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Gendern: Was Mario Söder und Markus Barth gemeinsam haben


Ist das noch erlaubt?
Niemand hat nach ihrer Meinung gefragt

  • Steven Sowa
MeinungVon Steven Sowa

06.12.2023Lesedauer: 4 Min.
Meinung
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Reaktionen auf Rede: Söder trifft klare Aussagen im bayerischen Landtag. (Quelle: dpa)

Mario Barth und Markus Söder sind leicht zu verwechseln. Während der eine den Zustand Berlins kritisiert, macht der andere Comedy in Bayern. Oder war es andersherum?

Nein! Nein! Nein! Ich mache das nicht, ich will das nicht, lass' mich in Ruhe. Bockige Kinder können anstrengend sein, sehr sogar. Da will man eigentlich nur, dass sie sich bei diesen Temperaturen eine Schneehose anziehen, und plötzlich gehen sie ohne Schuhe und Jacke aus dem Haus, toben vor Wut, kreischen herum – und ziehen die Aufmerksamkeit der ganzen Nachbarschaft auf sich. Gesprächsthema Nummer eins in den folgenden Tagen: Diese unfähigen Eltern, die ihre Kinder nicht unter Kontrolle haben.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil mich das Verhalten zweier erwachsener Männer in den vergangenen Tagen an das von bockigen Kleinkindern erinnert. Der eine hat sich entschieden, mit seiner Kleiderwahl Aufsehen zu erregen, der andere krakeelt ungefragt in der Gegend herum – und schon reden alle in Rekordtempo über ein Problem, das keines ist. Ja, die Rede ist von Mario Barth und Markus Söder.

"Ich kann das nicht, ich möchte das nicht"

Der Comedian Barth nahm in der MDR-Sendung "Riverboat" am Freitag in einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich gender nicht, ich habe einen Schulabschluss" Platz. Seine Kleiderwahl kommentierte er sogleich messerscharf: "In Berlin bist du am Montag Mann, am Dienstag Frau, am Mittwoch Straßenschild." Gesellschaftsanalysen mit der feinen Beobachtungsgabe eines Maulwurfs.

Der Mann, der mehr als 100.000 Menschen im Berliner Olympiastadion bespaßt hat, muss es ja wissen. Bleibt nur zu hoffen, dass er bei seinen Auftritten weder Zuschauerinnen noch Zuschauer für Straßenschilder hält oder diesen Witz in sein Programm aufnimmt. Sein pointenreiches Œuvre ist für humoristische Herleitungen wie diese ja berüchtigt.

Infantile Rhetorik beherrscht Sprachgenie Barth jedenfalls, wenn er über das Gendern sagt: "Ich kann das nicht, ich möchte das nicht." Wer sich da nicht Mario mit der Buddelschippe vorstellt, wie er einem gendernden Spielgefährten Sand ins Gesicht schüttet, der lacht auch über "Straßenschilder"-Pointen. Er jedenfalls gehöre "zu der Minderheit von 85 Prozent, die das nicht mögen", postulierte Barth weiter seine Prinzipientreue in der "Riverboat"-Talkshow. Haha, lustig. Er hat eine Mehrheit als Minderheit bezeichnet, Brüller.

Was bei all dem auf der Strecke bleibt, wie ICEs derzeit reihenweise im Land: Was denkt Mario Barth eigentlich über Windenergie, das Tempolimit, Frauenquoten und Ananas auf Pizza? Alles ähnlich kontroverse und für den schnellen Populismusapplaus geeignete Themen. Der 51-Jährige sollte sich auch dafür flotte T-Shirt-Sprüche drucken lassen: "Ich drehe nicht am Windrad, ich habe einen Führerschein" oder "Tempolimit nur für Frauen mit hohem Taschentuchverbrauch, ich habe Netflix".

