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Facebook und Twitter: Stoppt die schlechte Debattenkultur in Sozialen Netzwerken


Antisemitismus-Debatte
Gefährlicher Tabubruch

  • Nicole Diekmann
MeinungEine Kolumne von Nicole Diekmann

Aktualisiert am 09.02.2022Lesedauer: 5 Min.
Meinung
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Hass und Wut in Sozialen Netzwerken: Am Ende schaden wir uns allen selbst.Vergrößern des Bildes
Hass und Wut in Sozialen Netzwerken: Am Ende schaden wir uns allen selbst. (Quelle: Getty Images)

Tabubrüche, Wut und Ekel: In Sozialen Netzwerken wie Twitter erhalten die Skrupellosesten die größte Aufmerksamkeit, findet unsere Kolumnistin. Am Ende erreicht das nur eins

Katharina Althaus hat Großes vollbracht: Die Skispringerin holte Silber auf der Normalschanze. Eine olympische Medaille, sogar die erste für Deutschland bei den Spielen in China – die Oberstdorferin hat geschafft, wovon Sportler ihr Leben lang träumen.

Aus dem Off während der Fernsehübertragung war davon aber nichts zu hören. Keine Ekstase, keine Freude, nicht mal im Ansatz. Stattdessen rief ein Kommentator enttäuscht: “Oh nein, nein, nein, das darf nicht wahr sein!” Warum? Althaus war knapp an Gold vorbeigesprungen.

“Höher, schneller, weiter”, lange Zeit das Motto Olympischer Spiele, ist eine Lüge. Es geht um “am höchsten, am schnellsten, am weitesten”. Eine Analogie zu den Sozialen Netzwerken. Dort gewinnt die Goldmedaille, wer die stärksten Gefühle hervorruft. Denn leider klicken negative Emotionen wie Wut oder Ekel am besten. Wer am kaltschnäuzigsten auftritt und wer am skrupellosesten schreibt, wird gelesen. In der Aufmerksamkeitsökonomie sind Klicks, Likes und Retweets die Goldmedaille. Sehr vulgär ausgedrückt: Scheiße wird dort zu Gold.

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet. Ihr neues Buch "Die Shitstorm-Republik" ist jetzt überall erhältlich.

Die Chancen, die die sozialen Netzwerke bieten, werden oft überschattet von denen, die die Plattformen missbrauchen. So wie Olympia überschattet ist vom diesjährigen Austragungsort: Ein Staat mit einer autokratischen Regierung, die Menschenwürde mit Füßen tritt.

Die Tabubrüche lassen uns abstumpfen

Längst haben sich die allmächtigen Algorithmen, die diesen unappetitlichen Mechanismus erzeugen, ihren Weg in unseren analogen Alltag gebahnt – und in den Journalismus. Verlage und Redaktionen wissen: Unser aller Fell wird dicker. Wir stumpfen ab. Eine psychisch gesunde, gesellschaftlich jedoch äußerst bedenkliche Reaktion auf die zig Tabubrüche, die wir Tag für Tag auf Facebook, Twitter und anderen Plattformen lesen müssen.

Um auf dem Markt zu bestehen, muss man also schon was bieten. Was immer funktioniert: Tabubrüche. Nur: Was einmal gebrochen, eignet sich nicht mehr. Ist eine Grenze einmal verschoben, muss man sich näher an sie heranwagen, um der Erste zu sein. Um Gold zu holen.

Dieses Prinzip verkörpern derzeit vor allem zwei Kolumnisten: Harald Martenstein und Jan Fleischhauer. Beide sind seit Längerem dabei und man kann beobachten, wie sie das elegante Tänzeln entlang der Grenze des Sagbaren zu genießen scheinen. Eine weitere Parallele: Beide haben sich dafür das Thema ausgesucht, welches für Provokationen denkbar ungeeignet ist, die Zeit des Nationalsozialismus. Und beide treiben damit ein egoistisches und unheilvolles Spiel, bei dem alle nur verlieren können. Auch sie selbst.

Empörung über Martenstein und Fleischhauer

Harald Martenstein, Kolumnist beim angesehenen "Zeitmagazin", fragt im "Tagesspiegel": “Sind ‘Judensterne ‘ auf Corona-Demos antisemitisch?” Ein Text, überschrieben mit einer Frage. Auf den ersten Blick suggeriert das Offenheit. Für eine Debatte. Für Argumente. Für einen Perspektivwechsel. Für das Überdenken einer bisher womöglich zu sehr als Selbstverständlichkeit gehaltenen Ungerechtigkeit gegenüber Leuten, die sich mit den industriell vernichteten Juden im Nationalsozialismus identifizieren. Nur, stellt man Martensteins Frage anders, liest sie sich so: “Ist die Relativierung des Holocaust antisemitisch?” Darauf gibt es nur eine Antwort. Sie lautet: “Ja.”

