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Debatte über Kaufprämien für Autos: Das wäre nur wäre teurer Unsinn

MEINUNGDebatte um Konjunkturpaket  

Eine Kaufprämie für Autos wäre teurer Unsinn

03.06.2020, 10:56 Uhr
Debatte über Kaufprämien für Autos: Das wäre nur wäre teurer Unsinn. Schwere Zeiten für den Autohandel: Eine Kaufprämie soll die Nachfrage ankurbeln, fordert die Industrie. (Quelle: imago images/Arnulf Hettrich)

Schwere Zeiten für den Autohandel: Eine Kaufprämie soll die Nachfrage ankurbeln, fordert die Industrie. (Quelle: Arnulf Hettrich/imago images)

Deutschlands Autobauer fordern eine Kaufprämie für Neuwagen, um besser aus der Corona-Krise zu kommen. Das aber ist kontraproduktiv. Wenn Steuergelder den Konzernen etwas bringen, dann vermutlich nur eines: Schaden.

Schon seit Monaten fordern die Spitzen der deutschen Autoindustrie staatliche Unterstützungsmaßnahmen für ihre Branche. Eine solche Prämie "ermöglicht es der Automobilindustrie, schneller aus der Krise zu kommen und damit auch einen Beitrag zur Erholung der europäischen Volkswirtschaften zu leisten", sagte etwa Hildegard Müller, die Präsidentin des mächtigen Lobbyverbandes VDA. BMW-Vorstandschef Oliver Zipse und VW-Kernmarkenchef Ralf Brandstätter ließen verlauten, eine Kaufprämie sei sogar ein Beitrag zum Klimaschutz.

Sie alle wollen, dass der Kauf neuer Autos mit Steuergeldern unterstützt wird. Nun könnte man völlig zu Recht entgegnen: Warum soll ich denn das neue Auto meines Nachbarn mitbezahlen?

Forderung ist kurzsichtig und kontraproduktiv

Aber es drängt sich eine weitere wichtige Frage auf: Bringt so eine Kaufprämie unserer Wirtschaft und der Umwelt wirklich etwas? Das Gegenteil dürfte nämlich eintreten – die Kaufprämie würde langfristig eher Schaden anrichten. Und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch – auch wenn es zunächst anders scheint.

Denn es stimmt natürlich: Neue Autos können sauberer sein als alte. Im Durchschnitt sind sie aber auch schwerer und stärker. Hinzu kommen die Unmengen an Umweltgiften, die bei ihrer Fertigung ausgestoßen werden. Der Umwelteffekt durch den systematischen Austausch alter Autos gegen neue ist also gering.

Was wird außerdem aus den alten Autos, wenn ihre Besitzer sich ein neues kaufen? Bleiben sie als Gebrauchtwagen auf unseren Straßen? Dann wäre der Umwelt nichts Gutes getan. Und wenn die Hersteller sie zurücknehmen und verschrotten? Dann auch nicht. Viele unserer ausrangierten Autos erleben nämlich ihren zweiten Frühling in den Ländern Osteuropas oder Afrikas – und drängen dort noch ältere, noch schmutzigere Modelle aus dem Verkehr. Dieser Kreislauf würde durch eine Kaufprämie ins Stocken geraten.

Der Austausch alter Autos gegen neue – ein "sinnvoller Beitrag zum Klimaschutz", wie der VW-Kernmarkenchef sagt? So einfach ist es also nicht. Das zeigen die Erfahrungen, die seit der Abwrackprämie im Jahr 2009 bekannt sind. Damals gab der Staat fünf Milliarden Euro aus, um der Autoindustrie aus den Folgen der Finanzkrise herauszuhelfen.

Übrigens: Die abgewrackten Autos waren im Schnitt 14,4 Jahre alt – das ist exakt das Durchschnittsalter, in dem Autos auch ohne Prämie ausrangiert wurden. Somit hat die Prämie – rein statistisch betrachtet – so gut wie niemanden zum Kauf bewegt, der nicht ohnehin sein altes Auto gegen ein neues ausgetauscht hätte.

Der Umwelt bringt eine Prämie also wenig. Wem aber dann?

Ohne jede Frage ist unsere Autoindustrie eine Schlüsselindustrie, an der etliche weitere Wirtschaftszweige hängen. Deshalb seien unsere Steuergelder für die Autobauer so wichtig, erklären sie. Die Frage ist nur: Wird es Deutschland wirklich besser gehen, wenn die Regierung viele Milliarden zum Autokauf bereitstellt?

Kaufprämie stärkt Importmarken

Auch hier lohnt sich der Blick in den Rückspiegel auf die Abwrackprämie von 2009. Vor dem Förderprogramm lag der Marktanteil unserer Hersteller in Deutschland bei 64 Prozent. Kurz danach waren es nur noch 53,5 Prozent. Und ihr Umsatz in Deutschland brach in dieser Zeit um ein Fünftel ein.

Die Prämie hat ihnen also alles andere als gutgetan. Und dafür gibt es eine einfache Erklärung: Wer nämlich ein durchschnittlich 14 Jahre altes Auto verschrotten ließ, betrat anschließend mit seiner Kaufprämie nicht etwa einen eleganten BMW-Showroom oder kaufte sich einen teuren Mercedes. Sondern der Weg führte in aller Regel zum günstigen Importeur. Hyundai, Suzuki oder Fiat: Sie waren die großen Gewinner der Abwrackprämie. Die europäischen Volkswirtschaften, um die sich die VDA-Präsidentin so sehr sorgt, hatten von ihr wenig.

Warum sollte es elf Jahre später anders sein?

Und warum eigentlich soll der Staat schon wieder ausgerechnet den Kauf von Neuwagen fördern und nicht beispielsweise stärker den Bau von Häusern unterstützen? Schließlich ist auch das Baugewerbe eine Schlüsselindustrie. Und einen Mangel haben wir an Wohnraum, aber ganz gewiss nicht an Autos.

Absatzeinbruch unvermeidbar

Einen Einbruch des Auto-Absatzes werden wir ohnehin erleben. Alle wichtigen Prognosen sehen einen Nachfrageknick auf dem Weltmarkt. Das war schon vor Corona so und hat vielfältige Gründe, Handelskriege etwa oder eine gesättigte Nachfrage. Kurzfristige und teure Kaufprämien können diesen Einbruch vielleicht aufschieben, aber sicher nicht verhindern. Deshalb sollte man unsere Steuergelder dorthin lenken, wo sie wirklich einen langfristigen Nutzen haben. Eine nationale Kaufprämie für neue Autos bringt diesen Nutzen nicht.

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