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Was macht eigentlich eine Traurednerin?

Von dpa
06.05.2022Lesedauer: 5 Min.
Zum Klientel von Traurednerin Simone Schmidt zĂ€hlen ihren Worten nach zu 90 Prozent Nerds und Menschen außerhalb der Norm.
Zum Klientel von Traurednerin Simone Schmidt zĂ€hlen ihren Worten nach zu 90 Prozent Nerds und Menschen außerhalb der Norm. Etwa zehn Stunden investiert sie pro Rede nur fĂŒr das Schreiben. (Quelle: Mascha Brichta/dpa-tmn./dpa)
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Bönningstedt (dpa/tmn) - Wie findet man die richtigen Worte, wenn zwei Menschen sich trauen lassen wollen? Simone Schmidt arbeitet freiberuflich als Traurednerin ("Nerdlich heiraten") und begleitet Paare an ihrem Hochzeitstag. Nach ihrer ersten Rede dachte sie: "Nie wieder!". Inzwischen hĂ€lt sie das Redenschreiben fĂŒr den besten Job der Welt. Warum, erzĂ€hlt sie im Job-Protokoll.

Der Weg in den Job

Planen, Organisieren, FĂ€den zusammenfĂŒhren und BĂ€lle in der Luft halten - das sind meine Leidenschaften. Neben meinem Vollzeitjob habe ich deshalb schon immer auch in der Gastronomie, spĂ€ter als Assistentin einer Hochzeitsfotografin gearbeitet.

Irgendwann habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, meine Leidenschaften parallel zu meinem Hauptjob noch stĂ€rker auszuleben - und eine achttĂ€gige IHK-Weiterbildung zur Hochzeitsplanerin gemacht. In einer Phase, in der ich mein Netzwerk aufgebaut habe, wurde ich immer wieder darauf angesprochen, warum ich nicht mal eine Rede bei einer Hochzeit halte. FĂŒr mich, eine Person, die nicht gerne im Vordergrund steht, bis dahin unvorstellbar.

2017 kam schließlich ein PĂ€rchen auf mich zu, das sich eine freie Trauung im Spreewald wĂŒnschte. Auf den Hochzeiten, die ich bis dahin begleiten durfte, habe ich beobachtet, wie wenig ein professioneller Redner im Vordergrund steht. Es geht um das Paar und deren Geschichte. Man bucht keinen Alleinunterhalter, keine Rampensau, man bucht jemanden, der zu einem passt, dem man vertraut und zutraut, die Aufgabe bestmöglich zu meistern.

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Ich habe mir gedacht: Naja, der Spreewald ist nicht in meiner NĂ€he, kaum jemand kennt mich. Gucken wir mal, wie schlimm es wird. Und ja, es war schlimm: Ich habe dagestanden, mich gefragt, was ich hier mache. Ich habe gezittert wie selten in meinem Leben. Hinterher dachte ich mir: Ich mache das nie wieder. Vier Wochen spĂ€ter aber stand ich in Hamburg wieder vor einem Brautpaar. Seitdem bin ich sĂŒchtig.

Die Aufgaben

Seit sich die Corona-Situation wieder etwas entspannt hat, betreue ich etwa 25 bis 30 Hochzeiten im Jahr - weil viele Events verschoben wurden und man sich in der Lockdown-Zeit mehr miteinander, der Zukunft sowie dem Tod befasst hat. Die Termine finden vor allem wÀhrend der Saison, also von April bis Oktober, statt.

Viele von meinen Aufgaben haben mit Werbung und Marketing zu tun, damit meine Angebote gefunden werden: Etwa netzwerken, Messen besuchen, Social-Media-Posts oder Anzeigen planen und platzieren. Finanzen und Buchhaltung spielen eine große Rolle. Daneben geht es um Kommunikation: Telefonanrufe, E-Mails, Whatsapp-, Instagram- und Facebook-Nachrichten. Auch mit den anderen Dienstleistern, die auf einer Hochzeit sind, stehe ich im Kontakt.

Und natĂŒrlich treffe ich die Paare: Am besten sieht man sich zweimal live. Ich bin vor allem fĂŒr Paare im Norden Deutschlands unterwegs, bekomme aber auch von anderswo Anfragen. Das heißt, ich bin meist schon zwei Tage pro Trauung damit beschĂ€ftigt, das Paar zu treffen, im besten Fall Kaffee zu trinken und mich mit ihnen auszutauschen, sie kennenzulernen, zu erleben.

Und dann schreibt man die Rede. Man kann es nicht pauschalisieren, aber ich investiere etwa zehn Stunden pro Rede nur fĂŒr das Schreiben. Mit Freunden und Familie der Paare spreche ich gerne noch mal, um den Reden eine andere Sichtweise zu geben.

