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Schokolade: "Der Kakaoanteil wird immer weiter reduziert"

INTERVIEWAgrarökonom über Schokolade  

"Der Kakaoanteil wird immer weiter reduziert"

Von Ron Schlesinger

03.04.2018, 15:27 Uhr
Schokolade: "Der Kakaoanteil wird immer weiter reduziert". Gestapelte Schokoladentafeln: Der Anteil von Kakao wirkt sich auf den Geschmack aus. (Quelle: imago images/imagebroker)

Gestapelte Schokoladentafeln: Der Anteil von Kakao wirkt sich auf den Geschmack aus. (Quelle: imagebroker/imago images)

Die anspruchsvollen Kakaobäume leiden unter den steigenden Temperaturen – das sind düstere Aussichten für Schoko-Fans. Klimabedingt könnte die Qualität der Schokolade langfristig sinken, meint Agrarökonom Christian Bunn.

Die Meldung schockte alle Kakao-Fans: US-Wissenschaftler warnten, dass es bald keine Schokolade mehr gebe. Schuld sei der Klimawandel, der dem Kakaobaum arg zusetze. Und ohne Kakao keine Schokolade – sie ist der wichtigste Rohstoff im Herstellungsprozess von Pralinen, Riegel und Co.

Wer durch die Discounter und Supermärkte geht, wird allerdings feststellen, dass die Auslagen brechend voll sind. Keine Schokoladen-Endzeitstimmung. Mehr noch: Wegen des Überangebots an Kakao ist der durchschnittliche Preis je Tonne Kakaobohnen im Welthandel seit Februar 2016 um ein Drittel gesunken.

Wie passt das zusammen? Wir haben den deutschen Agrarökonomen Dr. Christian Bunn gefragt. Der Experte erforscht im Auftrag des International Center for Tropical Agriculture (CIAT), wie sich der Klimawandel auf die Kakaopflanzen auswirkt und der Anbau vor Ort nachhaltiger werden kann.

Herr Bunn, das US-Wirtschaftsportal "Businessinsider" hat vor einigen Wochen mit seiner Schlagzeile "Schokolade wird in 40 Jahren verschwunden sein" weltweit die Medien aufgemischt – auch in Deutschland. Die Journalisten beriefen sich dabei auf Berechnungen Ihrer Kollegen am CIAT. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Christian Bunn: Ernst, aber nicht bedrohlich. "Businessinsider" hat hier etwas falsch interpretiert. Leider hat man uns nicht direkt gefragt. Richtig ist, dass 90 Prozent der Gebiete, in denen heute Kakao angebaut wird, bis 2050 weniger geeignet sein werden. Die Anbaubedingungen werden sich verschlechtern, aber das bedeutet nicht, dass Kakao nicht mehr angebaut werden kann. Es wird weiter Schokolade geben. Die Frage ist eher, unter welchen Bedingungen Kakao in Zukunft produziert wird.

Was setzt dem Kakaobaum besonders zu?

Unsere Studien zeigen, dass im Hauptanbaugebiet Westafrika feuchte Gebiete noch feuchter und trockene Gebiete noch trockener werden. Diese Klimaveränderungen bringen neue oder andere Schädlinge und Krankheiten hervor, die der Kakaopflanze langfristig zusetzen.

Christian Bunn (3. v. r.) im Gespräch mit Kakaobauern: Welche Folgen bringt die Dürre im westafrikanischen Ghana mit sich? (Quelle: Christian Bunn/CIAT)Christian Bunn (3. v. r.) im Gespräch mit Kakaobauern: Welche Folgen bringt die Dürre im westafrikanischen Ghana mit sich? (Quelle: Christian Bunn/CIAT)

Wie wollen Sie das verhindern?

Uns geht es um die Frage, was auf den Farmen und auf dem Land passieren muss, damit weiterhin Kakao angebaut werden kann. Wir wollen den Kleinbauern in Westafrika konkret helfen, ihre Erträge zu verbessern und sich gleichzeitig an den Klimawandel anzupassen, zum Beispiel mit Schulungen, Infomaterial und finanzieller Unterstützung. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass große US-Nahrungsmittelkonzerne, wie Mars Inc., bereit sein müssen, bei diesem Wandel eine positive Rolle einzunehmen.

Mars Inc., dessen deutsche Tochter unter anderem die Schokoriegel Snickers, Twix oder Milky Way herstellt, macht das gerade medienwirksam. Der Konzern sponsert mit seinem Projekt "Nachhaltig in einer Generation" eine Milliarde US-Dollar, damit robustere Kakaopflanzen entwickelt werden können.

Ja klar, die großen Konzerne tun schon etwas. Die Frage ist, inwieweit das schön gerechnet ist und tatsächlich den Konzernen ein Stück abverlangt. Vielleicht ist es einfach nur Teil ihres laufenden Geschäfts und wird als Nachhaltigkeitsprogramm deklariert.

Davon abgesehen: Was sehen Sie als dringendste Maßnahme?

