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Wenn Väter merken, dass sie schwul sind


Homosexualität
Wenn Familienväter merken, dass sie schwul sind

t-online, Simone Blaß

Aktualisiert am 29.04.2015Lesedauer: 5 Min.
Laut einer Studie gibt es in Deutschland 300.000 Ehemänner und Väter, die eigentlich homosexuell sind.Vergrößern des BildesLaut einer Studie gibt es in Deutschland 300.000 Ehemänner und Väter, die eigentlich homosexuell sind. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images - Symbolfoto)
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Sie leben das klassische Familienbild, sind Ehemänner und Väter, erfüllen das, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Und gestehen sich ihre Neigung zu anderen Männern oft jahre- oder jahrzehntelang nicht ein. Einer Studie des Bundesfamilienministeriums zufolge gibt es deutschlandweit bis zu 300.000 Väter und Ehemänner, die eigentlich homosexuell sind. Nicht selten schweigen sie aus Angst, ihre Kinder zu verlieren.

"98 Prozent der betroffenen Männer merken erst im Laufe ihrer Ehe, dass sie sich zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen", erklärt Dirk Overwin, Sprecher der Bundesvereinigung der Selbsthilfegruppen schwuler Väter, gegenüber der Elternredaktion von t-online.de. Die wenigsten gehen gleich den Weg der absoluten Offenheit. Es braucht Zeit, bis man sich darüber im Klaren ist, was man wirklich will und es braucht Mut, das klassische Familienbild aufzubrechen - schließlich sind schwule Väter und Ehemänner auch heute noch ein Tabuthema in der Gesellschaft.

Dem Wunsch, seine Homo- oder auch Bisexualität auszuleben, steht die Angst gegenüber, der eigenen Familie wehzutun. Sie zu zerstören, vertraute Zusammenhänge aufzubrechen und nicht zuletzt auch mögliche berufliche Folgen aushalten zu müssen.

Ob schwul oder nicht - er bleibt der Papa

Allein die Ahnung, schwul oder bisexuell zu sein, verunsichert und stellt die eigene Identität infrage. Hinzu kommen so manches Mal Vorurteile zum Thema Homosexualität, mit denen der Mann selbst zu kämpfen hat. Erst muss der Betroffene mit sich reinen Tisch machen, dann folgt der Partner und erst dann sollten die Kinder informiert werden. Nur so haben die Eltern Zeit, eine Möglichkeit zu finden, wie es mit der Familie weitergehen kann. Denn egal, ob schwul oder nicht, der Mann bleibt der Vater seiner Kinder.

Bei den betroffenen Frauen stürzt das Weltbild zusammen

Bei den Frauen ist der Schock meist groß. Fassungslosigkeit, Selbstzweifel, Wut und Traurigkeit machen sich breit. Hinzu kommt in vielen Fällen das Gefühl, hintergangen und ausgenutzt worden zu sein. So wie bei Gudrun*. Ihr Mann hat beruflich eine hohe Position inne und sie und ihr Kind waren, da ist sie sich sicher, nur der perfekte Deckmantel. Erst nach 28 gemeinsamen Jahren erfuhr sie davon und hat innerhalb von Stunden ihre Konsequenzen gezogen. "Er führte jahrzehntelang ein Doppelleben: Die Woche über hat er seit Jahren bei seinem Lebensgefährten gewohnt und am Wochenende, bei Arbeitskollegen, Freunden und Familie den treusorgenden Familienvater gespielt."

Jedes Paar muss seine eigene Lösung finden

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie ein Paar mit einer solchen Situation umgeht, welche Lösung es für sich und die Familie findet. Silke* zum Beispiel hat zunächst versucht, mit ihrem Mann weiter unter einem Dach wohnen zu bleiben - getrennt. "Das war für mich der Horror pur und die Stimmung im Haus war grottenschlecht. Erst seit der räumlichen Trennung geht es mir wieder gut und ich kann auch die Kinder wieder auffangen", erzählt sie erleichtert.

Dem anderen seine sexuellen Freiheiten zu lassen, ist schwer

Auch Petra* ist nicht ganz zufrieden mit der Variante, die ihr Mann und sie gewählt haben. Mal geht es ihr besser, mal schlechter damit. Sie hat sich vom klassischen Lebenskonzept gelöst, lebt weiter mit ihrem Mann und den drei Kindern zusammen.

"Mir ist wichtig, dass zu Hause niemand vernachlässigt wird und jeder bekommt, was er braucht. Ich muss erleben, dass ich seine Nummer eins bin und die Familie sein Lebensmittelpunkt. Ich wollte einfach nicht aufgeben, was wir uns in den letzten 15 Jahren aufgebaut und erarbeitet haben." Schließlich könne es in jeder Beziehung passieren, dass sich einer mal verliebt und dem müsse man ja nicht unbedingt nachgeben. Das gelegentliche Ausbrechen ihres Mannes nimmt sie hin, beansprucht eine ähnliche Freiheit aber nicht für sich. Bisher, wie sie sagt.