Die schönsten Seiten

Ich wĂŒrde mich als TrĂ€nenjĂ€gerin bezeichnen. Man sagt mir nach, dass man bei meinen Reden sehr viel lachen kann. Das finde ich gerade in den vergangenen zwei Jahren sehr wertvoll. Mir geht es aber insgeheim darum, mindestens die erste Reihe der GĂ€ste zum Weinen zu bekommen. Also FreudentrĂ€nen und emotionale TrĂ€nen, weil man gerade einen sentimentalen Moment erwischt hat.

Zu meinen persönlichen Highlights zĂ€hlt genauso, wenn Eltern, Trauzeugen oder Omas und Opas nach der Trauung fast schon auf mich zustĂŒrmen und mich umarmen möchten. Zu Weihnachten habe ich ein PĂ€ckchen von einem Paar bekommen, zu dessen silbernem Hochzeitstag ich eine Rede gehalten habe. Diese WertschĂ€tzung und Dankbarkeit, die man erlebt, macht es zum besten Job der Welt.

Wenn ich Paare kennenlerne, sage ich gerne: Das ist ein wirklich egoistischer Job, den ich hier mache. Man nĂ€hrt sich an den besten Erinnerungen und Momenten eines Paares. Man hört die schönsten LiebeserklĂ€rungen und emotionalsten Geschichten. Man bekommt total viel - und wird dafĂŒr sogar bezahlt! Wenn es nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen wĂŒrde, wĂ€re es wahrscheinlich das beste Ehrenamt.

Die grĂ¶ĂŸten Herausforderungen

Vertrauen und Verantwortung sind wichtige Themen. Man hat bei einer Trauung keine Generalprobe. In der Regel bekommt das Brautpaar die Rede nicht vorher zu sehen. Es geht ja um Emotionen und Überraschung. Man hat also nur den einen Moment - und der muss sitzen.

Da braucht es ein gutes BauchgefĂŒhl, um als Dienstleister herauszufinden, wer als Paar tatsĂ€chlich zu einem passt. Das Paar muss mir viel anvertrauen können, muss Ă€hnlich ticken und denken wie ich. Die Paare, die ich betreue, sind zu 90 Prozent Nerds, Freaks, Menschen abseits der Norm, die wenig mit Boho, Tauben und Altrosa anfangen können und möchten. Ein wichtiger Punkt ist es fĂŒr mich deshalb, Neinsagen zu können, wenn es mit einem Paar nicht passt.

Und beim Thema Hochzeit ist lĂ€ngst nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Man bekommt schon mal Familienstreitereien mit oder hört bei der Rede Kommentare aus der ersten Reihe. Im GesprĂ€ch mit dem Brautpaar gehört es ebenso dazu, die schlimmsten Themen ansprechen zu können. Da habe ich schon mal einen Kloß im Hals, selbst TrĂ€nen in den Augen oder GĂ€nsehaut. Trotzdem muss man dann einigermaßen cool bleiben.

Was auch mal nervt

Alles, was mit dem Thema Finanzamt und Steuerberater zu tun hat, gehört nicht zu meinen liebsten Seiten am Beruf. Und SpontaneitĂ€t im Familien- oder Freundeskreis ist nahezu unmöglich, wenn man fĂŒr Hochzeiten bis zu drei Jahren im Voraus gebucht wird.

Verdienstmöglichkeiten

Wie viel man als Rednerin oder Redner verdient, kommt ganz darauf an, wie man sein Business handhabt. Man kann 200, 300 oder 400 Euro pro Rede verlangen, wenn man es nur als Nebenjob sieht, nicht darauf angewiesen ist und die Kosten nicht gedeckt sein mĂŒssen. Ich habe aber schon gehört, dass jemand 3600 Euro fĂŒr Reden genommen hat.

Das ist eine Frage der Zielgruppe und des eigenen Wertempfindens sowie der Kalkulation. Da muss jeder und jede den eigenen Weg finden. Im Durchschnitt nehmen Rednerinnen und Redner meiner Erfahrung nach etwa 850 bis 1600 Euro fĂŒr eine Rede.

Je nachdem, wie viele Trauungen man pro Jahr begleitet, kann am Ende eine nette Summe herauskommen. Die Ausgaben, die man hat, sind aber nicht zu unterschĂ€tzen - etwa fĂŒr Fahrten, Weiterbildung, Versicherung, Werbung oder Technik. Mir persönlich wĂ€re das GeschĂ€ft als Haupteinkommensquelle zu risikoreich, es bleibt also ein Nebenjob fĂŒr mich.

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