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"The Irishman" auf Netflix: Der Abgesang der alten Männer

"The Irishman" und Co.  

Mit 160 Millionen Dollar zur Selbstherrlichkeit

Von Arno Raffeiner

01.12.2019, 14:01 Uhr
"The Irishman" auf Netflix: Der Abgesang der alten Männer. Al Pacino (Mitte) und Robert de Niro (rechts) nach ihrer digitalen Verjüngungskur in "The Irishman": Erstickt das Kino an Nostalgie? (Quelle: Netflix)

Al Pacino (Mitte) und Robert de Niro (rechts) nach ihrer digitalen Verjüngungskur in "The Irishman": Erstickt das Kino an Nostalgie? (Quelle: Netflix)

Hollywood steckt Unmengen Geld in neue Filme, die eine gute alte Zeit heraufbeschwören. Und wie "The Irishman" alternde Superstars künstlich jünger machen. Woher kommt diese Kino-Nostalgie?

Für seinen Kumpel Martin Scorsese ist Hollywoodstar Robert De Niro in den digitalen Jungbrunnen gesprungen. Und sieht am Ende ziemlich alt aus. Das können seit Mittwoch alle Netflix-Abonnenten im epischen Gangsterfilm "The Irishman" bewundern.

Unter Kritikern hieß es, der neue Film des 77-jährigen Regiegroßmeisters Scorsese müsse doch auf die große Leinwand. Knapp zwei Wochen lang war er da auch zu sehen, in einigen ausgewählten Kinos. Im Grunde aber passt er auch gut auf einen kleinen Bildschirm.

Abgesang auf die Gangster-Herrlichkeit

Mit "The Irishman" knüpft Scorsese an seine legendären Mafiafilme wie "Goodfellas" und "Casino" an. Es ist ein Abgesang auf die einstige Gangster-Herrlichkeit, aber auch die Verklärung einer vergangenen Hollywood-Ära. Der inzwischen 76-jährige Superstar De Niro spielt den Mafioso Frank Sheeran, den einzigen Iren der ehrenwerten italienischen Gesellschaft in Philadelphia. Vom Handlanger steigt er auf zum Hitman, widmet sein ganzes Leben der Gangsterfamilie – und bleibt am Ende als einziger Dinosaurier einer untergegangenen Welt übrig.

Al Pacino und Robert De Niro in "The Irishman": Erst ganz am Ende nimmt der Film Fahrt auf –  im Rollatortempo. (Quelle: Netflix)Al Pacino und Robert De Niro in "The Irishman": Erst ganz am Ende nimmt der Film Fahrt auf – im Rollatortempo. (Quelle: Netflix)

Das Aus-der-Zeit-Fallen ist ein zentrales Thema von "The Irishman". Scorsese nimmt sich satte dreieinhalb Stunden dafür, es ist der längste Film, den er je gedreht hat. Franks in den ersten 180 Minuten episch ausgebreitete Geschichte entwickelt eine gewisse Zähheit, die sich auf dem heimischen Sofa, mit Vorspultaste und Ich-hol-noch-mal-Erdnussflips-Pausen, bestimmt weniger bemerkbar macht. Erst in der letzten halben Stunde geht es ans Eingemachte. Allerdings im Rollatortempo. Irgendwann sieht man, wie Frank im Rollstuhl, mit weißem Haar und komplett zerfurchtem Gesicht um den Preis seines eigenen Sargs feilscht. Ein Leben lang hat er andere Menschen für Geld unter die Erde befördert. Jetzt muss er selbst beim letzten Hemd sparen.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Wie konnte es so weit kommen? Durch Spezialeffekte natürlich. Eine Armada von Programmierern hat mit Computer Generated Imagery die Gesichtszüge De Niros und seiner Kollegen (Al Pacino (79), Joe Pesci (76), Harvey Keitel (80) – alle dabei, alle top in Form) fast nach Belieben jünger und älter gerechnet, von Mittdreißigern bis zu über Achtzigjährigen.

Szene aus "Gemini Man": In dem Film kämpft Will Smith gegen sein künstlich verjüngtes Alter Ego. (Quelle: imago images/Prod.DB)Szene aus "Gemini Man": In dem Film kämpft Will Smith gegen sein künstlich verjüngtes Alter Ego. (Quelle: Prod.DB/imago images)

Die digitale Verjüngung wurde zuletzt auch an Will Smith (51) ausprobiert, der im Actionfilm "Gemini Man" fast von seinem eigenen, 25 Jahre jüngeren Selbst um die Ecke gebracht wird. Dabei sah der junge Will allerdings etwas teigig und seine Mimik ganz schön botoxig aus. Ein klarer Punktesieg für die Computerfritzen von "The Irishman".

