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Immer mehr Touristen, immer weniger Einwohner

Von dpa
Aktualisiert am 14.11.2016Lesedauer: 3 Min.
Kreuzfahrtschiff und Besuchermassen - gerade im Sommer in Venedig alltÀglich.
Kreuzfahrtschiff und Besuchermassen - gerade im Sommer in Venedig alltĂ€glich. (Quelle: Roland MĂŒhlanger/imago-images-bilder)
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Immer mehr Kreuzfahrtschiffe, im Sommer unzĂ€hlige Besucher. Über mangelnde Besucherzahlen kann sich Venedig nicht beschweren. Doch echte Einwohner werden immer weniger. Einige fĂŒrchten, dass die Stadt stirbt.

Dass es in Venedig tatĂ€chlich zu wenig Menschen gibt, kann einem recht seltsam vorkommen. Die Stadt wird ĂŒberlaufen von Touristen. Aber die ureigenen Einwohner verlassen das Zentrum, verlassen es in Scharen. Innerhalb einer Generation ist die Bevölkerung fast um ein Drittel geschrumpft. Kann eine Stadt das ĂŒberleben? Die Frage schwebt ĂŒber der Lagunenstadt wie ein Damoklesschwert, weil steigende Kosten immer mehr Menschen in die Flucht treiben.

Vor allem junge Leute fliehen aus Venedig

In diesem Monat ist die Zahl der Einwohner auf unter 55 000 gesunken - vor 26 Jahren waren es noch 78.000. Das bedrohliche: Fast die HĂ€lfte derer, die noch da sind, sind ĂŒber 60. Junge Menschen muss man fast schon mit der Lupe suchen: nur etwa 9000 sind unter 18.

"Wir haben 2009 eine "Beerdigung" fĂŒr Venedig gehalten, als die Zahl unter 60.000 gesunken ist. Jetzt sind wir nur noch 55.000 (...) Wenn wir so weiter machen, werden wir zu einer Geisterstadt wie Pompeji", sagt Matteo Secchi von der Gruppe Venessia.com, die sich fĂŒr das Überleben der Stadt einsetzt.

Tourismus grĂ¶ĂŸte Bedrohung - und Einnahmequelle

Der 46-JĂ€hrige und andere Einwohner veranstalteten am Samstag unter dem Motto "Venexodus" (Exodus aus Venedig) eine Prozession von der Rialto-BrĂŒcke zum Rathaus. Symbolisch fĂŒr den Auszug, aber auch fĂŒr den Massentourismus, hielten sie Koffer in die Luft.

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Denn die grĂ¶ĂŸte Bedrohung fĂŒr die lokale Gemeinschaft ist der Tourismus - gleichzeitig ist er aber auch die Haupteinnahmequelle. Die Zahl der Besucher hat sich in den letzten 25 Jahren fast vervierfacht. Und die Stimmung zwischen Touristen und Einheimischen ist oft vergiftet.

AuthentizitÀt geht verloren

Der Touristenboom hilft Hoteliers und Gondolieren genauso wie HauseigentĂŒmern, die ihre Wohnungen an AuslĂ€nder vermieten oder verkaufen. Andere dagegen fĂŒhlen sich bedroht, da Wohnungen in Pensionen und SupermĂ€rkte in Touristenfallen umgewandelt werden. Wer in einem authentischen Restaurant im Stadtkern essen möchte, kann lange suchen.

"Der Tourismus hat uns kurzfristig reich gemacht, aber er tötet und langfristig", sagt Secchi. "Zu viele wollen nicht mehr in dieser Stadt leben, sondern sie ausnutzen wie eine Prostituierte."

Forderung: Begrenzung des Tourismus

Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer. Piero Dri zum Beispiel ist einer der jungen Venezianer, die geblieben sind. Der 33-JĂ€hrige stellt die traditionellen Rudergabeln fĂŒr Gondeln her und verarbeitet sie auch zu Dekorationen. Er ist einer von Vieren, die diese Tradition in Venedig hochhalten.

Gleichzeitig fordern viele eine wirksame Begrenzung des Tourismus'. Dabei bekommen sie auch UnterstĂŒtzung von der Unesco. Die UN-Kulturorganisation hat damit gedroht, Venedig auf die Liste der bedrohten KulturgĂŒter zu setzen. "Der stĂ€ndig steigende Tourismus dominiert und verdeckt die traditionelle stĂ€dtische Gesellschaft der historischen Stadt", hieß es schon 2015 in einem Bericht. Stein des Anstoßes sind vor allem die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die in Venedig anlegen und nicht nur das Ökosystem der Lagune gefĂ€hrden, sondern auch die vielen umstrittenen Tagestouristen bringen.

Konzepte fĂŒr weniger Besucher nicht umgesetzt

BĂŒrgermeister Luigi Brugnaro hat der Unesco jedoch eine Absage erteilt. Optionen wie höhere Abgaben fĂŒr Tagestouristen und fĂŒr kurzzeitige Vermietungen sowie Schranken, um die Zahl der Besucher zu kontrollieren, liegen lange auf dem Tisch, wurden aber nie in die Praxis umgesetzt.

Paolo Lanapoppi von der Kulturschutzorganisation Italia Nostra ist skeptisch, was die Zukunft der Stadt angeht. "Meine persönliche Meinung ist, dass die Politiker hier mit der Tourismusindustrie unter einer Decke stecken, die ĂŒberhaupt kein Interesse daran hat, die Zahl der Besucher zu senken."

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