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Faktor-Zertifikate: Hohe Gewinne dank Hebelwirkung?

Geldanlage in Derivate  

Faktor-Zertifikate locken mit hohen Gewinne – bei großem Risiko

12.10.2020, 22:48 Uhr
Faktor-Zertifikate: Hohe Gewinne dank Hebelwirkung?. Geschäftsleute unterhalten sich (Symbolbild): Mit Faktor-Zertifikaten können Anleger überproportional an der Wertentwicklung von Aktien oder Indizes teilhaben. (Quelle: Getty Images/filadendron)

Geschäftsleute unterhalten sich (Symbolbild): Mit Faktor-Zertifikaten können Anleger überproportional an der Wertentwicklung von Aktien oder Indizes teilhaben. (Quelle: filadendron/Getty Images)

Mit Faktor-Zertifikaten können Sie überdurchschnittlich stark von bestimmten Kursentwicklungen profitieren. Allerdings ist auch das Risiko entsprechend hoch. Wir erklären, wie die Produkte funktionieren.

Anders als viele Sparer denken, kann man an der Börse mit den richtigen Produkten relativ entspannt investieren und sich so langfristig ein Vermögen aufbauen. Doch es gibt auch genau jene Produkte, denen die Finanzmärkte ihren schlechten Ruf vom Zocker-Paradies verdanken. Faktor-Zertifikate gehören zu dieser Kategorie.

Doch was genau sind eigentlich Zertifikate? Und was bedeutet der Faktor? Wir zeigen Ihnen, was es mit diesem Produkt für Fortgeschrittene auf sich hat.

Was sind Faktor-Zertifikate?

Ein Faktor-Zertifikat ist zunächst einmal ein Finanzprodukt aus der Gruppe der Derivate. Das bedeutet, dass Sie mit ihnen nicht direkt in Aktien, Fonds, Indizes, Rohstoffe und Co. investieren, sondern in ein Produkt, das von diesen sogenannten Basiswerten nur abgeleitet ist.

Ändert sich der Kurs oder der Preis des zugrunde liegenden Basiswerts – also zum Beispiel einer Aktie –, ändert sich auch der Wert des Zertifikats – nach oben wie nach unten. Sie können mit Faktor-Zertifikaten sowohl auf steigende wie auf fallende Kurse setzen. Der Unterschied zu anderen Zertifikaten ist aber: Hier gilt jeden Tag aufs Neue ein bestimmter Faktor, mit dem die Kursentwicklung multipliziert wird. 

Sie können mit dieser Geldanlage also überproportional an einem Kursanstieg oder -abstieg verdienen. Das nennt sich auch Hebelwirkung. Allerdings sollten Sie bedenken, dass auch Verluste mit demselben Faktor multipliziert werden.

Wie funktionieren Faktor-Zertifikate?

Faktor-Zertifikate gehören zu den sogenannten Hebelprodukten oder auch Hebelpapieren. Das heißt, sie ermöglichen überproportionale Gewinne im Vergleich zu den Gewinnen, die möglich wären, wenn Sie beispielsweise direkt in Aktien investieren. Grund dafür ist der namensgebende Faktor, der von 2 bis etwa 15 reichen kann.

  • Nehmen wir an, Sie kaufen ein Faktor-Zertifikat mit dem Faktor 4 auf den deutschen Leitindex Dax. Weil Sie davon ausgehen, dass der Dax noch zulegen wird, entscheiden Sie sich für eine Long-Variante, was nichts anderes bedeutet, als dass Sie mit dem Faktor-Zertifikat auf einen steigenden Kurs setzen.
  • Tritt das ein und der Dax steigt beispielsweise um 1 Prozent, würde Ihr Zertifikat wegen des Faktors 4 um 4 Prozent steigen. Fällt der Dax hingegen um 1 Prozent, fällt auch der Wert Ihres Zertifikats um 4 Prozent.
  • Genau andersherum würde es mit einer Short-Variante des Faktor-Zertifikats laufen. Denn damit wetten Sie auf sinkende Kurse. Fällt also der Dax wieder beispielhaft um 1 Prozent, können Sie sich freuen, denn genau das hatten Sie ja erwartet – Ihr Zertifikat steigt um 4 Prozent im Wert. Steigt der Dax hingegen, würde der Wert Ihres Zertifikats um 4 Prozent fallen.

Für die Long-Variante eines Faktor-Zertifikats wäre das ideale Szenario also, dass der Basiswert (in unserem Beispiel der Dax) kontinuierlich von Tag zu Tag steigt. Ähnlich wie beim Zinseszinseffekt steigt der Wert des Zertifikats exponentiell. Das nennt sich Basiseffekt.

Steht der Dax also bei 12.000 Punkten und steigt in den folgenden fünf Tagen um je 1 Prozent, notiert er bei 12.612 Punkten. Ein Faktor-Zertifikat mit Faktor 4 steigt dagegen auf 14.599,8 Punkte – ein Gewinn von 21,67 Prozent. Vier mal 5,1 Prozent hätten dagegen nur 20,4 Prozent entsprochen.

