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Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?

t-online, Simone Blaß

10.03.2014Lesedauer: 5 Min.
Die meisten Kinder homosexueller Eltern sind echte Wunschkinder.
Die meisten Kinder homosexueller Eltern sind echte Wunschkinder. (Quelle: /Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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Die Gleichstellung homosexueller Paare ist auf dem besten Weg. Mit dem Abbau von HĂŒrden, zum Beispiel bei der Adoption, wĂ€chst eine neue Generation heran: die Regenbogenkinder.

Homosexuelle Familien gibt es in den verschiedensten Konstellationen: zwei lesbische MĂŒtter, zwei schwule VĂ€ter, aber auch beides in Kombination, mit Adoptivkindern, mit Pflegekindern, mit Kindern aus einer Samenspende. Oft aber auch mit Kindern aus einer vorherigen heterosexuellen Beziehung. Das alleine schon macht die Forschung sehr schwer. Denn ein Kind, das beide Familienmodelle kennt, wĂ€chst anders auf als eines, das in eine Regenbogenfamilie hineingeboren ist.

Die "normale Familie" als Bild, aber nicht als Abbild der Gesellschaft

Wenn es um Familie geht, sind wir alle Experten. Jeder hat eine Familie, in der er aufgewachsen ist und jeder hat eine Vorstellung davon, wie Familie auszusehen hat. Die Tatsache, dass HomosexualitĂ€t heute nicht mehr gleichzusetzen ist mit Kinderlosigkeit, bringt dieses innere Bild ins Wanken. Zu Unrecht, meint der Jugendforscher und Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann. "Die junge Generation von Lesben und Schwulen hat viel weniger Interesse, die Welt zu verĂ€ndern. Sie wollen ein Leben fĂŒhren, das in gewisser Weise traditionellen Mustern entspricht: mit festem Partner, Wohnung, Auto, Garten und Kind." In LĂ€ndern wie Schweden hat sich die Zahl der Kinder, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern leben, seit dem Ende der 90er Jahre verzehnfacht. In Deutschland sind Regenbogenfamilien selbst in vielen GroßstĂ€dten noch eher die Ausnahme.

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Familie ist da, wo Kinder sind

Der Regenbogen verkörpert Vielfalt und in diesem Fall Lebensgemeinschaften mit Kindern, die nicht dem traditionellen Bild entsprechen. Ähnlich wie in Kriegszeiten oder wĂ€hrend der zunehmenden Scheidungsrate bilden sich auch hier Familienmodelle, die sich aus dem Grundmodell lösen. Brauchen Kinder wirklich Vater und Mutter, um glĂŒcklich aufwachsen zu können? Diese leicht provokante Frage empfinden einige bereits als Angriff auf ihr eigenes Lebensmodell. Die Überzeugung, dass ein Kind beide Elternteile fĂŒr eine gesunde Entwicklung braucht, ist tief verwurzelt, aber so nicht beweisbar.

Katja Irle hat ĂŒber Kinder aus homosexuellen Partnerschaften ein Buch geschrieben. "Es war nicht einfach, als Junge von zwei MĂŒttern aufzuwachsen", zitiert Irle einen Jungen in ihrem Buch "Das Regenbogenexperiment". "Das spĂŒrte ich vor allem in der Schule, weil alle meine Freunde VĂ€ter hatten. Ich fragte mich: Wie soll ich mich verhalten? Was ist normal fĂŒr einen Jungen?" Diese Leerstelle im Leben ihres Sohnes hat auch die Mutter als solche empfunden. Das Einzige, was sie und ihre Partnerin ihm nicht hĂ€tten beibringen können, so sagt sie, sei, ein Mann zu sein.

Regenbogenkinder brauchen Kontakt zu beiden Geschlechtern

Wichtiger als das Geschlecht der Eltern ist die QualitĂ€t der Beziehung zu den Kindern, ein wertschĂ€tzendes Familienklima und eine sichere Bindung, das weiß man inzwischen. Man weiß aber auch, dass ein Kind Bezugspersonen beiderlei Geschlechts braucht. Nicht ohne Hintergedanken suchen sich viele Lesben mit Kinderwunsch zunĂ€chst einen Spender im Freundes- oder Bekanntenkreis. Dahinter steht der Wunsch, nicht nur einen biologischen, sondern auch einen sozialen Vater zu gewinnen.

"Beide Geschlechter sollten im Alltag dieser Kinder eine wichtige Rolle spielen. Es fehlt sonst eine Vielzahl an Repertoire des Aufwachsens, wenn ein Kind nicht MĂ€nner und Frauen erlebt und ihnen nahe ist", so Irle. Wissenschaftler gehen davon aus, dass gerade lesbische MĂŒtter hier sogar fĂŒr deutlich mehr Ausgleich sorgen als viele Alleinerziehende. Was die Vermutung unterstĂŒtzt, dass gleichgeschlechtliche Eltern tatsĂ€chlich oft bewusster und reflektierter erziehen. Schon allein aus dem Wissen heraus, dass ihr Erziehungsverhalten vom Umfeld genauer beobachtet wird. Scheitert man, wĂ€re die ErklĂ€rung schnell zur Hand.

Auch der homosexuelle evangelische Pfarrer Nulf Schade-James ist der Meinung, dass diese Familien besonders im Blickpunkt stehen. "Deshalb tun Regenbogenfamilien vielleicht unbewusst alles dafĂŒr, immer alles gut und richtig zu machen. Sie fördern ihre Kinder, wo es nur geht. Ich kenne dieses GefĂŒhl sehr gut. Meine Mutter hat mir nach meinem Coming-out gesagt: 'Du musst immer ein bisschen besser sein als die anderen.'"

Es ist alles in Ordnung, wenn Liebe da ist

Regenbogenkinder erleben ihre Familie zunĂ€chst als das Normale. Ab dem Kindergarten kommen dann erste Fragen, wobei es richtig schwierig meist erst im Jugendalter wird. Vor allem dann, wenn die Freunde gleichgeschlechtliche Beziehungen ablehnen, das Wort "schwul" ein gĂ€ngiges Schimpfwort ist. Das kann dazu fĂŒhren, dass die Jugendlichen nicht möchten, dass die Eltern sich in der Schule oder im Freundeskreis outen. Doch das gilt nicht fĂŒr alle. Judith Holofernes, SĂ€ngerin der Band "Wir sind Helden" erinnert sich: "Ich habe schon als Kind gewusst, dass alles in Ordnung ist, wenn die Liebe da ist. Und weil ich auf der anderen Seite Normalofamilien kennengelernt habe, in denen der Vater die Kinder geschlagen hat."

Regenbogenkinder haben es oft besser als andere

Mehr als 100 Studien in 30 Jahren haben laut der US-amerikanischen Akademie der KinderĂ€rzte und Psychotherapeuten keinen Hinweis darauf gegeben, dass Kinder aus Regenbogenfamilien in ihrer sozialen, psychischen oder sexuellen Entwicklung in irgendeiner Form eingeschrĂ€nkt sind. Doch um die Entwicklung eines Kindes wirklich beurteilen zu können, benötigt man Langzeitforschung. Man weiß aber schon, dass die meisten Regenbogenkinder von vergleichsweise gebildeten und ökonomisch gut gestellten Eltern profitieren. Es heißt, sie seien offener, sozial kompetenter und vor allem toleranter. "Aus der Sicht der bisherigen Forschung gibt es keinen Grund fĂŒr die Annahme, dass Kinder in Regenbogenfamilien nicht glĂŒcklich aufwachsen und sich zu stabilen Persönlichkeiten entwickeln können", so Irle.

Ein weiterer Baustein in der Vielfalt moderner Familien

Einen wirklich bedeutenden Unterschied zwischen hetero- und homosexuellen Elternpaaren kann auch der dĂ€nische Familientherapeut Jesper Juul in seiner Arbeit bisher nicht ausmachen. "NatĂŒrlich gibt es Unterschiede im Lebensstil, Haltungen, die sich in sozialen Netzwerken ausdrĂŒcken, und dergleichen mehr, aber die Faktoren, auf die es wirklich ankommt - die persönliche Geschichte beider Partner, erlittene Traumata, der Wille zur VerĂ€nderung, innere und Ă€ußere Eigenschaften -, gelten fĂŒr alle Erwachsenen, unabhĂ€ngig von Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung."

Sind Normal-Familien ĂŒberbewertet?

Nach all den Erkenntnissen, die in den letzten Jahren gewonnen wurden, geht die Fragestellung nun in zwei Richtungen. Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern, weil sie ihre Kinder sehr bewusst erziehen und auch stĂ€rker unter Beobachtung stehen? Oder fĂŒhrt gerade dieser Druck, nicht scheitern zu dĂŒrfen, erst recht zu Konflikten und dazu, das Kind zum Projekt zu machen? Antworten darauf können heute noch nicht gegeben werden. "Aus diesem unaufgeregten Blickwinkel wird sich zeigen, dass es neben nicht wegzudiskutierenden Unterschieden zwischen homosexuellen und heterosexuellen Eltern sehr viele Gemeinsamkeiten gibt", so Irles Fazit.

"Das alles hat mit der Frage nach homo oder hetero nichts mehr zu tun, aber sehr viel mit der Vorstellung von Kindheit und Familie in der Zukunft. Und das betrifft alle." Schließlich werden auch in heterosexuellen Familien die Wahlverwandtschaften immer mehr zunehmen, wird die biologische von der sozialen Elternschaft weiter abgekoppelt. Und fragt man die, die es wissen mĂŒssen, nĂ€mlich die Familien selbst, dann zeigt sich auch, dass der Alltag einer Regenbogenfamilie viel entspannter ist als die öffentliche Diskussion darĂŒber.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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