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L├╝gner? "Brillant f├╝rs Land"? Johnson spaltet sein Volk

Von dpa
10.02.2022Lesedauer: 4 Min.
Boris Johnson, Premierminister von Gro├čbritannien, winkt, als er die 10 Downing Street verl├Ąsst.
Boris Johnson, Premierminister von Gro├čbritannien, winkt, als er die 10 Downing Street verl├Ąsst. (Quelle: Matt Dunham/AP/dpa./dpa)
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Boston/Hartlepool (dpa) - Seit Susan Whatmough aus Boston im Osten Englands w├Ąhlen darf, hatte die konservative Tory-Partei ihre Stimme sicher.

"Ich habe immer die Tories gew├Ąhlt - aber ich w├╝rde es nicht wieder tun", sagt die rothaarige Frau im Pelzmantel, w├Ąhrend ├╝ber den Fachwerkgassen der Kleinstadtidylle langsam die Sonne untergeht. Dass der britische Premier Boris Johnson w├Ąhrend des Lockdowns in der Downing Street nicht nur Partys zugelassen, sondern wohl sogar selbst mitgefeiert hat, hat das Fass f├╝r sie zum ├ťberlaufen gebracht. "Ich habe in dieser Zeit einen Sohn verloren und die Queen ihren Ehemann - und er feiert eine Party."

Sucht man Orte, an denen die Menschen zu den Tories halten, ist die Kleinstadt Boston eine sichere Bank. Bei der j├╝ngsten Parlamentswahl 2019 erzielten die Tories rund 77 Prozent, der Wahlkreis ist schon immer eine Bastion der Partei gewesen. Beim Brexit-Referendum stimmten in Boston drei von vier B├╝rgern daf├╝r. Was denkt man hier also ├╝ber die "Partygate"-Aff├Ąre, die seit Wochen in Westminster Gespr├Ąchsthema Nummer Eins ist? Will man in Boston weiter von Partyk├Ânig Boris Johnson regiert werden? Oder interessiert das Thema in der "echten Welt" gar nicht, wie es der neue Brexit-Staatssekret├Ąr Jacob Rees-Mogg zuletzt vermutete?

"Keine so gro├če Sache"

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"Ich bin f├╝r ihn", sagt Kelly Brandon, die auf dem Marktplatz Obst und Gem├╝se verkauft. "Alle haben das gemacht", meint sie zu den Lockdown-Partys. "Ich wei├č, er sollte ein Vorbild sein, war er aber nicht. Kommt dar├╝ber hinweg, es ist keine so gro├če Sache." Es ist nicht das einzige Mal auf diesem Streifzug, dass jemand eingesteht, auch selbst das ein oder andere Mal gefeiert zu haben - nur eben nicht erwischt worden zu sein. Ein Rentner mit dickem, braunen Schn├Ąuzer hofft, dass Johnson von seinen Kollegen nicht so bald gest├╝rzt wird. Zwar sei der Premier ein "bisschen ein Clown" - aber auch "brillant f├╝r unser Land".

Doch so klare F├╝rsprecher finden sich nicht an jeder Ecke. Die Tories gew├Ąhlt, ja, das haben in Boston viele - der Mann im Karohemd, der in der blauen Daunenjacke, Susan Whatmough und ihr Mann und viele andere mehr. Dass die Zeit des Premiers abgelaufen ist, finden sie trotzdem.

F├Ąhrt man in diesen turbulenten Wochen durchs Land, h├Ârt man viele Bezeichnungen f├╝r Boris Johnson - "Clown" ist eine der harmloseren davon. Verl├Ąsst man die Tory-Hochburg Boston, werden die Begriffe derber und sind die Unterst├╝tzer schwieriger zu finden. So auch in der Hafenstadt Hartlepool an der Nordostk├╝ste Englands - und das, obwohl die jahrzehntelange Bastion der sozialdemokratischen Labour-Partei seit einer Nachwahl im vergangenen Jahr ebenfalls fest in Tory-Hand ist. Die gr├╝ne Aufschrift "Jill Mortimer MP" auf den Scheiben des Wahlkreisb├╝ros gl├Ąnzt noch.

"Er muss gehen!"

Boris Johnson fuhr damals, im Fr├╝hjahr 2021 auf dem H├Âhepunkt der Impfkampagne, gute Umfragewerte ein und seine Parteikollegin Mortimer zog mit 60 Prozent der Stimmen als erste konservative Abgeordnete f├╝r Hartlepool ins Unterhaus. Die Region ist damit der j├╝ngste "Red Wall Seat" - so werden die Wahlkreise genannt, die traditionell in Labour-Hand waren und erst k├╝rzlich an die Tories gingen.

"Er muss zur├╝cktreten. Er hat das Parlament angelogen, er muss gehen!", sagt der Rentner Dougie Maclean, den man am Abend im "Three Brass Monkeys"-Pub beim Pint antrifft und der sein Kreuz auf dem Wahlzettel ├╝blicherweise bei Labour setzt. Die Maskottchen des Pubs sind die drei ber├╝hmten Affenk├Âpfe, von denen sich einer den Mund, einer die Augen und der dritte die Ohren zuh├Ąlt. Nicht ganz so genau hinzuschauen, was denn nun eine Party war und was nicht, h├Ąlt auch Carol Brown vom Nebentisch f├╝r angebracht. Sie und ihr Mann haben nie gew├Ąhlt, interessieren sich nicht besonders f├╝r Politik. Johnson habe es wirklich schwer gehabt - und wenn jemand anderes Premierminister gewesen w├Ąre, h├Ątte der sicher auch gefeiert. "Ich finde, er sollte bleiben. Ich mag ihn", sagt Brown.

F├╝r einige ist es unvorstellbar, wie man in Hartlepool leben und die Tory-Partei unterst├╝tzen kann. "Hartlepool hat nichts, die Menschen in Hartlepool haben rein gar nichts", sagt einer von wenigen Spazierg├Ąngern am Strand der Stadt, ein 77 Jahre alter Anwohner, der sich noch daran erinnert, wie in seiner Jugend die heute fast verfallene Pier gebaut wurde.

Mit seinem breiten Sandstrand und den sanften D├╝nen k├Ânnte Hartlepool eigentlich ein Touristenparadies sein. Doch es gibt keine Strandk├Ârbe, keinen Steg, nicht einmal einen Kiosk, an dem man sich im Sommer ein Eis kaufen k├Ânnte. An einem sonnigen Februartag liegt die K├╝ste fast verlassen da, ein paar Gassi-G├Ąnger lassen sich an einer Hand abz├Ąhlen. Wer in Hartlepool lebt, kann es sich meist nicht leisten, einfach nur die Natur zu genie├čen.

"Die sind doch alle gleich"

In der Innenstadt stehen viele Ladenlokale leer oder haben ihre Rolll├Ąden bis ganz nach unten gezogen. An einem ehemals prachtvollen Bau fehlt eine der gro├čen Lettern, das einstige "Grand Hotel" ist heute nur noch "Rand Hotel". Viele hier eint, dass sie wenig Hoffnung haben. "Es ist eigentlich egal, wer Premierminister ist", meint Rosemary Sladden, die schon in aller Welt, auch in Deutschland, gelebt hat. "Der eigentliche Schaden ist entstanden, als wir Europa verlassen haben." Sie selbst hat mit der Politik abgeschlossen.

So geht es auch zwei Taxifahrern, die vor dem Bahnhof auf Fahrg├Ąste warten und f├╝r Boris Johnson nur ein m├╝des Lachen ├╝brig haben. Beide hatten zumindest gehofft, dass der Brexit ihr Leben verbessern w├╝rde - doch sind bislang auch sie davon entt├Ąuscht. Sie emp├Âren sich, dass politische Kontrahenten in Westminster sich im Parlament scharf angehen und danach zusammen im Pub ein Bier trinken. Eine korrupte, elit├Ąre Hauptstadtblase, die nichts davon wei├č, was die Menschen hier im Norden besch├Ąftigt. "Die sind doch alle gleich", meint einer von beiden. Ob Boris Johnson oder nicht - das ist hier eine Nebensache.

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