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Die Schamlosigkeit des Michael Bloomberg

Eine Kolumne von Fabian Reinbold, Washington

Aktualisiert am 21.02.2020Lesedauer: 4 Min.
Michael Bloomberg in Philadelphia: Der Medienunternehmer und einstige Bürgermeister von New York ist der mit Abstand reichste der Präsidentschaftsanwärter.
Michael Bloomberg in Philadelphia: Der Medienunternehmer und einstige Bürgermeister von New York ist der mit Abstand reichste der Präsidentschaftsanwärter. (Quelle: Ricky Fitchett/imago-images-bilder)
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Mike Bloomberg entwickelt sich zum mächtigen Gegner des US-Präsidenten. Nicht nur wegen seiner Milliarden, sondern weil er eine von Donald Trumps eigenen Strategien gegen ihn anwendet.

Guten Tag aus Washington,

wo in dieser Woche ein Mann die Schlagzeilen bestimmte, der nicht Donald Trump hieß, aber doch einiges mit ihm gemein hat.

Die Rede ist von Michael Bloomberg, um den seit Tagen ein Hype tobt, der etwas wankelmütig daherkommt: Bis Mittwochabend, 21 Uhr Ostküstenzeit, galt der Multimilliardär aus New York vielen Beobachtern ob seiner schier unfassbaren Wahlkampfausgaben plötzlich als die letzte Chance der Demokraten, Trump im Herbst doch noch zu schlagen.

Dann begann eine TV-Debatte der Demokraten, in der Bloomberg erstmals mit auf der Bühne stand. Und nachdem dieser die heftigen Angriffe der Kontrahenten kaum parieren konnte, machen nun schon die Abgesänge die Runde – zu viele Leichen habe der 78-Jährige im Keller. Die Schwankungen sind typisch für das Rennen der Demokraten: Partei, Anhänger und Beobachter sind hochnervös. Wer kann gegen Trump bestehen?

Ich habe Bloombergs Wahlkampf besucht, mir seine Strategie angeschaut und muss Ihnen sagen: Seine Kandidatur könnte diesen Wahlkampf prägen. Denn er hat eine Formel gefunden, die nicht schön ist, aber in diesen Zeiten weit tragen kann. Es geht um Geld, Pragmatik und die Macht des Internets.

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Im Vordergrund steht natürlich sein – für viele obszöner – Reichtum: 62 Milliarden Dollar, damit ist er je nach Erhebung der neunt- bis zwölftreichste Mensch auf Erden. Über 400 Millionen Dollar hat Bloomberg in den zehn Wochen seines Wahlkampfes ausgegeben, jeden Cent aus eigener Tasche, um die Nation mit Werbung zu beschallen. Allein im Januar gab er zehn Mal so viel aus wie sein Kontrahent Bernie Sanders. Wer hier Fernsehen schaut oder Facebook öffnet, für den gibt es kein Entrinnen vor Bloomberg. Kauft sich da jemand einfach sein Ticket ins Weiße Haus?

In Amerikas Politik geht es nun einmal um Geld, Geld, Geld. Bloomberg macht das sichtbar.

Er hat im ganzen Land Wahlhelfer verpflichtet, für das doppelte Gehalt, das seine Konkurrenten zahlen. Er schaltet in vielen Staaten, die im Rahmen des “Super Tuesday” Anfang März abstimmen, als einziger Demokrat Anzeigen. Besuchern seiner Auftritte bietet er oft ein Büffet.

Richmond, die Hauptstadt Virginias, am vergangenen Samstag: Bloomberg lädt in eine schicke Brauerei zwischen alten Industriebauten. Jeder Gast darf sich zwei Craft-Biere auf Bloombergs Kosten genehmigen, dementsprechend gelöst ist die Stimmung, als er um 17.15 Uhr die Bühne betritt.

Selbst im ungezwungenen Lagerhallenambiente liest Bloomberg von einem Teleprompter ab, macht noch einen Witz über seinen Reichtum und verdreht dabei die Augen – als sei ihm das Witzeln selbst unangenehm. Sonst ist er ein eiskalter Kandidat. Keine emotionalen Appelle wie bei den Konkurrenten, nichts Menschelndes, Bloomberg redet höflich, kühl, geschäftsmäßig. Wie ein Verkäufer, der weiß, dass das Gegenüber sein Angebot gar nicht ausschlagen kann.

Und das Angebot lautet so: Ich habe die Mittel, um Donald Trump zu schlagen und mit Mitteln meine ich meine Erfahrung, aber vor allem mein Geld. Take it or leave it. Nach 20 Minuten noch ein paar Hände schütteln und weiter geht es. Ein Selfmade-Milliardär, niemandem verpflichtet, für Waffenreform und Mindestlohn. Mike will get it done, lautet sein Slogan: Mike wird es hinbekommen.

Kein Drama, sagt alles an Bloombergs Auftritt, bis es dann doch Drama gibt.

“Fuck you, fascist!”, ruft ein junger Mann aus den hinteren Reihen – er protestiert gegen Bloombergs Stop and Frisk, diese Polizeitaktik, nach der Bloomberg in New York ohne Anlass massenhaft Schwarze und Latinos filzen ließ. Für viele Demokraten klarer Rassismus. Und genauso ein rotes Tuch wie die von Bloomberg überlieferten frauenverachtenden Sprüche aus den 90ern, die ihn in der TV-Debatte jetzt in die Bredouille brachten.

Für die linken Demokraten, die Anhänger von Sanders oder Elizabeth Warren, kommt der Mann nicht in Frage. Doch für das andere Lager umso mehr. Dafür muss Bloomberg bei den Moderaten die Konkurrenz wie Joe Biden und Pete Buttigieg hinter sich lassen.

Und dann ist da noch der Umstand, wie Bloomberg seine Abermillionen einsetzt: für positive Werbebotschaften im Fernsehen, aber auch für Spott und Attacken im Internet.

Bloombergs Online-Kampagne ist gemein und voller Häme – bislang vor allem gegen Trump. Damit zeigt er nicht nur, dass er ein ebenbürtiger Gegner für Trump ist, er gewinnt damit auch den Kampf in einer neuen Aufmerksamkeitsökonomie.

Schauen Sie sich das einmal an.

Oder das hier:

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Wenn Sie das jetzt billig oder banal finden, würde ich Ihnen nicht widersprechen. Aber es ist clever, weil effektiv. In der neuen Öffentlichkeit, die durch soziale Netzwerke geprägt ist, geht es darum aufzufallen, ob im Guten oder im Schlechten, ist erst einmal egal. Dass Trump nun Tag für Tag zurückschlägt, ist umso besser. Schamlosigkeit gewinnt Aufmerksamkeit.

Dieses simple Rezept nutzte Trump im Wahlkampf 2016 schon zu seinem gewaltigen Vorteil.

Damals reagierten die Demokraten mit einer Methode, die Michelle Obama in einem Satz verdichtete: When they go low, we go high. Das hieß: Wir lassen uns nicht auf das Niveau Trumps herab.

Bloomberg macht das Gegenteil: Er steigt hinab zu Trump in die Gosse – beziehungsweise, er hat Leute, die das für ihn tun. Und er kann es zulassen, weil er vollkommen schmerzfrei ist. Man kann es so umschreiben: When they go low, we go just as low.

Das ist zynisch, aber womöglich ganz entscheidend, weil Trump bis zu Bloombergs Einstieg den Demokraten beim Internet-Wahlkampf und beim strategischen Einsatz von Facebook um Jahre voraus war. Nun bietet ihm einer die Stirn: der Kandidat mit Milliardenbudget und ohne Scham.

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Und sollte Mike Bloomberg selbst nicht Kandidat werden, hat er seiner Partei zumindest gezeigt, wie zynisch man in diesem Wahljahr wohl vorgehen muss.

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