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In manchen Pflegeheimen bislang kaum ein Bewohner geboostert

Von dpa
03.03.2022Lesedauer: 4 Min.
Pflegeheim
Eine Mitarbeiterin (r) des Seniorenhaus im Vorbachtal, betreut einen Bewohner des privaten Pflegeheims. (Quelle: Marijan Murat/dpa/Archivbild/dpa-bilder)
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Auch nach mehreren tödlichen Corona-Ausbrüchen in Pflegeheimen ist die Booster-Quote in manchen Einrichtungen im Land erschreckend niedrig. So gab es vor kurzem noch Heime in Baden-Württemberg, wo nicht einmal jeder zehnte Bewohner eine Auffrischungsimpfung erhalten hat, wie eine Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Anfrage der SPD ergab, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Die landesweite Booster-Quote in vollstationären Einrichtungen lag (Stand 28.2.) im Durchschnitt für Bewohner bei 81,8 Prozent und für Beschäftigte bei 61,1 Prozent, wie das Ministerium am Donnerstag mitteilte. "Die Richtung stimmt", sagte Amtschef Uwe Lahl.

Die Sozialdemokraten haben sich bei Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) nach dem Status der Impfungen in den Heimen in den einzelnen Stadt- und Landkreisen erkundigt - und Mitte Februar Antwort für 33 Stadt- und Landkreise erhalten. Ergebnis: In den meisten Kreisen lag die Booster-Quote der Heimbewohner zum Zeitpunkt der Erhebung noch unter 80 Prozent.

Im Kreis Ravensburg, dem Wahlkreis von Lucha, war sie mit 68 Prozent besonders niedrig, im Kreis Konstanz lag sie gar nur bei 67 Prozent. SPD-Fraktionschef Andreas Stoch warf Lucha Versäumnisse vor. Dessen Ministerium wehrte sich am Donnerstag energisch gegen die Kritik. "Herr Stoch instrumentalisiert hier den Tod von Menschen für den politischen Nahkampf", sagte ein Sprecher.

In einzelnen Heimen sieht die Lage noch weit düsterer aus, wie die Antwort des Ministeriums ergab. Denn für jeden Stadt- und Landkreis wurden auch die fünf Pflegeheime mit den jeweils niedrigsten Quoten für die Auffrischungsimpfung erfragt. In Ravensburg gibt es demnach ein Heim, in dem nur 11 Prozent der Bewohner einen Booster erhalten haben. Im Kreis Karlsruhe liegt das schlechteste Heim nur bei 7,7 Prozent, im Ortenaukreis und im Kreis Esslingen gibt es dem Ministerium zufolge sogar Heime, in denen kein einziger Bewohner geboostert ist. In Stuttgart führt die Negativliste ein Heim an, in dem nur 12,5 Prozent der Bewohner einen Booster erhalten haben.

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SPD-Fraktionschef Stoch nannte die geringen Booster-Quoten fahrlässig. Es gehe in Pflegeheimen um das Überleben vulnerabler Gruppen. "Weitere Corona-Tote in den Heimen darf es angesichts der mittlerweile verfügbaren Schutzmaßnahmen nicht mehr geben. Es ist unverantwortlich, wenn Menschen sterben müssen, weil das Land nicht alles für deren Schutz getan hat."

Unter den Beschäftigten ist die Booster-Quote im Schnitt noch deutlich niedriger als unter den Bewohnern der Heime - und das trotz anstehender Impfpflicht für diese Berufsgruppe. Nur 61,1 Prozent der Pflegebeschäftigten in Baden-Württemberg haben nach aktuellsten Daten eine Auffrischungsimpfung erhalten.

Besonders niedrig war die Booster-Quote zuletzt unter den Pflege-Beschäftigten in den Heimen im Kreis Reutlingen mit 39 Prozent, in den Heilbronner Heimen lag sie bei 41,4 Prozent. In der Branche greift bald die sogenannte einrichtungsbezogene Impfpflicht. Ungeimpfte Mitarbeiter etwa von Kliniken und Pflegeheimen müssen sich vor ihrem Inkrafttreten am 16. März immunisieren lassen, um weiter arbeiten zu dürfen.

SPD-Gesundheitsexperte Florian Wahl forderte Lucha auf, in den Pflegeheimen mehr für die Impfung zu werben. Das Ministerium habe "nach wie vor nicht die Courage, konsequent gegen Falschinformationen in den betreffenden Heimen vorzugehen", sagte er. "Das reine Impfangebot von außen reicht nicht aus, um die noch zweifelnden Bewohnerinnen und Bewohner, ihre Angehörigen und gesetzlichen Beistände sowie die noch nicht geimpften Beschäftigten zum Impfen zu bewegen."

Das gelte erst recht, wenn die Heimleitung auch nicht vom Impfen überzeugt sei, meinte Wahl. Auch sei nicht erkennbar, was die Landesregierung gegen die niedrige Impfquote unter den Pflegebeschäftigten tun will. "Wenn Minister Lucha lediglich mit den Verbandsleitungen spricht, mit denen ohnehin ein Konsens zum Impfen besteht, hilft das wenig." Es müsse direkt bei den Beschäftigten in der Pflege für das Impfen geworben werden.

Luchas Ministerium weist die Kritik scharf von sich. Das Land habe ausreichende Impfangebote bereitgestellt und unablässig für das Impfen geworben. "Mehr kann das Land weder praktisch noch rechtlich unternehmen", betonte ein Sprecher. Die Gründe für die schlechten Quoten unter den Bewohnern seien vielfältig - neben Impfskepsis könnten akute Krankenhausaufenthalte oder Impfdurchbrüche einer Impfung im Weg stehen.

Besonders bei neu aufgenommenen Bewohnerinnen und Bewohnern müsse noch die Grundimmunisierung abgeschlossen werden, weshalb eine Auffrischimpfung noch nicht in Frage komme. Dass Stoch "mit seinen Aussagen nahe lege, dass Menschen in Baden-Württemberg in Pflegeheimen gestorben seien, weil das Land sie nicht ausreichend geschützt habe, ist unerträglich".

In einem Pflegeheim in Rastatt sind zum Jahreswechsel 15 Menschen an oder mit Corona gestorben. Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden ermittelt unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Das Landratsamt ist der Ansicht, dass sich das Coronavirus im Pflegeheim ausbreiten konnte, weil Hygieneregeln und Hygienestandards nicht eingehalten worden seien. Der Betreiber verwahrt sich gegen "pauschale öffentliche Vorwürfe" durch die Behörden - und wies darauf hin, dass trotz Impfkampagne von den gestorbenen Bewohnern sehr wenige zweimal geimpft gewesen seien und niemand geboostert.

Auch wenn der Höhepunkt der Omikron-Welle überschritten sei, könne für die Zukunft leider nicht ausgeschlossen werden, "dass es wieder zu Todesfällen in Einrichtungen kommt", sagte der Sprecher des Ministeriums. Am Ende helfe nur eine hohe Impfquote. Deshalb werde die einrichtungsbezogene Impfpflicht gerade sehr engagiert umgesetzt.

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