Frank wankt zombiehaft herum

Für Gesichtskosmetik ist diese Technik mittlerweile sehr effektiv. Umso mehr fällt aber auf, dass die verjüngten Köpfe nicht so recht auf die alternden Körper passen. Bei flüssigen Bewegungsabläufen wird es heikel. Noch vor seiner Mafiakarriere, als Truckerfahrer, der Rinderhälften quer über die Highways schafft, wankt der junge Frank im "Irishman" behäbig und etwas zombiehaft durch die Szenerie. Als hätte er die Hosen voll.

Regisseur Martin Scorsese machte jüngst Schlagzeilen, weil er auf die Superhelden-Spektakel der Disney-Tochter Marvel schimpfte. Das sei kein Kino, sondern Kirmes. Jetzt haut er seinen neuen Film zufällig genau zum Start von Disneys Streamingdienst in den USA beim bisherigen Online-Platzhirsch Netflix raus. Das Effektkino der aktuellen Blockbuster verdammt er – aber ohne deren Effektpalette hätte Scorsese seinen Film nicht machen können. Und ohne Netflix würde es "The Irishman" überhaupt nicht geben.

Superhelden einer untergegangenen Ära

Die Kosten für dreieinhalb Stunden Superstar-Action mit einer Handlung, die fünf Jahrzehnte überbrückt und in der Postproduktion entsprechend aufgehübscht werden muss, wollte keines der etablierten Hollywoodstudios übernehmen. Die Investition von rund 160 Millionen Dollar hätte sich ohne Helden wie Iron Man und Ant-Man, ohne Captain Marvel oder Captain America einfach nicht gerechnet. Netflix kann anders kalkulieren. Der Dienst pumpt Unmengen an Geld in eigene Produktionen, um neue Abonnenten zu gewinnen – und sie als monatlich zahlende Kundschaft langfristig an sich zu binden. Zudem waren die deutschen Kinos in den letzten zwei Wochen Tage im Voraus ausgebucht. Der Film ist im Oscar-Rennen gut positioniert. Und der Rest der Welt hat darauf gewartet, De Niro von zu Hause aus beim Sprung in den Jungbrunnen zuzusehen.

Scorsese nutzt also ähnlich hohe Budgets wie Disney (der letzte "Spider-Man" hat ebenfalls 160 Millionen gekostet) und vergleichbare Technik, um seine alten Schauspiel-Buddies zu Superhelden einer untergegangenen Ära aufzublasen: der alte Mob, wie es ihn nicht mehr gibt. Filme, wie sie nicht mehr gedreht werden. Diese Rahmenbedingungen öffnen im Prinzip alle Schranken, um die Sehnsucht nach dem Einst und dem jüngeren Selbst genüsslich auf Überlänge auszuwalzen.

Auch Tarantino schwingt die Nostalgiekeule

So wie es zuletzt auch Quentin Tarantino getan hat. Dessen jüngster Film, "Once Upon a Time... in Hollywood", war eine regelrechte Nostalgiekeule: Zwei Haudraufs aus dem guten alten Western geben der Gegenkultur der Sechziger ordentlich auf die Nuss. Tarantinos Hollywood-Märchen erstickte letztlich an der Verliebtheit in die eigene Vergangenheit. Gerade so wie Will Smith sich in "Gemini Man" selbst bezwingen muss und dabei im Narzissmus versinkt. So wie auch die Zombie-Zeitreisen in "The Irishman" am Ende nur ins Pflegeheim führen.

Diese Selbstverliebtheit und Verherrlichung der eigenen Vergangenheit hat auch mit einer Kränkung zu tun. Es ist klar, dass diese Filme, wie sie sonst keiner mehr macht, eben auch zum Auslaufmodell werden. Genauso wie das Männerbild, das Scorsese und Tarantino so prominent vertreten. Es wirkt, als wollten sie in Zeiten von #metoo ihre Gangster alten Stils, ihre Cowboys, Stuntmen und Frauenmörder in einem Abwehrreflex umso mehr abfeiern.


Der Unterschied zwischen den beiden Regisseuren: Tarantino will das nicht wahrhaben. Scorsese weiß es. Und passt sich an neue Technologien und Marktbedingungen an. Im Duell von Retromanie gegen Altersweisheit gewinnt also Letztere, unterstützt auch von Spezialeffekten. Nur eines lässt sich eben nicht verjüngen: die Nostalgie. Sie kommt bei Scorsese und De Niro ganz schön alt daher.

Über den Autor: Arno Raffeiner ist Kulturjournalist und lebt in Berlin. Er war bis 2018 Chefredakteur von "Spex – Magazin für Popkultur" und arbeitete zuvor für diverse Medien als Autor und Redakteur für Musik, Kino und Literatur. Er beschäftigt sich mit allen relevanten Themen quer durch den Kulturbereich und mit dem digitalen Alltag.

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