Ebenso profitieren Sie mit einer Short-Variante des Faktor-Zertifikats bei konstant fallenden Kursen vom Basiseffekt. Allerdings hat dieser noch einen weiteren Vorteil, wenn der Kurs entgegen der Erwartung steigt: Die gehebelten Verluste beziehen sich dann nämlich auf ein niedrigeres Kursniveau und fallen dadurch geringer aus.

Aber Achtung: Ein Totalverlust ist trotzdem möglich – selbst wenn sich der Kurs des Basiswerts nur "seitwärts" entwickelt, sich also über einen längeren Zeitraum kleine Ausschläge nach oben und unten abwechseln. Dann entsteht die sogenannte negative Seitwärtsrendite – nicht gut für Sie als Anleger.

  • Nehmen wir an, Sie besitzen ein Long-Zertifikat mit Faktor 8, dessen Basiswert von 100 auf 110 Euro steigt. Der Wert des Faktor-Zertifikats erhöht sich dann von 100 auf 180 Euro – ein Plus von 80 Prozent, während der Basiswert nur um 10 Prozent wächst.
  • Fällt der Basiswert am nächsten Tag dann von 110 zurück auf 100 Euro, ist das für ihn ein Minus von 9,1 Prozent. Das achtfache Minus des Faktor-Zertifikats beträgt 72,8 Prozent. 180 Euro minus 72,8 Prozent ergeben aber 49 Euro – und damit weit weniger als den Ausgangswert von 100 Euro am Vortag.
  • Halten Sie das Faktor-Zertifikat nun 15 Tage bei dieser Seitwärtsentwicklung, büßt es rund 99 Prozent seines Werts ein. Um die Verluste wieder auszugleichen, müsste sich der Kurs täglich stärker steigern. So müsste beispielsweise mit Blick auf die Tage drei und vier der Kurs des Basiswerts nicht um 80 Prozent, sondern um rund 268 Prozent erhöhen, um das Niveau von Tag zwei wieder zu erreichen.

Es ist daher gerade bei hohen Hebeln mathematisch fast unmöglich, Verluste auszusitzen. Als Faustregel kann man sagen, je höher der Hebel, desto wahrscheinlicher geht das Geld verloren. Sie sollten Faktor-Zertifikate daher nie länger als einen Tag halten.

Gut zu wissen: Faktor-Zertifikate besitzen eine sogenannte Anpassungsschwelle – auch Reset-Barriere genannt. Sie soll den Totalverlust verhindern, indem der Wert des Zertifikats bei heftigen Kurseinbrüchen nicht unter eine festgelegte Grenze sinken kann. Diese liegt aber meist nur kurz vor dem Totalverlust – Sie haben damit in der Praxis also nicht viel gewonnen.

Was sind die Vor- und Nachteile?

Die Chance auf schnelle und hohe Gewinne lässt so manchen Anleger zu Faktor-Zertifikaten greifen. Doch es lauern auch viele Risiken. Eine Übersicht.

Vorteile von Faktor-Zertifikaten:

  • Überproportionale Gewinne, wenn Sie richtig spekuliert haben
  • Basiseffekt lässt Ihre Gewinne exponentiell steigen und begrenzt gleichzeitig Ihre Verluste
  • Anders als bei Knock-out-Zertifikaten bleibt der Hebel von Faktor-Zertifikaten konstant
  • Es gibt keine Knock-out-Schwelle, die beim Unter­- oder Überschreiten zum Totalverlust führt

Nachteile von Faktor-Zertifikaten:

  • Überproportionale Verluste, wenn Sie falsch spekuliert haben
  • Verluste auch dann, wenn die Kurse seitwärts laufen (siehe oben)
  • Totalverlust möglich, wenn der Herausgeber pleite geht oder Sie das Zertifikat zu lange halten
  • Anpassungsschwelle bietet keinen absoluten Schutz vor Totalverlust – vielmehr eine "trügerische Sicherheit" (siehe oben)

Für wen eignen sich Faktor-Zertifikate?

Wegen ihrer hohen Risiken sollten Sie nur dann in Faktor-Zertifikate investieren, wenn Sie sich bewusst sind, dass Sie damit vor allem zocken statt besonnen Geld anzulegen. Deshalb sollten Sie das Geld dafür auch unbedingt übrig haben – denn es kann schnell weg sein. Wer hingegen das Ziel hat, langfristig ein Vermögen aufzubauen, sollte zu anderen Finanzprodukten greifen.

Weitaus besser geeignet dafür sind sogenannte Indexfonds, oder kurz: ETFs ("Exchange Traded Funds"). Dabei handelt es sich um spezielle Fonds, bei denen ein Computeralgorithmus einen Index wie zum Beispiel den Dax nachbildet. 

Ein ETF ist also sozusagen eine Art Korb vieler verschiedener Aktien. Dadurch verringern Sie Ihr Risiko und können mit vergleichsweise wenig Geld in die gesamte Weltwirtschaft investieren.

Verwendete Quellen:

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