Sie sind hier: Home > Nachhaltigkeit > Klima und Umwelt >

Klimakrise: Moralische Verantwortung ist kein Schönwetter-Thema


MEINUNGKlimakrise und Wirtschaftsinteressen  

Moralische Verantwortung ist kein Schönwetter-Thema

Ein Gastbeitrag von Lars Hochmann

25.09.2020, 12:35 Uhr
Klimakrise: Moralische Verantwortung ist kein Schönwetter-Thema. Klimastreik von Fridays for Future in Münster (Archiv): Der Autor Lars Hochmann beleuchtet die Bedeutung von Klimastreiks und sieht in moralischer Verantwortung kein Schönwetterthema. (Quelle: imago images/Rüdiger Wölk)

Klimastreik von Fridays for Future in Münster (Archiv): Der Autor Lars Hochmann beleuchtet die Bedeutung von Klimastreiks und sieht in moralischer Verantwortung kein Schönwetterthema. (Quelle: Rüdiger Wölk/imago images)

Klimastreik ist Kulturkritik. Sie richtet sich gegen eine Ausbeutung, die zum Vorteil weniger die Lebensgrundlagen vieler zerstört. Warum wir aufhören müssen, den falschen Dingen den Anschein von Normalität zu geben.

Vor einem Jahr und wenigen Tagen mobilisierten die Aktivisten von Fridays for Future viele Millionen Menschen zum ersten globalen Klimastreik. Noch immer präsent sind die beeindruckenden Bilder aus Berlin und Hamburg sowie von den vielen kleineren wie größeren Kundgebungen. Nach einem Jahr, in dem klimapolitisch wenig getan, das Erforderliche jedenfalls weiterhin in ein Irgendwann verlagert wurde, liegt die Frage nahe: Woran scheitern die Bemühungen eigentlich? Und um wessen Bemühungen geht es hierbei?

Wie der Wandel in die Welt kommt

Die vielfältigen Herausforderungen der Klimakrise, allen voran die Zerstörung der Biosphäre, sind Gesellschaftskrisen, die sich nicht allein durch neue Gesetze lösen lassen. Recht ist vergleichbar mit geronnener Kultur; es veranlasst nicht die großen Veränderungen, es resultiert aus ihnen. Dass Regeln wichtig sind, die Spielzüge aber den Unterschied machen, hätte sich im Fußballland Deutschland längst herumsprechen können.

Der britisch-ghanaische Philosoph Kwame Anthony Appiah hat in seinen kulturhistorischen Studien anhand von unter anderem der nordamerikanischen Sklaverei wie dem chinesischen Füßebinden gezeigt, dass die tiefgreifende Veränderung von gesellschaftlichen Werthaltungen keine Frage von Vernunft oder Einsicht ist. Sie entsteht, weil Menschen das bislang als normal Geltende – mal mehr, mal weniger begründet – als unanständig empfinden und es deswegen unterlassen. Das wiederum erzeugt Druck zur Rechtfertigung auf jene, die an der alten Praxis festhalten.

Moralische Verantwortung ist demnach kein Schönwetterthema. Sie beginnt dort, wo es ans Eingemachte geht, wo etwas auf dem Spiel steht. Was früher für die Sklavenbefreiung oder die Fluchthilfe im Hitlerfaschismus galt, gilt heute für die Seenotrettung oder im Umgang mit der Klimakrise: solcher Widerstand resultiert nicht aus einer großen Erkenntnis, die plötzlich alles ändert. Das Wissen ist lange da und hinreichend gesichert – ein halbes Jahrhundert nach dem Befund der "Grenzen des Wachstums" und all der sozialökologischen Forschungen seitdem. Fachübergreifend – Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel – herrscht in der Wissenschaft Einigkeit: Die Klimakrise ist real, und sie ist im deutlichen Wortsinn lebensgefährlich. Unstrittig ist auch, dass sie menschengemacht, präziser: von den Wirtschaftsgesellschaften des globalen Nordens verursacht ist. Nur, wer bricht das Muster und macht die neue Wirtschaft möglich?

Egoismus als Normalfall der Wirtschaft 

Der klimapolitische Leerlauf liegt nicht an der Verbohrtheit, der Unkenntnis oder dem Lobbyismus einiger Politiker*innen. Gewiss: Sie sind Teil des Problems, doch liegt dessen Ursache auf einer kulturellen, nicht auf einer individuellen Ebene. Die Vorstellung, es gäbe "den" Staat, der korrigierend "die" Wirtschaft je nach politischem Kolorit einnordet, ist daher ebenso trügerisch wie die Idee einer Wirtschaft, die nur sich selbst gegenüber verpflichtet ist und damit, so geht das Gerücht, dem Wohle der Allgemeinheit diene.

Freilich gibt es widerspruchsvolle Interessen und regulative Möglichkeiten. Letztlich sind Politik wie Wirtschaft aber Teile ein und derselben Gesellschaft und damit eingelassen in deren kulturelle Gefüge samt den gesellschaftspolitischen Bedeutungen und Vorstellungen eines gelingenden Lebens. Wie soll eine Gesellschaft, die Egoismus als Normalfall der Wirtschaft behandelt, Politiker*innen hervorbringen, denen das ein Dorn im Auge ist?

