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Marius Müller-Westernhagen über "die Kraft meiner Lenden"

Von Sebastian Berning

Aktualisiert am 20.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Marius Müller-Westernhagen: Der Erfolgsrocker meldet sich zurück.
Marius Müller-Westernhagen: Der Erfolgsrocker meldet sich zurück. (Quelle: Olaf Heine)
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t-online hat offene Ohren für die wichtigsten Alben der Woche und gibt Ihnen Musiktipps. Diese Woche mit dem Comeback von Marius Müller-Westernhagen, Harry Styles und Bryan Ferry von Roxy Music.

Wenn Sie mal wieder richtig Lust auf neue Sounds haben, Ihnen aber die Zeit fehlt, sich durch die Veröffentlichungen der Woche zu hören, stimmt t-online Sie mit der Rubrik "Schon gehört?" ein.

Marius Müller-Westernhagen – Das eine Leben

"Ich will hier raus" lautet der Titel des ersten Songs des ersten Westernhagen-Albums seit "Alphatier" von 2014. Und es ist eine LP, welches die letzten zwei Jahre unseres Lebens beschreibt. Im Opener besingt er die "gottverdammte Pandemie" und den Wunsch dem Lockdown zu entfliehen. Wieder zurück ins Restaurant, in den Urlaub und bitte ein bisschen mehr Solidarität. Passend. Denn Marius Müller-Westernhagen vermochte es schon immer den Alltag passend zu beschreiben.

Ich konnte das Album schon vor wenigen Wochen bei einem Prelistening seiner Plattenfirma mit einigen Journalistenkollegen hören. Marius war selbst vor Ort, sprach davon, dass er kein Album mehr machen müsste, aber den Drang verspürte. Er müsse niemandem mehr etwas beweisen. Aber der Lockdown in Südafrika habe ihm schon ein wenig Angst gemacht und er reiste zurück nach Deutschland.

Das Album hörte ich in einem fensterlosen Holzraum mit einigen anderen Menschen, die den Deutschrocker wohl schon länger hören, als ich lebe. Man nickte gemeinschaftlich mit dem Kopf mit, schmunzelte über einige Textpassagen und raunte den einen oder anderen Kommentar leise in den Raum hinein. Ich merkte mir, dass er über die drei großen L's sang: Lockdown, Leben und Liebe – und über "die Kraft in meinen Lenden" sang er auch.

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Auch beim erneuten Anhören bleibt der Eindruck bestehen, dass die Texte des 73-Jährigen irgendwo zwischen frech und trotzig zu verorten sind. Pandemie, "Botoxfressen", Gier, Fremdgehen, "dunkle Fantasien". So ganz positiv klingt das 23. Studioalbum des Musikers vielleicht nicht. Dafür rockt es stellenweise ordentlich und ist wahnsinnig gut instrumentiert. Sehr aufs Nötigste reduziert, glasklarer Sound und darüber die zwischen cool bis (etwas zu) fragil anmutende Stimme des Bestseller-Sängers. Zwar singt er in "Zeitgeist" von der bereits erwähnten Kraft seiner Lenden – ein Bild, welches man nicht unbedingt im Kopf haben möchte – doch Durchhänger hat auch ein Marius Müller-Westernhagen. Besonders bei den Balladen.

"Abschiedslied", wo es darum geht, dass eine Frau den Erzähler wegen eines anderen verlässt, etwa. Etwas zu viel Gefühl in der Stimme, etwas zu viel Brüchigkeit und etwas zu viel Pathos. Das Doppel "Die Wahrheit" und "Ich werde dich lieben bis in den Tod" setzen zu ähnlichen Tremolo-Tiefschlägen an.