Nur sein schlechtes Gewissen, das er ihr gegenüber trotz aller Erlaubnis noch hat, findet sie belastend. Denn für sie war immer klar: "Ich habe zu ihm 'ja' gesagt und dies ist eben auch ein Teil von ihm und gehört zu ihm." Sie glaubt, dass das Internet nicht ganz unschuldig an ihrer Misere ist. "Es ist mittlerweile so einfach, seinen Horizont im Handumdrehen zu erweitern und ähnlich Gesinnte zu treffen - unverbindlich und anonym. Das nimmt viele Hürden und bringt 'diese' Welt unmittelbar und sehr real in den Kopf."

Hilfe in der Selbsthilfe finden

All diese unterschiedlichen Lebensmodelle sind Sharon nicht unbekannt. Sie engagiert sich bei der Fraueninitiative "Tangiert" und ist selbst betroffen. "Wir bieten den Frauen die Möglichkeit, ihre Situation und Probleme in einem geschützten Raum offen und ohne Scham zu schildern, Erfahrungen mit anderen Frauen in ähnlichen Situationen auszutauschen sowie Kraft und emotionale Unterstützung zu finden - ohne ungewollte Ratschläge. Was vor allem wichtig ist für die Neuen, die verzweifelt mit ihren Familien ganz alleine ihren Kummer und ihre Ungewissheit tragen müssen."

Paarebene von der Elternebene trennen

In den meisten Fällen bedeutet das Coming-out über kurz oder lang eine Trennung. Ist diese für die Kinder schon schlimm genug, kommt dann auch noch die Besonderheit der Situation hinzu. Das entstehende Gefühlschaos müssen alle erst einmal aushalten und verarbeiten. Dabei ist es wichtig, da sind sich die Fachleute einig, die Paarebene und die Elternebene getrennt zu betrachten.

"Unsere Kinder wissen von den gelegentlichen Sexgewohnheiten ihres Vaters nichts", sagt Sabine. "Normalerweise erzählt man keine Details aus dem Nähkästchen - weder der Familie, den Bekannten noch den Kindern gibt man die eigenen Vorlieben im Schlafzimmer preis." Gabriele sieht das anders: "Ich habe es meiner Tochter sofort erzählt. Hinter verschlossener Tür ist es für sie in Ordnung, sie möchte aber auf keinen Fall, dass es ihre Freunde erfahren." Aus Angst, ausgegrenzt zu werden.

Für Jugendliche ist es besonders schwer, zu akzeptieren

Auch mit diesem Thema beschäftigt man sich bei Hetera, eine Schweizer Fraueninitiative für die Partnerinnen schwuler Männer: "Der Anpassungsdruck, das Bedürfnis, von Gleichaltrigen akzeptiert zu sein, ist im Mittel- und Oberstufenalter sehr hoch. Das Wort 'schwul' wird häufig als übles Schimpfwort gebraucht." Hinzu kommt bei Jugendlichen der Ekel. Denn nicht selten haben sie ihre Eltern vorher überhaupt nicht als sexuelle Wesen wahrgenommen und kommen jetzt nicht mehr umhin, es zu tun.

Jana war 13, als sie erfuhr, dass ihr Vater homosexuelle Kontakte hatte und sie findet, dass man familienintern darüber sprechen sollte. Denn Kinder hätten das Recht, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen: "Man muss den Kindern die Chance geben, den Vater und seine Neigungen zu verstehen, damit sie das Erlebte auch verarbeiten können. In einem offenen Brief auf der Seite von Tangiert beschreibt sie, dass es ihr sehr viel leichter gefallen wäre, wenn sich ihr Vater 'nur' für andere Frauen interessieren würde. "Das wäre irgendwie normaler." Aber letztendlich macht es für sie keinen Unterschied: "Ich mag beide Elternteile so wie sie sind, ob hetero oder homo."

Aids ist ein wichtiges Thema

Ein Doppelleben birgt auch gesundheitliche Gefahren. Vor allem dann, wenn die Frau nicht weiß, dass der eigene Mann Sex mit anderen Männern hat. Doch selbst bei einem Verdacht scheuen sich viele Frauen, auf Kondome zu bestehen, müssten sie ihren Wunsch doch begründen. Wobei sich der Mann in einer ähnlichen Situation befindet. Schließlich ist es im Rahmen einer Ehe nicht üblich, sich schützen zu müssen. Es greift also wieder das Tabu.

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Hier bewährt sich die Ehrlichkeit, mit der Christine* und ihr Mann mit dem Thema umgehen. Sie haben die Rahmenbedingungen in einem "Treuevertrag" geregelt. Er beinhaltet Punkte wie den gesundheitlichen Schutz, aber auch den Schutz der Privatsphäre. "Doch trotzdem", so sagt sie, "braucht es viel Zeit, das gebrochene Vertrauen wieder aufzubauen."

Zwei Männer und eine Frau berichten

Wie gehen Familien damit um, wenn der Vater einen Mann liebt? Ein Mann und zwei Frauen berichten, wie sie mit dieser schwierigen Situation fertig wurden:

* Namen von der Redaktion geändert.

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