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Corona-Warn-App: Vom Heilsbringer in der Krise zum Millionengrab

MEINUNGCorona-Warn-App  

Vom Heilsbringer in der Pandemie zum Millionengrab

Von Nicole Diekmann

24.03.2021, 16:58 Uhr
Corona-Warn-App: Vom Heilsbringer in der Krise zum Millionengrab. Corona-Warn-App auf defektem Handy-Display: Die Politik hat die App vergeigt, findet Nicole Diekmann (Quelle: t-online/Heike Aßmann)

Corona-Warn-App auf defektem Handy-Display: Die Politik hat die App vergeigt, findet Nicole Diekmann (Quelle: Heike Aßmann/t-online)

Erst wurde die Corona-Warn-App als digitales Corona-Heilmittel gefeiert – jetzt lässt man sie bewusst unter den Tisch fallen. Ein teures Debakel. Mit den Kosten von 100 Millionen Euro hätte man Sinnvolleres machen können. | Von Nicole Diekmann

Diese Zeilen erreichen Sie aus der Quarantäne. Seit vergangenem Donnerstag friste ich ein Dasein zu Hause. Ich will mich nicht beschweren: Das Stubenhocker-Gen ist bei mir gut ausgeprägt. Ich muss nur eine Woche zu Hause bleiben, weil mein letzter Kontakt zu einem Corona-positiven Menschen schon eine Woche zurücklag, als der arme Knopf seine Diagnose bekam. Zu Hause muss ohnehin mal ordentlich Grund reingebracht werden, und nun kann ich nicht per Spaziergang oder Supermarktbesuch davor flüchten.

Und, die beste Nachricht: Ich hab kein Corona. (Raus kann ich aber trotzdem nicht; aus der Quarantäne raustesten geht nicht. Musste ich auch erst lernen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber den hundertprozentigen Überblick über geltende Regeln habe ich vor langer Zeit verloren, irgendwo zwischen Beherbergungsverbot und Gottesdienst-Vorschriften.)

Ich bin also gesund. Bis auf neuerdings stark erhöhten Puls. Denn ich hab einen Hals. Vor allen nach den Runden zwischen Regierung und Ministerpräsidenten, kurz: MPK. Auch so eine Corona-Vokabel. Aber schön der Reihe nach, wie sich das gehört.

Die Begeisterung zum Start der Corona-Warn-App war groß

Am Montag machte ich einen PCR-Test. Nicht so schön, aber gut, Corona stelle ich mir weitaus schlimmer vor. Als alles vorbei war und ich schon mit einem Fuß aus der Praxis heraus, rief mir die Mitarbeiterin der Praxis hinterher: "Haben Sie die App?"

Natürlich habe ich die App. Ich bin durch und durch digital, sehr neugierig und würde mich in aller Bescheidenheit als verantwortungsbewusst bezeichnen. Ganz so euphorisch wie die an Ekstase grenzende Begeisterung, die auf der Pressekonferenz anlässlich des Starts der App im vergangenen Sommer gezeigt wurde, war ich nicht. Aber als geborene Ostwestfälin bin ich zu derlei Gefühlsausbrüchen gar nicht in der Lage, wie sie dort von beteiligten Ministern und Wirtschaftsvertretern präsentiert wurden.

Ich lud die App aber trotzdem runter. An diesem Montag, Monate des allmählichen öffentlichen Wahrnehmungs- und Ernstnehmungsabstiegs der einst als Gamechanger gefeierten App später, nickte ich also und bekam sodann einen Zettel in die Hand gedrückt mit einem QR-Code. Den kann ich nun Einscannen und das (negative!, Gottseidank) Ergebnis eingeben.

Nennen Sie mich eine Streberin, aber selbst das tue ich. Ich möchte mir einfach nicht vorwerfen, nicht alles in meiner Macht stehende getan zu haben, um dieses, sagen wir es mal deutlich, Scheißvirus endlich loszuwerden.

App wurde sang- und klanglos aus der Vorlage gestrichen

Und damit habe ich der App mehr Vertrauen entgegengebracht als unsere Regierenden auf Bund- und Länderebene. Denn in deren Beschlusspapier der MPK von Montag kommt die App mit keiner Silbe vor. Und was noch schlimmer ist: In einem am Sonntag kursierenden Entwurf tat sie es noch. Da klang etwas, noch kryptisch formuliert, nach "Mit negativem Ergebnis dann auch wieder ins Restaurant können".

Und jetzt? Nichts mehr davon. Das heißt die teure App wurde nicht mal nur vergessen – nein, sie wurde wieder rausgestrichen aus dem Papier. So groß sind Glaube und Überzeugung derjenigen in sie, die sie einst initiierten.

Fangen wir mal mit dem Offensichtlichsten an: Da ist viel Geld hineingepumpt worden. Bei über 100 Millionen Euro liegt man inzwischen, Entwicklung und Wartung machen diesen Posten aus. Davon hätte man so viel anschaffen können. Endgeräte für Schüler. Digitales Lehrmaterial. Coaching-Einheiten für Lehrer, die es nicht können. Berater, die endlich anfangen, sich die Lehrpläne an den Unis anzuschauen und möglichst schnell einen inhaltlichen Link zu unseren digitalen Zeiten im Studium derjenigen zu verankern, die unsere Kinder unterrichten.

Das Geld des Digitalpakts wird nicht abgerufen

Das Geld ist ja da, sagen Sie? Der Digitalpakt strotzt nur so vor Milliarden, ebenfalls einst mit großem Tamtam verabschiedet, weil er sogar eine Grundgesetzänderung bewirkt hatte? Nachdem man jahrelang über ihn diskutiert hatte?

Das stimmt. Die Gelder werden aber nicht abgerufen. Denn erstens gibt es an einer erschreckend hohen Zahl von Schulen nicht mal WLAN, zweitens keine Fachleute, die das dann auch betreuen könnten (oder die Geräte), drittens waren im Digitalpakt keine Geräte für Schüler vorgesehen, denn die würden damit zu Hause ja nur "daddeln", so die Annahme, und viertens ist der Weg hin zum Abruf der Gelder gepflastert mit Formularen, die selbst Oberstudienräte verzweifeln lassen.

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

Man hätte das Geld für die App also investieren können in eine "Task Force Entbürokratisierung der Prozesse zum Abruf von Geld für die verdammt nochmal endlich so dringend erforderliche Bazooka für ein Bildungssystem, wie es im 21. Jahrhundert auch ohne das Scheißvirus in einer führenden Industrienation auszusehen hätte".

Das Vertrauen ist längst weg

Und kommen wir nun zum weniger Offensichtlichen: Vertrauen. Viel ist drüber geschrieben worden, viel ist verloren gegangen. Offensichtlich auch das der politisch Handelnden in die App. Ihr bipolarer Umgang mit der App trägt zu einem Gesamtbild bei, das besteht aus Fahren auf Sicht, Überforderung von allem Nicht-Analogen und strukturellem Verharren in Entscheidungsprozessen der Kreidezeit.

Na, haben Sie jetzt auch Puls? Willkommen im Club! Aber wissen Sie was: Immer noch besser als Corona. Bleiben Sie gesund!

Ach ja, und falls jemand vom Gesundheitsamt Pankow hier mitliest: Sie haben sich ja bei mir nicht gemeldet, aber hier ist alles ok. Ich bin brav zu Hause geblieben. Schöne Grüße!

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