Interview
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"Nachhaltige Mode nicht zu teuer, die andere ist zu billig"

  • Maria Bode
Von Maria Bode

Aktualisiert am 06.03.2021Lesedauer: 7 Min.
Ein Handwerker bedruckt in Indonesien Ökotextilien: Faire und umweltfreundliche Praktiken sind in der Textilbranche weltweit noch nicht an der Regel.
Ein Handwerker bedruckt in Indonesien Ökotextilien: Faire und umweltfreundliche Praktiken sind in der Textilbranche weltweit noch nicht an der Regel. (Quelle: Adrian/INA Photo Agency/imago-images-bilder)
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Die Dumping-Preise im Textilhandel gefÀhrden das Leben der Textilarbeiter, argumentieren Aktivisten. Sie kritisieren die ZustÀnde in den Fabriken und fordern VerÀnderungen.

Das schreckliche UnglĂŒck von Rana Plaza im April 2013 lenkte die Blicke weltweit auf die unmenschlichen Produktionsbedingungen in der Textilbranche. Mit der Zeit flachte das Interesse wieder ab, die Berichte wurden weniger. Die globale Bewegung "Fashion Revolution" will die Aufmerksamkeit auf unfaire ZustĂ€nde in den Fabriken aufrechterhalten. Wissen Sie, unter welchen Voraussetzungen Ihr Shirt von welcher Person gefertigt wurde?

24. April 2013: Ein Helfer trĂ€gt einen verletzten Jungen aus dem Schutt nach dem UnglĂŒck von Rana Plaza. Tausende Menschen suchen nach ihren Angehörigen.
24. April 2013: Ein Helfer trĂ€gt einen verletzten Jungen aus dem Schutt nach dem UnglĂŒck von Rana Plaza. Tausende Menschen suchen nach ihren Angehörigen. (Quelle: IMAGO / ZUMA Wire)

FĂŒr die Initiative steht genau das im Vordergrund: die Forderung nach Transparenz. "Wir wollen, dass die sehr komplexe Wertschöpfungskette einfacher wird, direkter und damit auch transparenter, damit klar ist, wo und wie unsere Kleidung produziert wird", erklĂ€rt Koordinatorin Ariane Piper von "Fashion Revolution Germany" im Interview mit t-online. DafĂŒr stellt die Kampagne die einfache aber fĂŒr sie zentrale Frage. "Who Made My Clothes?" – also "Wer macht meine Kleidung?". Unternehmen sollen so dazu gebracht werden, Antworten zu liefern.

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"Fashion Revolution Germany" ist "Teil des globalen Movements fĂŒr eine Modeindustrie, die Menschen und Erde ĂŒber Geld stellt", so die ErklĂ€rung auf dem offiziellen Instagram-Profil der Initiative. Was jeder und jede tun kann fĂŒr mehr Fairness in der Modebranche, warum die Macht der großen Ketten so wichtig fĂŒr einen Wandel ist und welche unrealistischen Preisvorstellungen sich in den Köpfen der meisten Menschen festgesetzt haben, zeigt Ariane Piper in unserem Interview auf.

t-online: Welche Fortschritte wurden seit GrĂŒndung der Initiative "Fashion Revolution" im Jahr 2013 erzielt?

Ariane Piper: Einmal jĂ€hrlich begehen wir den Fashion Revolution Day, am Jahrestag von Rana Plaza, dem 24. April. Wir merken, dass die Aufmerksamkeit fĂŒr diesen Tag jĂ€hrlich wĂ€chst. Wir sind nicht mehr nur in Berlin mit einer aktiven Gruppe aufgestellt, sondern auch in vielen weiteren deutschen StĂ€dten. NatĂŒrlich gibt es auch auf politischer Ebene Änderungen. Wir haben beispielsweise das Lieferkettengesetz aktiv mit vorangetrieben, denn es braucht politische Regulierungen, die Freiwilligkeit reicht nicht aus.

Wir begrĂŒĂŸen, dass nach langen Verhandlungen nun endlich ein Lieferkettengesetz fĂŒr Deutschland verabschiedet wurde. Das Gesetz bietet eine Basis, die ausgebaut und erweitert werden kann und muss, und auch die Chance fĂŒr eine europĂ€ische Lösung. Wir werten es also als positives Ergebnis mit der dringenden Notwendigkeit weiter daran zu arbeiten.

Wo liegen die Herausforderungen bei der Arbeit von "Fashion Revolution"?

Kleidung ist ein emotionales Thema. Auf rationaler Ebene ist klar, dass wir zu viel Bekleidung haben, die wir nicht brauchen. Auf emotionaler Ebene findet aber immer wieder ein Kauf statt und auch immer wieder einer, der nicht die Standards beachtet, die eigentlich bekannt sind. Unsere Psyche trickst uns aus. Wir wollen uns mit dem Kauf eines KleidungsstĂŒcks etwas Gutes tun und vergessen, dass wir damit einer anderen Person am Ende der Lieferkette etwas Schlechtes tun, wenn wir nicht darauf achten, wo und wie das Teil gemacht wird.

24. April 2019: Textilarbeiterinnen am Jahrestag von Rana Plaza zeigen "Ich habe eure Kleidung gemacht" und fordern weiterhin sicherere Arbeitsbedingungen.
24. April 2019: Textilarbeiterinnen am Jahrestag von Rana Plaza zeigen "Ich habe eure Kleidung gemacht" und fordern weiterhin sicherere Arbeitsbedingungen. (Quelle: IMAGO / ZUMA Press)

Aber das liegt ja auch an den großen Modeketten, oder?

Ja, es ist problematisch, dass sich große Unternehmen schwertun, einen glaubwĂŒrdigen Wandel anzugehen. Da findet leider noch viel Greenwashing statt. Da muss weiter aufgeklĂ€rt werden, damit Kunden wissen, wem sie wirklich glauben können.

Die grĂŒne Conscious Collection von H&M – fĂ€llt so etwas unter Greenwashing? Beziehungsweise geht Fast Fashion ĂŒberhaupt nachhaltig?

Fast Fashion kann auf keinen Fall nachhaltig sein. Wir haben einen Überkonsum. Wir kaufen zu viel und es wird zu schnell auf zu niedrigem Niveau produziert, was fĂŒr mich eine Definition von Fast Fashion ist. Nachhaltigkeit in der Modebranche kann nur erreicht werden, wenn man davon wegkommt. Wir brauchen weniger Kollektionen im Jahr, wir brauchen höhere QualitĂ€t und wir brauchen Menschen, die weniger einkaufen.

Was ist Greenwashing?
Greenwashing bezeichnet eine umweltbewusste und nachhaltige Darstellung eines Unternehmens oder einer Marke, wobei PR-Zwecke im Vordergrund stehen.

Aber man muss auch bedenken, dass nicht fĂŒr jeden und jede faire, nachhaltige Mode im teureren Sinne leistbar ist.

Ja, finanzielle Mittel sind natĂŒrlich ein großer Punkt. Aber man muss sich auch dessen bewusst werden, dass wir total versaut sind, was unser PreisverhĂ€ltnisgefĂŒhl angeht. Wir glauben, die Preise von Fast Fashion sind die Preise, die richtig sind. Da wurden wir ĂŒber die letzten Jahre hinweg betrogen, denn die Preise sind zu niedrig. Ich wĂŒrde behaupten, dass die Preise von nachhaltiger Mode die richtigeren sind. Wir haben nur das GefĂŒhl dafĂŒr verloren. Eigentlich ist nachhaltige Mode nicht zu teuer, die andere ist zu billig.

So setzt sich der Preis fĂŒr ein faires Shirt zusammen.
So setzt sich der Preis fĂŒr ein faires Shirt zusammen. (Quelle: Heike Aßmann / t-online)

Aber klar, nachhaltige Mode hat einen höheren Preis und nicht alle wollen zu Secondhand greifen. Doch wenn die HĂ€lfte der Menschen, die sich nachhaltige Mode ohne Weiteres leisten könnte, dies auch tun wĂŒrde, wĂ€ren wir schon doppelt so weit. Viele Menschen haben die finanziellen Ressourcen, nutzen sie aber nicht fĂŒr Fair Fashion. Dann bleibt ein Rest, fĂŒr den es schwierig ist. Aber wenn wir weniger kaufen – nur ein T-Shirt in guter QualitĂ€t statt fĂŒnf Shirts in schlechter QualitĂ€t, dann ist das gar nicht mehr so dramatisch. Das hat viel mit einer bestimmten Denkweise zu tun.

Zum Thema Secondhand: Auch große ModehĂ€user wie Zalando oder Asos haben inzwischen Secondhand-Abteilungen. Ist das wirklich nachhaltig oder aktuell einfach clever?

Clever ist das allemal. Zum einen schaffen sie eine Kundenbindung – man kann Neues kaufen, Altes zurĂŒckgeben, dafĂŒr bekommt man einen Gutschein und kauft wieder neu. Der Kreislauf bleibt innerhalb eines Unternehmens. Die zurĂŒckgegebenen Klamotten werden aber nur in den wenigsten FĂ€llen weiterverwendet, weil die Ware entweder nicht die nötige QualitĂ€t hat oder es sich um schlecht recyclebare Mischgewebe handelt. Ich glaube, sie verkaufen den grĂ¶ĂŸten Teil weiter an Sammelstellen, Recyclinghöfe, Wiederverwerter. Wenn man etwas spenden möchte, dann eher an karitative Einrichtungen. DRK, Stadtmission und Caritas finanzieren damit immerhin ihre gemeinnĂŒtzigen TĂ€tigkeiten.

