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Pädophilie ist nicht mit Kindesmissbrauch gleichzusetzen

Fakten und Gesetze  

Pädophilie ist nicht mit Kindesmissbrauch gleichzusetzen

20.08.2020, 16:16 Uhr | ag, t-online

Pädophilie ist nicht mit Kindesmissbrauch gleichzusetzen. Schattenbild einer Person, die den Kopf eines Kindes berührt: Pädophilie kann in Kindesmissbrauch enden. Dennoch sind die meisten Täter, die sich an Kindern vergehen Männer, deren sexuelle Präferenz Erwachsenen gilt. (Quelle: Getty Images/tzahiV)

Schattenbild einer Person, die den Kopf eines Kindes berührt: Pädophilie kann in Kindesmissbrauch enden. Dennoch sind die meisten Täter, die sich an Kindern vergehen Männer, deren sexuelle Präferenz Erwachsenen gilt. (Quelle: tzahiV/Getty Images)

Allein in Deutschland leben schätzungsweise 250.000 Menschen, die sich zu Kindern hingezogen fühlen. Die meisten davon sind Männer. Doch nicht alle begehen zwangsläufig sexuelle Übergriffe oder nutzen Abbildungen von Kindesmissbrauch. Ebenso ist nicht jeder sexuelle Missbrauch an Kindern auf Pädophilie zurückzuführen.

Vorbeugen, um kein Täter zu werden

Das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" bietet Menschen mit pädophilen Neigungen deutschlandweit eine kostenlose, durch Schweigepflicht geschützte therapeutische Hilfe an. Ziel ist es, dass die Betroffenen eine verantwortungsbewusste Kontrolle der sexuellen Impulse erlernen. Auf diese Weise sollen sexuelle Übergriffe auf Kinder verhindert werden. Gleichzeitig sollen der Konsum und die Verbreitung von kinderpornografischem Material eingedämmt werden. 

Das Projekt "Kein Täter werden" richtet sich jedoch nicht nur an Menschen mit pädophilen Neigungen, sondern bemüht sich auch um gesellschaftliche Aufklärung. Denn eine soziale Ächtung und Stigmatisierung der Betroffenen ist ein Risikofaktor. Die Experten haben daher einen FAQ-Katalog zusammengestellt, in dem die wichtigsten Fragen zum Thema Pädophilie ausführlich und differenziert zusammengestellt sind. Der folgende Text lehnt sich an diese Ausführungen an.

Was ist Pädophilie? 

Pädophilie ist eine Störung der sexuellen Präferenz, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eigenständiges Krankheitsbild klassifiziert. Die Betroffenen fühlen sich sexuell von Kindern mit einem vorpubertären Körper angesprochen, die im Allgemeinen nicht älter als elf Jahre alt sind. Sowohl Jungen als auch Mädchen können als sexuell erregend empfunden werden. Eine besondere Variante stellt die Hebephilie dar. Hier fühlen sich die Betroffenen sexuell von Kindern angesprochen, deren körperliche Entwicklung bereits Merkmale der Pubertät aufweist.

Folgende Selbstbeobachtungen geben Anlass zur Vermutung, dass eine Pädophilie oder eine Hebephilie vorliegen:

  • sexuelle Erregung beim Betrachten von vor- und/oder pubertierenden Kindern
  • sexuell erregende Fantasien, in denen die genannten Kinder eine Rolle spielen
  • Konsum von Missbrauchsabbildungen (sogenannte Kinderpornografie)
  • sexuelle Handlungen vor und mit Kindern

Das Präventionswerk "Kein Täter werden" weist ausdrücklich darauf hin, dass die Pädophilie und Hebephilie nicht mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen sind. Es gebe Menschen, die unter ihrer Neigung leiden, sich beraten lassen und ihre sexuellen Impulse ein Leben lang nur auf der Fantasieebene ausleben. Dennoch müsse beachtet werden, dass solche Neigungen einem Missbrauch vorausgehen können und eine gute Verhaltenskontrolle daher unerlässlich sei.

Pädophilie: Wie wird die Diagnose gestellt?

Die Diagnostik richtet sich nach international anerkannten Leitlinien. Um festzustellen, ob Pädophilie oder Hebephilie vorliegen, ist eine gründliches Gespräch mit einem erfahrenen Arzt oder Psychologen grundlegend. In diesem werden dem Betroffenen Fragen zu seinem sexuellen Erleben und Verhalten gestellt. Das wichtigste Kriterium dabei ist die Erregbarkeit des Betroffenen durch vorpubertäre oder pubertäre Kinder. Fragebögen und Tests können bei der Diagnose als zusätzliche Verfahren eingesetzt werden. 

Was sind die Ursachen für Pädophilie? 

Als Ursachen für Pädophilie und Hebenphilie diskutieren Sexualwissenschaftler verschiedene Faktoren wie Entwicklungsauffälligkeiten im Gehirn, hormonelle Störungen, frühe Bindungs- und Beziehungsstörungen sowie eigene sexuelle Missbrauchserfahrungen.

