Plätze mittlerweile No-go-Areas.

Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) fordert, dass Gewalt gegen Frauen besser dokumentiert und erfasst wird. "Jede dritte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt. Das gibt mir Anlass zur Sorge. Das dürfen wir nicht dulden", sagte Strobl. "Basis für eine Optimierung der jeweiligen Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen bilden aussagekräftige Daten", so der CDU-Politiker.

Besonders im Südwesten zeichnet sich ein dramatischer Trend ab: Wurden im Jahr 2017 noch 11.989 Fälle von Partnergewalt in der Kriminalstatistik verzeichnet, waren es 2020 bereits 13.819 – rund 81 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt waren im Jahr 2020 weiblich. Doch auch auf den Straßen herrscht Angst – so auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

Stuttgarterinnen meiden nachts die Straßen

"In der Stuttgarter Innenstadt fühle ich mich nachts überhaupt nicht sicher." Das sagt Andrea Novo Arteiro, eine 18-jährige Frau aus Stuttgart. Andrea ist nur eine von vielen jungen Frauen, die sich in der baden-württembergischen Landeshauptstadt abends höchstens mit einem mulmigen Gefühl auf die Straße trauen – wenn überhaupt.

Aktuelle Ereignisse wie die Vergewaltigung einer 16-Jährigen auf der Königstraße vor einem Monat verstärken die Angst davor, sich nachts allein in der Innenstadt zu bewegen.

In den letzten Wochen häufen sich die Nachrichten von sexuellen Übergriffen und Gewalttaten: Am 20. November hatte ein Mann eine 19-Jährige in der U-Bahn belästigt. Tags darauf gab es einen Übergriff in einer Diskothek in der Friedrichstraße. "Wenn ich solche Sachen im Internet lese, dann muss ich mich nachts nicht unbedingt am Schlossplatz aufhalten", sagt Andrea.

Großstadt- oder Stuttgart-Problem?

Eine Umfrage des Jugendrats West vom Februar dieses Jahres bestätigt, dass sich junge Frauen in Stuttgart nachts kaum auf die Straße trauen. Drei Viertel der Befragten im Alter von 11 bis 19 Jahren geben an, sich nachts im Stuttgarter Westen unwohl oder unsicher zu fühlen. In anderen Gegenden scheint das noch häufiger der Fall zu sein.

So erzählt Andrea, dass sie im Westen noch verhältnismäßig gut zurechtkommt, während sie andere Gegenden wie die Stuttgarter Innenstadt nachts möglichst ganz meidet.

Und das Problem scheint tatsächlich ein Stuttgart-spezifisches zu sein und eben kein typisches Großstadtproblem: Eine bundesweite Umfrage des ARD-Politmagazins "Panorama" zeigt, dass sich in Deutschland zwar mehr Frauen als Männer bedroht fühlen – allerdings spielt die Angst vor sexueller Gewalt im Vergleich kaum eine Rolle. Knapp 17 Prozent der Deutschen geben an, im Alltag häufig die Befürchtung zu haben, sexuell bedrängt zu werden. Die Stuttgarter Ergebnisse sind im Vergleich dazu erschreckend.

Andrea: "Als ich aussteigen wollte, hielt er mich fest"

Diese Angst kommt nicht von ungefähr: Abgesehen von Nachrichten über Vergewaltigungen in Stuttgart hat auch ein Großteil der jungen Frauen bereits selbst Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht. Die Umfrage des Jugendrats stellt fest, dass unter den 17- bis 19-Jährigen bereits über drei Viertel der Befragten verbal oder körperlich belästigt wurden. "Es gibt häufig Situationen, in denen ich mich unwohl oder unsicher fühle, wenn mich Männer sehr aufdringlich ansprechen und gar nicht mehr weggehen", erzählt Andrea.

Eine dieser Erfahrungen beschreibt sie so: "Ich war in der Bahn und im Eingangsbereich stand eine Gruppe Männer. Als ich aussteigen wollte, hat mich einer der Männer am Arm festgehalten, sodass ich nicht aussteigen konnte. So was ist total gruselig." Schilderungen wie die von Andrea müssten die Behörden alarmieren. Doch was hat die Stadt bisher getan, um das Sicherheitsgefühl zu verbessern?

Ordnungsbürgermeister: "Stuttgart ist sicher"

Anlässlich der schockierenden Umfrageergebnisse hat sich die Stadt mit den Jugendräten abgestimmt. In der Folge wurden die Projekte "Mit mir nicht – Sicherheit für Frauen" und "Stark ohne Gewalt" ins Leben gerufen. Lösungsansätze sind im Rahmen des Projekts das Angebot von kostenlosem Training durch die Polizei sowie durch Anti-Gewalt-Trainer. So soll neuen Fällen sexueller Übergriffe vorgebeugt werden. Laut Pressesprecher Niklas Junkermann finanziert die Stadt bei beiden Projekten die Anti-Gewalt-Trainer.

Außerdem hat man in Stuttgart 2016 die Polizeipräsenz erhöht, indem man die Sicherheitskonzeption Stuttgart (SKS) gegründet hat. "Seitdem sind an jedem Tag bis zu 70 Beamte mehr in der Innenstadt präsent", so Junkermann. "Stuttgart ist sicher", sagt Ordnungsbürgermeister Clemens Maier. Trotzdem: Auch er gibt zu, dass weiter vorkommende Straftaten nicht ausgeschlossen werden können.

Die Kluft ist groß

Auch die Beleuchtung hat die Landeshauptstadt im Oberen Schlossgarten, vor dem Kunstmuseum, auf der Königstraße und im Stadtpark Vaihingen verbessert. Zudem wurde im Oberen Schlossgarten eine Notrufsäule eingerichtet und der Schlossplatz wird an Wochenenden nachts videoüberwacht. "Im Bereich ÖPNV gibt es mittlerweile Sicherheitsangebote für Frauen und verstärkte Präsenz von Sicherheitspersonal an relevanten Haltestellen", zählt Junkermann weiter auf.

Die Beleuchtung in Stuttgart und andere Sicherheitskonzepte sollen weiterhin diskutiert und verbessert werden. "Entscheidend ist, dass die Stadtverwaltung mit ihren Partnern, vornehmlich der Polizei, weiter ein hohes Maß an Sicherheit im öffentlichen Raum gewährleistet und entsprechende Konzepte weiterentwickelt", so Clemens Maier.

Die Kommunikation zwischen der Ordnungsverwaltung des Rathauses und dem Polizeipräsidium verlaufe im Alltag reibungslos, lässt die Stadt verlauten. Zu dem konkreten Vorfall auf der Königstraße äußert sie sich nicht.

Die Kluft zwischen den offiziellen Aussagen einerseits und dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Frauen andererseits ist groß. Es bleibt der Eindruck zurück, dass die Verwaltung der angeblich sicheren Großstadt Stuttgart mittlerweile eine verzerrte Wahrnehmung der Realität hat – oder die Tatsachen nicht zur Kenntnis nimmt.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Nachrichtenagentur dpa

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