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"Der Kakaoanteil wird immer weiter reduziert"

  • Ron Schlesinger
Von Ron Schlesinger

Aktualisiert am 03.04.2018Lesedauer: 4 Min.
Gestapelte Schokoladentafeln: Der Anteil von Kakao wirkt sich auf den Geschmack aus.
Gestapelte Schokoladentafeln: Der Anteil von Kakao wirkt sich auf den Geschmack aus. (Quelle: imagebroker/imago-images-bilder)
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Die anspruchsvollen KakaobĂ€ume leiden unter den steigenden Temperaturen – das sind dĂŒstere Aussichten fĂŒr Schoko-Fans. Klimabedingt könnte die QualitĂ€t der Schokolade langfristig sinken, meint Agrarökonom Christian Bunn.

Die Meldung schockte alle Kakao-Fans: US-Wissenschaftler warnten, dass es bald keine Schokolade mehr gebe. Schuld sei der Klimawandel, der dem Kakaobaum arg zusetze. Und ohne Kakao keine Schokolade – sie ist der wichtigste Rohstoff im Herstellungsprozess von Pralinen, Riegel und Co.

Wer durch die Discounter und SupermĂ€rkte geht, wird allerdings feststellen, dass die Auslagen brechend voll sind. Keine Schokoladen-Endzeitstimmung. Mehr noch: Wegen des Überangebots an Kakao ist der durchschnittliche Preis je Tonne Kakaobohnen im Welthandel seit Februar 2016 um ein Drittel gesunken.

Wie passt das zusammen? Wir haben den deutschen Agrarökonomen Dr. Christian Bunn gefragt. Der Experte erforscht im Auftrag des International Center for Tropical Agriculture (CIAT), wie sich der Klimawandel auf die Kakaopflanzen auswirkt und der Anbau vor Ort nachhaltiger werden kann.

Herr Bunn, das US-Wirtschaftsportal "Businessinsider" hat vor einigen Wochen mit seiner Schlagzeile "Schokolade wird in 40 Jahren verschwunden sein" weltweit die Medien aufgemischt – auch in Deutschland. Die Journalisten beriefen sich dabei auf Berechnungen Ihrer Kollegen am CIAT. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Christian Bunn: Ernst, aber nicht bedrohlich. "Businessinsider" hat hier etwas falsch interpretiert. Leider hat man uns nicht direkt gefragt. Richtig ist, dass 90 Prozent der Gebiete, in denen heute Kakao angebaut wird, bis 2050 weniger geeignet sein werden. Die Anbaubedingungen werden sich verschlechtern, aber das bedeutet nicht, dass Kakao nicht mehr angebaut werden kann. Es wird weiter Schokolade geben. Die Frage ist eher, unter welchen Bedingungen Kakao in Zukunft produziert wird.

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Was setzt dem Kakaobaum besonders zu?

Unsere Studien zeigen, dass im Hauptanbaugebiet Westafrika feuchte Gebiete noch feuchter und trockene Gebiete noch trockener werden. Diese KlimaverÀnderungen bringen neue oder andere SchÀdlinge und Krankheiten hervor, die der Kakaopflanze langfristig zusetzen.

Christian Bunn (3. v. r.) im GesprĂ€ch mit Kakaobauern: Welche Folgen bringt die DĂŒrre im westafrikanischen Ghana mit sich?
Christian Bunn (3. v. r.) im GesprĂ€ch mit Kakaobauern: Welche Folgen bringt die DĂŒrre im westafrikanischen Ghana mit sich? (Quelle: Christian Bunn/CIAT)

Wie wollen Sie das verhindern?

Uns geht es um die Frage, was auf den Farmen und auf dem Land passieren muss, damit weiterhin Kakao angebaut werden kann. Wir wollen den Kleinbauern in Westafrika konkret helfen, ihre ErtrĂ€ge zu verbessern und sich gleichzeitig an den Klimawandel anzupassen, zum Beispiel mit Schulungen, Infomaterial und finanzieller UnterstĂŒtzung. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass große US-Nahrungsmittelkonzerne, wie Mars Inc., bereit sein mĂŒssen, bei diesem Wandel eine positive Rolle einzunehmen.

Mars Inc., dessen deutsche Tochter unter anderem die Schokoriegel Snickers, Twix oder Milky Way herstellt, macht das gerade medienwirksam. Der Konzern sponsert mit seinem Projekt "Nachhaltig in einer Generation" eine Milliarde US-Dollar, damit robustere Kakaopflanzen entwickelt werden können.

Ja klar, die großen Konzerne tun schon etwas. Die Frage ist, inwieweit das schön gerechnet ist und tatsĂ€chlich den Konzernen ein StĂŒck abverlangt. Vielleicht ist es einfach nur Teil ihres laufenden GeschĂ€fts und wird als Nachhaltigkeitsprogramm deklariert.

Davon abgesehen: Was sehen Sie als dringendste Maßnahme?