Ja, wie geht man aus diesen 47 Minuten Westernhagen heraus? Zwiegespalten. Handwerklich ist alles sehr gut gemacht, die Rocksongs überzeugen zum Großteil, die Balladen gleichen jedoch Totalausfällen. Und ich kann es nicht oft genug betonen. Die "Zeitgeist"-Zeile "Die Kraft in meinen Lenden zerfloss in meinen Händen" geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Immerhin ist der dazugehörige Song ein Ohrwurm. Das kompensiert es. Ein bisschen. Vielleicht.

Harry Styles – Harry's House

Diese Solokarriere ist eine Zeitreise. Dass Harry Styles auf klassische Pop- und Rocksounds der 70er und 80er steht, ist kein Geheimnis. Die Rolling Stones, die Beatles, Fleetwood Mac oder Pink Floyd – diese Klassiker stehen bei dem Sänger, der durch One Direction zum Weltstar und Frauenschwarm wurde, alle hoch im Kurs. Seine ersten beiden Soloalben zeigten ebenfalls deutliche Querverweise zum Soft Rock der Siebzigerjahre auf und waren eine deutlich erwachsenere (und coolere) Angelegenheit als die LPs der "X-Factor"-Castingband.

Auch das dritte Werk "Harry's House" ist eine Zeitreise. Denn die 13 Songs erinnern mich an Festivalsommer und den Indie-Pop der frühen 2010er Jahre. Foster the People, Vampire Weekend, Tame Impala kommen mir hier in den Sinn. Dennoch ist "Harry's House" weder marode noch altbacken, sondern ein verspielter Neubau irgendwo zwischen Pop, Rock, etwas Elektronik und etwas Funk. Songs wie "Late Night Talking", "Daydreaming" (Roxy Music lassen grüßen), das smoothe "Satellite" oder das flotte "As It Was" beweisen, wie gute Popmusik 2022 klingen kann. Balladen wie "Matilda", "Boyfriends" oder "Love of My Life" sind ebenfalls dabei. Aber die fallen irgendwie ab. Klar, bei One Direction waren die Schnulzen auch beliebt, aber das Midtempo ist der Bereich, in dem Styles am meisten glänzen kann.

Styles drückt jedem dieser Songs seinen eigenen Stempel auf. Was wohl auch darin begründet ist, dass er an allen Tracks mit komponiert hat. Die 42 Minuten rauschen charmant an einem vorbei, passen gut zur Hintergrundbeschallung, sind aber genauso gehaltvoll für's intensivere Hören. Und ja, der Brite wurde durch seine Teilnahme an einer Castingshow bekannt, doch als Solokünstler zählt er wohl zu den aktuell vitalsten Popstars unserer Zeit.

Bryan Ferry – Love Letters

Tatsache: Roxy Music gehen dieses Jahr in den USA und dem UK auf Tour. 50 Jahre ist es her, dass die Glam Rocker mit ihrem gleichnamigen Debüt die Musiklandschaft revolutionierten. Aktuell werden nach und nach die Alben der wegweisenden Band auch auf Vinyl wiederveröffentlicht. Doch um die "Viginia Plains"-Band soll es dieses Mal nicht gehen.

Denn Sänger Bryan Ferry meldet sich mit einer neuen Solo-EP zurück. Digital-only und Fremdmaterial only. Denn Ferry bietet hier vier Neuinterpretationen klassischer Liebeslieder. Etwa nimmt er sich dem Dusty-Springfield-Hit "I Just Don't Know What To Do With Myself" an oder "Love Letters" von Ketty Lester.

Die einstige Glam-Rock-Größe besitzt noch immer den warmen Touch in seiner Stimme. Er vermag es sich diese vier Coversongs einzuverleiben. Dabei hätten sie so oder so ähnlich auch auf den ersten Soloalben des Briten stehen können. Immerhin bestanden "These Foolish Things" und "Another Time, Another Place" auch fast ausschließlich aus Tributen an andere Künstler.

Alle Alben sind am 20. Mai in digitaler oder physischer Form erschienen. Wir hören uns wieder!

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Von Sebastian Berning
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