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"Ich w├╝nsche mir mehr Toleranz f├╝r Kinder, die 'anders' sind"

t-online, Simone Bla├č

Aktualisiert am 27.11.2015Lesedauer: 6 Min.
Die Grundschullehrerin Stefanie Kraft w├╝nscht sich eine engere Zusammenarbeit von Schule und Eltern.
Die Grundschullehrerin Stefanie Kraft w├╝nscht sich eine engere Zusammenarbeit von Schule und Eltern. (Quelle: privat)
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Stefanie Kraft ist seit zwanzig Jahren Grundschullehrerin, seit einigen Jahren an einer N├╝rnberger Ganztagsschule. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass die Anzahl der auff├Ąlligen Kinder deutlich zunimmt und dass die Lehrer in ihrer Ausbildung nicht ausreichend darauf vorbereitet werden. Vor allem, wenn es um das Thema ADHS geht.

t-online.de: Wenn Sie Kinder mit ADHS in ihrer Klasse haben, von wem erfahren Sie das dann?

Stefanie Kraft: Es gibt Eltern, die Auff├Ąlligkeiten ihres Kindes nicht wahrhaben wollen. Das sind jedoch wenige. Die Mehrheit der betroffenen Eltern kommt von sich aus auf mich zu und teilt mir beinahe schuldbewusst die Diagnose mit. Diese Eltern haben schon lange die leidvolle Erfahrung gemacht, dass ihr Kind unangenehm auff├Ąllt, h├Ąufig Schwierigkeiten macht, in Auseinandersetzungen verwickelt ist ÔÇô und oft Kind und Eltern die Schuld daf├╝r bekommen.

In diesen F├Ąllen haben Eltern oft Angst, dass ihr Kind von vornherein einen Stempel aufgedr├╝ckt bekommt. Gerade bei ADHS-Kindern muss das offen kommuniziert werden, denn nur in der Zusammenarbeit mit den Eltern kann man wirklich erfolgreich handeln. Man braucht eine gemeinsame Basis, sonst kann es keine Fortschritte geben.

Haben Sie das Gef├╝hl, dass die Anzahl der betroffenen Kinder in den letzten Jahren gr├Â├čer geworden ist?

Gerade in den Ganztagsklassen in Stadtschulen nimmt das Problem auf jeden Fall zu. In manchen Klassen von etwa 18 Sch├╝lern zeigen bis zu zehn Kinder Verhaltensauff├Ąlligkeiten, manchmal haben f├╝nf davon ADHS. Meistens Jungs. F├╝r diese H├Ąufung in Ganztagsklassen gibt es nat├╝rlich Gr├╝nde. Immer wieder werden diese Kinder in anderen Schulen aussortiert. Eltern wird geraten, ihr Kind aufgrund der angeblich besonderen p├Ądagogischen Betreuung an einer Ganztagsschule anzumelden.

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Oft sind die Eltern tats├Ąchlich verzweifelt, mit den Nerven am Ende und haben die Hoffnung, dass sie ihrem Kind so die Chance bieten, das Beste zu bekommen.

Leider gibt es in der Praxis keine entsprechende F├Ârderung und Betreuung f├╝r Kinder, die aus dem Rahmen fallen. F├╝r uns Lehrer ist dies ein gro├čes Problem. Wir sind keine Therapieeinrichtung und wir bekommen keine zus├Ątzlichen Hilfen. Die meiste Zeit sind wir alleine in der Klasse. Wenn man es genau nimmt, dann br├Ąuchten Kinder mit ADHS Schulbegleiter und vor allem professionelle Hilfe. Wir Lehrer sind damit oft ├╝berfordert. Man darf nicht vergessen: Wir sollen ja allen Kindern gerecht werden.

Kindern mit ADHS werden ja gerade in Bezug auf den Unterricht viele negative Eigenschaften nachgesagt. Wie ist Ihre Sicht als Lehrerin?