Es muss vor allem die Entwaldung in Westafrika gestoppt werden. Das ist ein absolutes Muss. Denn die Kakaoproduktion wird derzeit auf Kosten der Waldreserven ausgeweitet. Wenn wir aber die Kleinbauern vor Risiken wie Trockenheit schützen möchten, macht es einfach Sinn, Waldflächen zu bewahren. So schützen wir den Kakaoanbau vor negativen Klimaschwankungen. Eine andere Lösung sind nachhaltige Agroforstsysteme.

Sie meinen Flächen, auf denen die landwirtschaftliche Produktion mit dem Anbau von Bäumen oder Sträuchern auf derselben Fläche kombiniert wird?

Ja. Es gibt bereits Initiativen, Wälder zu schützen und solche Flächen zu fördern, aber da würde ich mir effizientere Mechanismen erhoffen.

Die könnten doch auf der kommenden UN-Klimakonferenz in Krakau im Dezember 2018 beschlossen werden.

Ich erhoffe mir dahingehend wenig von den Klimaverhandlungen. Ich bin immer wieder überrascht, dass die tropischen Länder hier zu wenig zusammenarbeiten und nicht effizient als Block auftreten.

Kakaobaum: Die gelben Früchte enthalten zwischen 20 und 60 Samen, die als Kakaobohnen bezeichnet werden. (Quelle: imago images/blickwinkel)Kakaobaum: Die gelben Früchte enthalten zwischen 20 und 60 Samen, die als Kakaobohnen bezeichnet werden. (Quelle: blickwinkel/imago images)

Wenn es in Zukunft dennoch weniger Kakaobäume gebe, wird dann Schokolade in den nächsten Jahrzehnten teurer?

Einerseits werden die Preisschwankungen durch den Klimawandel zunehmen: Wenn wir ein gutes Jahr haben, bleiben die Kakaopreise niedrig, in einem schlechten Jahr steigen die Weltmarktpreise. Andererseits werden sich die Kakaopreise auch im langjährigen Mittel erhöhen, weil es zunehmend unattraktiver ist, in die Kakaoproduktion zu investieren. Das hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass der Kakaogehalt in vielen Produkten reduziert wurde, wie in Nutella.

Sie spielen darauf an, dass Verbraucherschützer dem Süßwarenhersteller Ferrero unlängst vorgeworfen haben, in der neuen Rezeptur seiner Nuss-Nougat-Creme sei jetzt mehr Milchpulver und weniger Kakao? Gibt es bei Schokolade ähnliche Befürchtungen?

In allen handelsüblichen Schokoladen, deren Grundzutaten Kakaomasse, Kakaobutter, Zucker und Vanille sind, wird seit Jahren der Kakaoanteil sukzessive reduziert. Im Gegenzug erhöht sich der Zuckeranteil.

Können Verbraucher das herausschmecken?

Schon, aber in Schokoladenprodukten aus dem unteren Preissegment, wie Kuvertüren, Schokohasen oder -weihnachtsmänner, achten die wenigsten darauf. Wenn jemand Wert auf einen intensiven Schokoladengeschmack legt, kann er den natürlich bekommen, indem er eine teure Tafel kauft. Ein Stück guter Schokolade zergeht langsam auf der Zunge – dank ihres Kakaobutteranteils. Aber mit dem Klimawandel und den damit einhergehenden höheren Temperaturen wird sich langfristig auch die Qualität von Kakaobutter verschlechtern.

CIAT-Konferenz im Oktober 2017: Christian Bunn hält eine Vorlesung zum Klimawandel für Nachhaltigkeitsmanager privater Firmen. (Quelle: Christian Bunn/CIAT)CIAT-Konferenz im Oktober 2017: Christian Bunn hält eine Vorlesung zum Klimawandel für Nachhaltigkeitsmanager privater Firmen. (Quelle: Christian Bunn/CIAT)

Sind das auch Fragen, die auf der 4. Weltkakao-Konferenz auf der Tagesordnung stehen, die vom 22. bis 25. April 2018 in Berlin stattfindet?

Ich bin gespannt darauf, welchen Stellenwert der Klimawandel dort einnehmen wird. Vermutlich geht es wieder eher um kleinteilige Lösungen, wie die Erforschung von Sorten, die Trockenheit gut überstehen. Wenn wir solch angepasste Sorten in den kommenden zehn Jahren in den Anbaugebieten pflanzen wollen, geht das aber nur, wenn alle Akteure kooperieren und gemeinsame Strategien erarbeiten.

Können Sie Schokolade eigentlich noch genießen?

Selbstverständlich. Durch meine Arbeit habe ich viele Produzenten kennen gelernt, die nichts unversucht lassen, um gute Schokolade herzustellen, deren Kakao nachhaltig produziert wurde. Die schmeckt dann doppelt gut.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Info
Die Forschungsprojekte des International Center for Tropical Agriculture (CIAT) mit Hauptsitz im kolumbianischen Palmira werden unter anderem von der United States Agency for International Development (USAID) gefördert, eine US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit.


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