Dürfte ähnlich lustig werden und bei der Faktentreue kaum Unterschiede machen. Jemand sollte Mario Barth erklären, dass es niemandem in diesem Land verboten ist, nicht zu gendern. Kann jede und jeder handhaben, wie sie oder er will. Eigentlich ganz fein, diese Freiheit. Oder etwa doch nicht?

Womit wir bei Ministerpräsident Markus Söder wären. Der kündigte am Dienstag an: "Für Bayern kann ich sagen: Mit uns wird es kein verpflichtendes Gendern geben. Im Gegenteil: Wir werden das Gendern in Schule und Verwaltung sogar untersagen." Puh. Da ist er also, der Verbotsfanatiker, der Verbieter vor dem Herrn. Ein CSU-Mann mit Hang zu Zucht und Ordnung, der bei jeder Gelegenheit den Grünen vorwirft, alles Lebenswerte verbieten zu wollen – also zum Beispiel Schnitzel mit Leberkäse überbacken oder um die Wette rasen auf der Autobahn –, dieser Söder zückt nun das Stoppschild und ruft zum Kulturkampf auf.

Was sind schon Fakten?

Auch dem Komiker aus dem Süden sei noch einmal gesagt: Niemand in diesem Land hat zur allgemeinen Genderpflicht aufgerufen. Aber sei's drum, was sind schon Fakten. Die machen das schöne Dampfgeplauder ja so langweilig und trist. Mal ordentlich mit dem Sprachsternchenhammer auf den Tisch hauen: Das bringt die Welt in all den Krisen einen Schritt weiter. Ist doch so klar wie die Folie, in der künftig Söders Gesetzestext zur verbindlichen, gänzlich gender-freien Sprache zu finden sein wird.

Kinder wissen eben, wie sie ihren Willen bekommen. Am Ende tragen sie zwar keine Schneehose, dafür aber wenigstens Jacke und Schuhe. Bei Klein-Mario und seinem Sandkastenkumpel Markus ist das genauso: Keiner zwingt sie in die aus ihrer Sicht so unbequeme Sprachhose des Genderns – und doch werden sie sich eben hier und da in Bewegung setzen müssen.

 
 
 
 
 
 
 

Herr Söder sollte sich mal mit der Geschlechtergerechtigkeit in seinem Bundesland beschäftigen. Zwischen Frauen und Männern klafft in Bayern jedenfalls eine größere Lohnlücke als im Bundesdurchschnitt. Vielleicht sollte er weniger Zeit dabei aufwenden, mit populistischen Bierzeltreden die Stammtische seines Landes in Wallung zu bringen, als vielmehr seinen politischen Aufgaben nachzugehen.

Gottschalk, die Namensdreher und die zwei M-Promis

Und Herr Barth? Der dürfte sich still und leise auch eingestehen, dass nicht mehr alles so ist, wie es einmal war. Die Welt verändert sich, die Sprache ist ein stets vor sich hin sprudelnder Quell der Freude und zum Glück immer weniger mit bitterem Beigeschmack versehen als anno dazumal. Selbst ein Berliner Schenkelklopfer-Comedian wird schließlich kein N-Wort mehr in sein Programm packen. Auch ein kleiner Fortschritt ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Oder wie Thomas Gottschalk sagen würde: Vielen Dank für Ihren Humor, Mario Söder, und danke, dass Sie uns so schön die Welt erklären, Markus Barth. Womit nun wirklich alle Experten zu dem Thema der geschlechtergerechten Sprache zu Wort gekommen sind – da darf die ganze Nachbarschaft, vom Potsdamer bis zum Marienplatz, applaudieren.

Nur: Wo sind jetzt eigentlich die Eltern, die die außer Kontrolle geratenen Rotzlöffel bändigen? Vielleicht sind wir das, als Gesellschaft – und manchmal tun Eltern eben gut daran, statt ebenso laut zurückzubrüllen, einfach mal tief durchzuatmen und über den neuesten Kinderkram augenzwinkernd hinwegzuschauen, dann wird das nämlich auch etwas mit den Schuhen oder eben der Lohngerechtigkeit.

Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen
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