Es muss vor allem die Entwaldung in Westafrika gestoppt werden. Das ist ein absolutes Muss. Denn die Kakaoproduktion wird derzeit auf Kosten der Waldreserven ausgeweitet. Wenn wir aber die Kleinbauern vor Risiken wie Trockenheit schĂŒtzen möchten, macht es einfach Sinn, WaldflĂ€chen zu bewahren. So schĂŒtzen wir den Kakaoanbau vor negativen Klimaschwankungen. Eine andere Lösung sind nachhaltige Agroforstsysteme.

Sie meinen FlÀchen, auf denen die landwirtschaftliche Produktion mit dem Anbau von BÀumen oder StrÀuchern auf derselben FlÀche kombiniert wird?

Ja. Es gibt bereits Initiativen, WĂ€lder zu schĂŒtzen und solche FlĂ€chen zu fördern, aber da wĂŒrde ich mir effizientere Mechanismen erhoffen.

Die könnten doch auf der kommenden UN-Klimakonferenz in Krakau im Dezember 2018 beschlossen werden.

Ich erhoffe mir dahingehend wenig von den Klimaverhandlungen. Ich bin immer wieder ĂŒberrascht, dass die tropischen LĂ€nder hier zu wenig zusammenarbeiten und nicht effizient als Block auftreten.

Kakaobaum: Die gelben FrĂŒchte enthalten zwischen 20 und 60 Samen, die als Kakaobohnen bezeichnet werden.
Kakaobaum: Die gelben FrĂŒchte enthalten zwischen 20 und 60 Samen, die als Kakaobohnen bezeichnet werden. (Quelle: blickwinkel/imago-images-bilder)

Wenn es in Zukunft dennoch weniger KakaobÀume gebe, wird dann Schokolade in den nÀchsten Jahrzehnten teurer?

Einerseits werden die Preisschwankungen durch den Klimawandel zunehmen: Wenn wir ein gutes Jahr haben, bleiben die Kakaopreise niedrig, in einem schlechten Jahr steigen die Weltmarktpreise. Andererseits werden sich die Kakaopreise auch im langjĂ€hrigen Mittel erhöhen, weil es zunehmend unattraktiver ist, in die Kakaoproduktion zu investieren. Das hat in den vergangenen Jahren dazu gefĂŒhrt, dass der Kakaogehalt in vielen Produkten reduziert wurde, wie in Nutella.

Sie spielen darauf an, dass VerbraucherschĂŒtzer dem SĂŒĂŸwarenhersteller Ferrero unlĂ€ngst vorgeworfen haben, in der neuen Rezeptur seiner Nuss-Nougat-Creme sei jetzt mehr Milchpulver und weniger Kakao? Gibt es bei Schokolade Ă€hnliche BefĂŒrchtungen?

In allen handelsĂŒblichen Schokoladen, deren Grundzutaten Kakaomasse, Kakaobutter, Zucker und Vanille sind, wird seit Jahren der Kakaoanteil sukzessive reduziert. Im Gegenzug erhöht sich der Zuckeranteil.

Können Verbraucher das herausschmecken?

Schon, aber in Schokoladenprodukten aus dem unteren Preissegment, wie KuvertĂŒren, Schokohasen oder -weihnachtsmĂ€nner, achten die wenigsten darauf. Wenn jemand Wert auf einen intensiven Schokoladengeschmack legt, kann er den natĂŒrlich bekommen, indem er eine teure Tafel kauft. Ein StĂŒck guter Schokolade zergeht langsam auf der Zunge – dank ihres Kakaobutteranteils. Aber mit dem Klimawandel und den damit einhergehenden höheren Temperaturen wird sich langfristig auch die QualitĂ€t von Kakaobutter verschlechtern.

CIAT-Konferenz im Oktober 2017: Christian Bunn hĂ€lt eine Vorlesung zum Klimawandel fĂŒr Nachhaltigkeitsmanager privater Firmen.
CIAT-Konferenz im Oktober 2017: Christian Bunn hĂ€lt eine Vorlesung zum Klimawandel fĂŒr Nachhaltigkeitsmanager privater Firmen. (Quelle: Christian Bunn/CIAT)

Sind das auch Fragen, die auf der 4. Weltkakao-Konferenz auf der Tagesordnung stehen, die vom 22. bis 25. April 2018 in Berlin stattfindet?

Ich bin gespannt darauf, welchen Stellenwert der Klimawandel dort einnehmen wird. Vermutlich geht es wieder eher um kleinteilige Lösungen, wie die Erforschung von Sorten, die Trockenheit gut ĂŒberstehen. Wenn wir solch angepasste Sorten in den kommenden zehn Jahren in den Anbaugebieten pflanzen wollen, geht das aber nur, wenn alle Akteure kooperieren und gemeinsame Strategien erarbeiten.

Können Sie Schokolade eigentlich noch genießen?

SelbstverstÀndlich. Durch meine Arbeit habe ich viele Produzenten kennen gelernt, die nichts unversucht lassen, um gute Schokolade herzustellen, deren Kakao nachhaltig produziert wurde. Die schmeckt dann doppelt gut.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Info
Die Forschungsprojekte des International Center for Tropical Agriculture (CIAT) mit Hauptsitz im kolumbianischen Palmira werden unter anderem von der United States Agency for International Development (USAID) gefördert, eine US-Behörde fĂŒr Entwicklungszusammenarbeit.

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