Unterricht zu halten mit ADHS-Kindern ist wirklich schwierig. Da sie sich oft nicht kontrollieren k├Ânnen, jedem Impuls nachgeben und zumeist eine unb├Ąndige Energie besitzen, reden sie oft dazwischen, machen Ger├Ąusche, bleiben nicht sitzen. All dies st├Ârt nat├╝rlich den Unterricht, egal ob dieser frontal gehalten oder offener gestaltet wird. Auf jeden Fall binden diese Kinder sehr viel Aufmerksamkeit und brauchen meistens den pers├Ânlichen Kontakt, um sich selbst wahrnehmen zu k├Ânnen.

Besch├Ąftigt man sich n├Ąher mit ADHS, dann stellt man fest, dass viele der Eigenschaften, die wir in unserer Gesellschaft als negativ bezeichnen, durchaus positiv sein k├Ânnen, wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Haben Sie als Lehrerin ├╝berhaupt M├Âglichkeiten, zu lenken?

Die besondere Energie, manchmal auch ganz besondere F├Ąhigkeiten und Begabungen, die diese Kinder haben, kann man nat├╝rlich nutzen. Wir k├Ânnen ihnen ein Feld bieten, in dem sie sich beweisen k├Ânnen und auch mal Erfolgserlebnisse haben.

Ich hatte mal einen Sch├╝ler, der hatte so viel Power, der konnte 100 Runden in der Sporthalle laufen. Seine Mitsch├╝ler waren schwer beeindruckt und haben sich von ihm anstecken lassen. Schlie├člich f├╝hrte unser "Lauftalent" alle an. Allerdings muss man da auch wieder aufpassen, dass es nicht ausartet.

Wie machen Sie das?

Ich versuche immer in Kontakt zu kommen, eine Beziehung herstellen. Das Kind muss Vertrauen zu mir haben. Nur so nimmt es auch die Grenzen an, die ich ihm vorgebe. Wenn ich allerdings mehrere ADHS-Kinder gleichzeitig habe, dann wird das sehr schwierig.

In der Ausbildung zum Lehrer wird man auf eine solche Situation nicht vorbereitet. Klar, das Krankheitsbild wird mal erkl├Ąrt, theoretisch. Aber solange man ein solches Kind nicht erlebt hat, kann man sich das wirklich nicht vorstellen.

Man besucht Fortbildungen, versucht, sich Kniffe zu erarbeiten. Aber diese Kinder sind so unterschiedlich, dass man jedes Mal wieder irgendwie von vorne anf├Ąngt.

F├╝r mich sind im Umgang mit ADHS die Strukturen das Wichtigste. Sie helfen den Kindern, sich zu orientieren, sich an irgendetwas festzuhalten. Das brauchen sie. Und sie brauchen bestimmte Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft.

Man m├╝sste also den Unterricht von vornherein anders gestalten?

Ja, das m├╝sste man. Diese Kinder brauchen eine ganz andere Struktur, einen anderen Rhythmus. Doch es ist sehr schwer, das im normalen Schulalltag umzusetzen. Ich empfinde es als ganz f├╝rchterlich, dass man als Lehrer immer das Gef├╝hl hat, keinem seiner Sch├╝ler richtig gerecht zu werden. Das ist so ersch├Âpfend.

Oft sind ADHS-Kinder sehr intelligent, und manche schaffen auch den ├ťbertritt ans Gymnasium. Doch die Schwierigkeiten h├Âren f├╝r sie dort nicht auf. Wir hatten schon ├Âfter den Fall, dass die Schulen dann bei uns anrufen, um Infos und Rat einzuholen. Kann sich ein solches Kind aber ├╝ber die Schulzeit retten, dann passiert es oft, dass die Energie in die richtigen Bahnen gelenkt wird.

Haben Sie schon einmal erlebt, dass andere Eltern das betroffene Kind nicht in der Klasse ihrer Kinder haben wollten?

Ja, auf alle F├Ąlle. Sie m├Âchten zumindest dar├╝ber reden, ob das denn sein muss. In gewisser Weise ist das auch nachvollziehbar. Sie wollen ihre eigenen Kinder sch├╝tzen. Es kommt ja auch zu k├Ârperlichen ├ťbergriffen, zu Verletzungen. Aber Ganztagsklassen sind nun mal oft das letzte Auffangbecken f├╝r solche Kinder. Wo sollen sie denn noch hin?

