Warum die Verkaufszahlen täuschen

Alternative Antriebe – der Boom, der keiner ist

24.07.2020, 20:11 Uhr

Dichter Verkehr: Aufgrund einer neuen Zählweise des KBA führt die Zulassungsstatistik nun viel mehr Hybridfahrzeuge auf als bisher. (Quelle: Ralph Peters/imago images)

Werden unsere Autos immer sauberer? Laut der offiziellen Zahlen des KBA sieht es danach aus. Aber diese Zahlen stimmen nicht. Sie entstehen auf Druck der Autoindustrie, sagt ein Kritiker t-online.de.

Es waren gute Nachrichten für das Klima, die das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) vor Kurzem vermeldete: Die Deutschen kaufen so viele saubere Autos wie nie. Beinahe jeder sechste Neuwagen (18 Prozent) hat demnach einen alternativen Antrieb – ein neuer Rekordwert.

  • Davon wiederum ist jeder fünfte Neuwagen (21 Prozent) ein E-Auto.
  • Jeder vierte (27 Prozent) hat einen Plug-in-Hybridantrieb.
  • Fast die Hälfte (49 Prozent) sind Hybride und Mildhybride.

Und um diese Mildhybride geht es. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurden dieselben Autos nämlich als Diesel oder Benziner eingestuft. Denn viele von ihnen haben neben ihrem Verbrennungsmotor lediglich einen 48-Volt-Startergenerator – sie können nicht einmal einen Meter weit elektrisch fahren. Und auch nicht an der Steckdose tanken.

Warum fast jedes Auto ein Mildhybrid ist

Wie ist es möglich, dass Diesel und Benziner plötzlich zu Mildhybriden werden? Durch einen ganz einfachen Trick, meint Jürgen Resch. Der Vorsitzende der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sagt t-online.de: "Nirgendwo ist definiert, was eigentlich ein Mildhybrid ist. Manche Hersteller nennen Autos mit einer Start-Stopp-Automatik bereits einen Mildhybrid. Und dies unabhängig davon, ob das Fahrzeug im realen Fahrbetrieb ein übler Spritschlucker ist und keinen Meter rein elektrisch fahren kann. So wird selbst der monströse Audi-Q8-Stadtpanzer mit 208 g CO2/km als Fahrzeug mit 'alternativem Antrieb' beworben."

Aus dieser Sichtweise habe im Grunde jeder Neuwagen einen alternativen Antrieb. Aber nur auf dem Papier. "Anstatt auf wirklich zukunftsfähige effiziente reine Elektroantriebe zu setzen, verkauft die deutsche Autoindustrie durstige Diesel- und Benzinfahrzeuge mit aufgebohrten Anlasser und elektrischer Rekuperation als Pseudo-Umwelttechnik", sagt Resch.

Die Auswirkungen dieser neuen Zählweise zeigt ein Beispiel:

  • Im Juni wurden 2.849 Audi A6, R6 und RS6 (mit bis zu 600 PS) neu zugelassen.
  • Unter all diesen Audis zählte das KBA genau sechs Diesel-Autos.
  • Die übrigen 2.843 Autos haben laut der Behörde (aufgrund ihrer neuen Zählweise) einen alternativen Antrieb.

Dabei können genau 108 von ihnen tatsächlich – wenigstens kurze Strecken – mit Strom fahren (Plug-in-Hybride). Alle übrigen 2.735 Autos werden von einem Benziner oder Diesel befeuert.

"Entscheidung kommt aus Chefetagen"

Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH): "Das KBA hat sich von einer ehemals stolzen Bundesbehörde in einen Bettvorleger der Autoindustrie verwandelt." (Quelle: Deutsche Umwelthilfe)

Warum das KBA seine Zählweise umstellte, wollte die Behörde nicht begründen. Eine Nachfrage von t-online.de blieb bislang unbeantwortet. Im Gegensatz zum Bundesamt hat Resch eine Erklärung für den Schritt: "Die Entscheidung, selbst besonders klimaschädliche Fahrzeuge unter alternativen Antrieben als vermeintlich umweltfreundlich zu klassifizieren, wurde sicher nicht beim KBA getroffen. Solche Entscheidungen trifft die Chefetage von BMW, Daimler und VW und diktiert sie dem ihnen unterstehenden Bundesverkehrsministerium und von dort dem KBA."

Verwendete Quellen:
  • Kraftfahrt-Bundesamt
  • Deutsche Automobil Treuhand
  • Eigene Recherche
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