Auch Jan Fleischhauer hat die Überschrift seiner aktuellen Kolumne im "Focus" mit einem scheinbar unschuldigen Fragezeichen versehen: “War Hitler ein Linker?” Eine absurde Frage, finden Sie? Nicht nur Sie. Zudem eine Frage, die Rechtsradikale gern stellen.

Es herrscht große Empörung über Martenstein und Fleischhauer. Sie haben also exakt das erreicht, was für sie anscheinend im Vordergrund steht: Buzz. Aufmerksamkeit. Die Leute reden darüber, die Leute schreiben darüber – die Leute streiten darüber. Und Streit, siehe oben, weckt neue Aufmerksamkeit. Die Maschine läuft.

Die Befriedigung niederer Instinkte

Fleischhauer greift mit seiner Kolumne die Geschichte um die Journalistin Anna Dobler auf. Dobler, zuletzt beschäftigt bei einem österreichischen Boulevardportal namens “Exxpress”, ist hierzulande vor allem bekannt für ihr nicht ganz so elegantes Tänzeln in den sozialen Netzwerken. Die Mechanismen dort nutzte sie immer wieder für das Bedienen niederer Instinkte, etwa indem sie politisch Andersdenkende plump vorführte. Diese entstammen dem linksliberalen Lager.

Dobler ist in ihrem Bemühen um Aufmerksamkeit allerdings so weit gegangen, dass sie darüber gestürzt ist. Anlässlich des 80. Jahrestages der Wannseekonferenz, auf der die Nazis den millionenfachen Massenmord an Europas Juden beschlossen und organisierten, strahlte das ZDF einen gleichnamigen Film aus. Dobler hielt das für einen guten Anlass, eine der großen Lügen der Nazis zu twittern: “Das waren nicht nur Mörder, sondern auch durch und durch Sozialisten.“

Es folgte ein Aufschrei auf Twitter. Dobler löschte ihr geschichtsrevisionistisches Geschreibsel – doch da war es schon zu spät, sie hatte den Bogen überspannt und wurde gefeuert. Via Twitter. Eine Frau, die gerne mit Schlamm wirft, als Opfer einer Schlammschlacht. Einmal mehr befriedigte Dobler niederste Instinkte. Diesmal allerdings unfreiwillig.

Der Zwang, die Maschine um fast jeden Preis am Laufen zu halten mithilfe des Öls namens Polarisierung – auch Ulf Poschardt ist ihm erlegen. Der Chefredakteur der “Welt” gibt freimütig zu, dass ihm Provokationen wichtiger sind als Themen. Poschardt nutzt seine Reichweite durchgehend destruktiv. Einfach nur, weil er es kann. Was er damit anrichtet, wird er wissen. Poschardt ist äußerst klug. Es ist ihm also schlichtweg egal.

Wenn der Brandstifter sich verbrennt

Am Wochenende erschien nun auf der “Welt”-Seite ein Kommentar Poschardts, den man als antisemitisch auffassen konnte. Dazu muss man wissen: Wer für Springer arbeitet, hat sich an die Statuten des Verlags zu halten. Dazu gehört die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschland. Man kann Springer und Springer-Leuten viel Schlechtes nachsagen, gerade in diesen Tagen – nicht aber Antisemitismus. Wie Medienjournalist Stefan Niggemeier sehr nachvollziehbar aufdröselte, war der vermeintlich judenfeindliche Text einem technischen Fehler geschuldet. Nicht Poschardts Gedankengut.

Bis die Sache geklärt war, ergoss sich kübelweise Häme über Poschardt. Viele Leute hatten nur darauf gewartet, so schien es, dass der Brandstifter sich nun endlich verbrennt. Poschardt war kurzzeitig zum Opfer der Empörungsbereitschaft geworden, die er normalerweise bei anderen herauszukitzeln versucht und sich dabei für fast nichts zu schade ist. Und die Leute wie Martenstein, Fleischhauer und Dobler missbrauchen.

Dieses Verhalten bringt niemandem etwas. Auf kurze Sicht mag es Fleischhauer und Martenstein Sichtbarkeit sichern und das Gefühl, jemand zu sein. Aber sie alle, alle vier, bauen auf und etablieren Reflexe, die ihnen selbst schaden. Man darf annehmen, dass dies für sie im Vordergrund steht. Für alle anderen noch dieser nicht ganz unbedeutende Gedanke: Die Debattenkultur leidet. Und, vor allen Dingen: Antisemitismus bekommt natürlich Aufwind, je salonfähiger er wird. Rechtsradikalismus auch.

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