Wenn Sie ein Kind kennen und es dann unter dem Einfluss von Ritalin und Co. erleben, erschreckt Sie das nicht? Oder sind Sie eher erleichtert, weil der Unterricht jetzt deutlich einfacher und vor allem ruhiger zu gestalten ist?

Es gibt wirklich F├Ąlle, in denen Kinder ohne ein solches Medikament fast nicht existieren k├Ânnen. Sie leiden selbst so sehr unter der Aufmerksamkeitsst├Ârung, dass sie nur mithilfe von Chemie ├╝berhaupt zur Ruhe kommen k├Ânnen, sich wohlf├╝hlen k├Ânnen in ihrer Haut.

Aber leider erlebt man als Lehrer auch, dass Kinder ruhig gestellt werden und v├Âllig abwesend erscheinen. Manche ├ärzte greifen viel zu schnell zum Rezept, was manche Eltern aber auch einfordern, nicht selten, um die schulischen Leistungen zu verbessern. Die Kinder werden mit Medikamenten durchgef├╝ttert, damit sie den ├ťbertritt schaffen.

Ich pers├Ânlich w├╝rde nur selten Medikamente empfehlen, dann wenn es zu oft zu ernsthaften t├Ątlichen ├ťbergriffen kommt oder das betroffene Kind selbst leidet.

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Wie ist das zum Beispiel auf Klassenfahrten? M├╝ssen Sie die Medikamenteneinnahme ├╝berwachen?

In den extremen F├Ąllen ├╝berwache ich die Einnahme nat├╝rlich, aber selbst geben darf ich kein Medikament. Manchmal ist dies aber auch nicht n├Âtig. Ich habe mit Ausfl├╝gen und Klassenfahrten gerade im Hinblick auf die besonders lebhaften Kinder nur positive Erfahrungen gemacht. Eigentlich ist es auch kein Wunder: Die Kinder m├╝ssen sonst w├Ąhrend der Unterrichtszeit ja oft lange stillsitzen. Hier bieten sich Bewegungs- und Handlungsm├Âglichkeiten, die zu einem entspannteren Verhalten beitragen.

Was w├╝nschen Sie sich als P├Ądagogin?

Ich w├╝nsche mir, dass die Schulen die Vielfalt an Problemen unserer Kinder, seien es Verhaltensauff├Ąlligkeiten, Lernschw├Ąchen oder etwa Sprachschwierigkeiten, besser auffangen k├Ânnten. Aber hierf├╝r w├Ąre es n├Âtig, viel Geld bereitzustellen f├╝r zus├Ątzliches Personal. Wir brauchen an den Schulen mehr Lehrkr├Ąfte, Sozialp├Ądagogen, wir brauchen eine enge Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Logop├Ąden oder Ergotherapeuten.

Au├čerdem w├╝rde ich mir eine noch engere Zusammenarbeit von Schule und Eltern w├╝nschen, um nachhaltiger zu arbeiten. Gerade mit ADHS-Kindern m├╝sste man viel umfassender und gezielter arbeiten. Nur durch regelm├Ą├čiges Training lernen diese Kinder mit ihrer Krankheit umzugehen. Hier m├╝ssen wir zusammenhelfen.

Au├čerdem w├╝nsche ich mir mehr Toleranz f├╝r Kinder, die "anders" sind. Sie brauchen unser Verst├Ąndnis und manchmal eben auch andere Regeln. Deshalb empfinde ich es als besonders wichtig, ADHS auf die Spur zu kommen. Welche Rolle spielt hier die Ern├Ąhrung, welche ├╝berm├Ą├čiger Medienkonsum? Das sind Punkte, die gerade in bestimmten Gesellschaftsschichten nicht unerheblich sind und m├Âglicherweise Probleme erzeugen, die es sonst in dieser Auspr├Ągung gar nicht g├Ąbe.

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Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte ├ärzte. Die Inhalte von t-online k├Ânnen und d├╝rfen nicht verwendet werden, um eigenst├Ąndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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