Insgesamt herrscht über die Entstehung und Entwicklung einer pädophilen oder hebephilen Erregbarkeit noch kein klares Bild und es besteht weiterer Forschungsbedarf.

Behandlung: Kann Pädophilie geheilt werden?

Nein, das ist bislang nicht möglich. Die sexuelle Präferenz manifestiert sich im jugendlichen Alter und kann danach nicht verändert werden, ähnlich wie Hetero- und Homosexualität. Pädophilie kann nur kontrolliert, aber nicht "wegtherapiert" werden. Wer eine pädophile Neigung hat, muss daher die volle Verantwortung dafür übernehmen, dass er seine Neigung niemals auslebt, weil er sonst Kindern schweren Schaden zufügen könnte.

Die therapeutischen Maßnahmen richten sich daher auf das Erlernen und Trainieren von Kompetenzen zum kontrollierten Umgang mit den eigenen sexuellen Impulsen, gegebenenfalls unter Einsatz von Medikamenten zur Dämpfung des sexuellen Verlangens.

So ist die rechtliche Lage:
Sexuelle Kontakte mit Kindern unter 14 Jahren sind in Deutschland grundsätzlich verboten – unabhängig davon, ob physische Gewalt angewendet wird oder nicht. Die Freiheitsstrafe beträgt laut Paragraf 176 Strafgesetzbuch (StGB) zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Sexuelle Kontakte mit unter 16-Jährigen sind verboten, wenn der Jugendliche dem Erwachsenen "zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung" anvertraut ist. Auch der Versuch ist strafbar. Sex gegen ein Entgelt ist laut Paragraf 182 StGB mit unter 18-Jährigen verboten. Ein Erwachsener über 21 Jahren wird bestraft, wenn er mit unter 16-Jährigen sexuelle Kontakte hat, sofern er dabei die "fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt".

Was versteht man unter sexuellem Kindesmissbrauch?

Sexueller Kindesmissbrauch umfasst direkten sexuellen Kontakt mit den Genitalien des Kindes und Handlungen, die Kinder dazu zwingen, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Dazu gehört auch die Herstellung von Missbrauchsabbildungen. 

Als Kinder gelten alle Personen unter 14 Jahren. Sie sind laut Gesetz nicht in der Lage, Situationen adäquat einzuschätzen oder die Folgen abzuwägen und sind daher angewiesen, von Erwachsenen geschützt zu werden. Daher können sie auch in sexuelle Handlungen mit Erwachsenen nicht oder nur scheinbar einstimmen. Sexueller Kindesmissbrauch wird daher strafrechtlich verfolgt und hart bestraft. Er ist für betroffene Kinder körperlich und seelisch stark traumatisierend.

Steckt hinter jedem Missbrauch ein Pädophiler? 

Nein. Personen, die Kinder vor oder in der Pubertät begehren, begehen nicht automatisch einen sexuellen Kindesmissbrauch. Es gibt auch Menschen, die durch Erwachsene erregbar sind und Kinder missbrauchen. Solche Taten sind in der Regel nicht unmittelbar durch eine pädophile Neigung motiviert.

Experten gehen davon aus, dass rund 60 Prozent aller sexuellen Übergriffe auf Kinder sogenannte Ersatzhandlungen sind. Das heißt, die Täter sind nicht pädophil, sondern sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet. Sie missbrauchen aber dennoch Kinder, zum Beispiel aufgrund einer Persönlichkeitsstörung oder anderer psychischer Krankheiten. 40 Prozent der Taten sind hingegen auf einen pädophilen Motivationshintergrund des Täters zurückzuführen.

Kinderpornographie: Warum steckt hinter jedem Bild ein Missbrauch?  

Der geläufige Begriff "Kinderpornografie" bezeichnet nichts anderes als Bilder eines sexuellen Missbrauchs von Kindern. Die Herstellung, die Verbreitung und der Konsum solcher Missbrauchsabbildungen sind daher bereits eine Straftat. Die Aufnahmen zeigen Kinder bei sexuellen Handlungen, die nicht freiwillig mitwirken, sondern auf Wunsch von Erwachsenen durchgeführt wurden.

Kursieren solche Bilder im Internet, sind sie kaum mehr zu entfernen. Für die Betroffenen bedeutet dies oft eine lebenslange Konfrontation mit dem Missbrauch, der ihnen widerfahren ist.

Stärken die Bilder den Wunsch nach Missbrauch?

Inwieweit der Konsum von Missbrauchsabbildungen den Wunsch nach realen sexuellen Kontakten mit Kindern verstärken, kann nach aktuellen Forschungsstand nicht abschließend beurteilt werden. Allerdings ist der Konsum von Kinderpornografie bereits ein Straftatbestand und stellt juristisch betrachtet eine Form sexuellen Kindersmissbrauchs dar. 

Verwendete Quellen:
  • Universitätsklinikum Charité Campus Mitte
  • Eigene Recherche

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