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Wie sieht es mit Plattformen wie Vinted (zuvor Kleiderkreisel) aus? Da stĂ¶ĂŸt man hĂ€ufig auf ungetragene Sachen mit Preisschildern aus der aktuellen Saison, die direkt wieder verkauft werden.

Das zeigt wieder, dass viele Menschen Klamotten im Kleiderschrank hĂ€ngen haben, die sie nie getragen haben. Ich finde es schockierend, wie viel Ungetragenes es dort gibt, die Mengen sind absurd. GrundsĂ€tzlich ist es aber gut, wenn es zumindest wieder in den Kreislauf zurĂŒckkehrt. Ich hoffe aber, dass dahinter nicht irgendein Gewerbe steckt, sondern wirklich Privatpersonen, die FehlkĂ€ufe tĂ€tigen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Arbeit und das bereits Erreichte aus?

Durch die Pandemie merken wir, was in den vergangenen Jahren unglaublich schiefgelaufen ist. Das ist ein massives Problem fĂŒr die Menschen in den ProduktionslĂ€ndern, die kein soziales Auffangsystem haben und eine Regierung, die einigermaßen gute Hilfsmittel zur VerfĂŒgung stellt. Diese Menschen stehen wirklich im Dreck, haben keine UnterkĂŒnfte mehr, nichts mehr zu essen. Sie haben ExistenzĂ€ngste – unter anderem weil ihre Löhne viel zu gering sind. Sie leben immer von der Hand in den Mund und konnten sich keine RĂŒcklagen schaffen. Darauf die Aufmerksamkeit zu lenken, ist gerade eine große Herausforderung.

Gibt es aber auch eine aktuelle Entwicklung in der Textilbranche, die Ihnen ein LĂ€cheln ins Gesicht zaubert?

Auf jeden Fall. In der nachhaltigen Modeszene gibt es einen engen Zusammenhalt. Da werden ganz tolle, innovative Materialien verwendet, kreative Wege werden gegangen, um wieder nachhaltiger zu wirtschaften. Vom klischeemĂ€ĂŸigen Kartoffelsacklook, der frĂŒher so öko war, sind wir meilenweit entfernt. Es gibt heute wirklich coole Klamotten und tolle Designs.

Wenn jetzt jemand sagt: "Ich möchte auch anfangen, mich mit dem Thema nachhaltige / faire Mode zu beschÀftigen." Wie kann man da am besten rangehen?

Es hat viel damit zu tun, sich Wissen anzueignen, zu lesen, sich mit Freunden auszutauschen. Wenn wir alle unser Wissen zusammenwerfen, sind wir am Schluss Experten. Ansonsten ist wichtig, es langsam anzugehen, nicht versuchen von heute auf morgen alles umzustellen oder den Kleiderschrank komplett auszumisten und alles wegzuschmeißen. Alles Vorhandene ist eine tolle Ressource.

(Quelle: Heike Aßmann / t-online)

Beim nĂ€chsten Wunschteil sollte man reflektieren: Brauche ich das wirklich? Wenn ich es wirklich brauche, kann ich es vielleicht Secondhand kaufen? Kann ich es leihen oder selber nĂ€hen? Und schließlich: Kann ich beim Kauf auf nachhaltige Produktionswege achten? Da hilft die Orientierung an glaubwĂŒrdigen Siegeln, wie beispielsweise GOTS, GRS, Fairtrade, Fair Wear Foundation oder GrĂŒner Knopf. Man könnte auch in kleinen Ateliers um die Ecke vorbeischauen. Es geht darum, alternative Wege zu finden. Das braucht anfangs recht viel Zeit und Engagement, aber irgendwann hat man sein Wissen und seine Bezugsquellen und dann macht das viel Spaß. So entsteht auch eine viel grĂ¶ĂŸere WertschĂ€tzung dem Produkt gegenĂŒber.

Welche Möglichkeiten haben Kundinnen und Kunden direkt Teil der Fashion Revolution zu sein?

Wir nutzen unseren Hashtag #WhoMadeMyClothes als eine einfache Methode der Stimmengebung. Userinnen und User können einfach ein KleidungsstĂŒck mit sichtbarem Label fotografieren und es in den sozialen Medien mit #WhoMadeMyClothes sowie mit der Seite des Unternehmens taggen. Die Idee dahinter ist, dass das Unternehmen antwortet und eben die Informationen bereitstellt, wer und wie und wo dieses KleidungsstĂŒck produziert wurde. Das ist die einfachste Methode, mitzumachen.

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Wir hoffen, dass wir Ă€ltere Menschen, die vielleicht digital noch nicht ganz so versiert sind, nicht komplett verlieren. Aber unser Fokus ist tatsĂ€chlich eher auf jĂŒngeren Menschen, die einfach eine wahnsinnig große Kaufgruppe sind. Es gibt ja andere Kampagnen, die eher an Ältere gerichtet sind und im Zusammenspiel erreicht man dann möglichst viele Menschen insgesamt.

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