Insofern zieht der Klimastreik zwar vielerorts vor die Parlamente, zielt aber auf eine problematisch gewordene Gesellschaft – eine Kultur des Überflusses, die Selbstsucht mit Freiheit verwechselt, die Selbstverwirklichung im Konsumismus sucht und die Fortschritt nennt, was häufig nur der Bewältigung von Langeweile dient. Es ist Gesellschaftskritik, was die vielen Menschen betreiben, die am 25. September 2020 widersprechen: Kein Grad weiter! Sie kritisieren eine Gesellschaft, die zwar zunehmend erkennt, dass eine Netto-Null-Wirtschaft im Rahmen planetarer Grenzen geboten ist, gleichwohl nicht zu sagen weiß, was das für das Zusammenleben bedeutet.

Was ist normal?

Die entscheidende Frage für eine "große Transformation" (WBGU in Umdeutung von Karl Polanyi) ist, wie wir ein Mitglied dieser Gesellschaft werden. Wie erlernen wir unsere gesellschaftliche Mitspielfähigkeit? Durch welche Gewohnheiten und Gepflogenheiten gestalten wir Gesellschaft tagein, tagaus mit? Es ist diese alltägliche Reproduktion einer Praxis, die Krisen verursacht, an der eine Kritik "for Future" ansetzen muss. Sie muss das Normale als ein normal Gewordenes begreifen, um es wieder seltsam finden zu lernen. Bei näherer Betrachtung gibt es vieles, was uns wundern könnte: Lebensraum, der zum Parkraum wurde, Nachbar*innen, deren Namen man nicht kennt, oder Lebensmittel, die nach ungefähr nichts schmecken und kaum noch Nährstoffe beinhalten, dafür aber makellos aussehen, oder Verkehrsnachrichten, die von Staus handeln, nicht von Zugausfällen – oder eben, dass Börsennachrichten selbstverständlich zu dieser Gesellschaft gehören, Klimanachrichten hingegen als parteiisch diskreditiert werden.

Auch Hände im Schoß sind politisch

Parteiisch sind wir, wenn wir so oder anders handeln können. Das gilt auch dann, wenn wir glauben, diese Freiheit nicht zu haben. Selbstredend können wir diesen Planeten weiter unbewohnbar machen und uns stattdessen den Aktiendepots zuwenden. Ob das klug ist, steht auf einem anderen Blatt. Parteipolitisch wird dies erst über die Parteiprogramme – und die hängen ab von der Weit- oder Kurzsicht, dem Eigennutz oder dem Gemeinsinn derer, die sie schreiben. Niemand hat ein Vorrecht auf die Bearbeitung von Krisen.

Nein, parteiisch zu sein, das ist kein Makel. Wir können uns dem offen stellen, und es täte dieser Demokratie sogar ganz gut, wenn auch Wissenschaftler*innen sich transparenter ihrer Parteilichkeiten stellten. Letztlich ist es nur anders parteiisch, ob beispielsweise Ökonom*innen über Gewinnmaximierung, solidarische Ökonomien oder unbezahlte Carearbeit lehren und forschen. Dass von den drei angeführten Varianten die erste dominant ist und just deren Vertreter*innen sich ihrer Parteilichkeit mehrheitlich nicht stellen, ist gleichwohl ein demokratisches Fiasko. Denn es erzeugt das Trugbild, Wirtschaft sei unabänderbar ein geldvermittelter Opportunismus und alle Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Mobilität, Energie und so weiter müsse nach diesem Schema ablaufen. Werch ein illtum!

Es geht um die bessere Gesellschaft

Von solidarischer Produktion, Energiegenossenschaften, Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften in der Land- und Ernährungswirtschaft, Wohnen im Quartier oder Unternehmen in Verantwortungseigentum gibt es vielfältige Aufbruchsmomente, die Demokratie beim Namen nehmen, schon heute das Neue im Alten vorbereiten und eine sowohl sichere als auch souveräne Versorgung mit dem ermöglichen, was zu einem gelingenden Leben dazugehört. Neben neuen Spielzügen in bekannten Spielen entstehen dabei auch gänzlich neue Spiele. Von den Economists wie Entrepreneurs und Educators bis zu den Parents und Omas for Future braucht es nun starke Allianzen sämtlicher Initiativen for Future, um in partnerschaftlicher Befähigung neue Gewohnheiten der Lebensführung selbstbestimmt und reflektiert zu suchen und zu finden.

Prof. Dr. Lars Hochmann, geb. 1987, ist interdisziplinär arbeitender Wirtschaftswissenschaftler. Er vertritt die Professur für Plurale Ökonomie an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung und ist Herausgeber des neuen Buchs "economists4future – Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt" (Murmann, 2020). www.lars-hochmann.de | Twitter: @larshochmann

Wer dabei nur Askese und Verzicht wähnt, liegt aus zwei Gründen falsch: Ein Verzicht setzt erstens einen Anspruch voraus – nur existiert kein Anspruch auf die Zerstörung der Biosphäre. Zweitens bedeutet Nachhaltigkeit die Überwindung von Problemen und damit die Gestaltung eines besseren, nicht eines ärmeren Lebens. Wer würde denn ernsthaft formulieren, auf Krankheit oder Armut zu verzichten, auf zugeparkte Innenstädte, Lärm, Luftverschmutzung oder auf Tomaten, die nach ungefähr nichts schmecken? 

In Zeitungen und Filmen, Schulen und Hochschulen, Brettspielen, Podcasts und Förderprogrammen müssen wir aufhören, den falschen Dingen den Anschein von Normalität zu geben. Der Streik für eine echte Klimapolitik ist ein Streik für eine neue Gesellschaftspolitik. Der Ausnahmezustand, in dem wir leben, so schrieb Walter Benjamin, ist die Regel. Wie wahr.

Verwendete Quellen:

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal