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Der Wahnsinn hat Methode

Eine Kolumne von Fabian Reinbold, Washington

Aktualisiert am 28.03.2021Lesedauer: 4 Min.
Studenten diskutieren mit Mitgliedern der NRA zum Thema Waffengewalt: Immer wieder kommt es in den USA zu Amokl├Ąufen ÔÇô auch an Schulen.
Studenten diskutieren mit Mitgliedern der NRA zum Thema Waffengewalt: Immer wieder kommt es in den USA zu Amokl├Ąufen ÔÇô auch an Schulen. (Quelle: ZUMA Wire/imago-images-bilder)
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Zwei Massaker schockieren die USA. Joe Biden will eine Waffenreform durchsetzen. Doch sobald es um die Toten von Waffengewalt geht, regiert in Washington der blanke Zynismus.

Wenn diese elende Pandemie den USA etwas Gutes brachte, dann vielleicht dies: Das Jahr 2020 verging ohne das, was die Amerikaner mass shooting nennen, ein Schusswaffenmassaker.


Bidens Kabinett ÔÇô er macht alles anders als Trump

Am 20. Januar 2021 wird der Demokrat Joe Biden als neuer US-Pr├Ąsident vereidigt. Damit zieht auch neues Personal in die Regierung ein.
Deb Haaland: Mit Haaland r├╝ckt erstmals eine amerikanische Ureinwohnerin ins Kabinett auf. Die 60-J├Ąhrige sitzt seit 2018 im Ausschuss f├╝r nat├╝rliche Ressourcen im US-Repr├Ąsentantenhaus. "Mein Leben war nicht einfach", erz├Ąhlte Haaland bei ihrer Vorstellung f├╝r das Biden-Team im Dezember. Sie sei zeitweise obdachlos gewesen, habe staatliche Lebensmittelhilfe gebraucht und ihre Tochter alleine gro├č gezogen. Nun soll sie einen Platz im Innenressort besetzen.
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Doch jetzt sind wir zur├╝ck in der amerikanischen Normalit├Ąt. Zu der geh├Ârt, dass alle paar Monate, alle paar Wochen und manchmal eben auch alle paar Tage ein Mann mit einer Waffe gleich mehrere Mitmenschen t├Âtet.

Erst erschoss ein junger Mann in Atlanta acht Menschen in drei Massagesalons, sechs Tage darauf t├Âtete ein junger Mann in Boulder zehn Menschen in einem Supermarkt. Damit sind wir beim Thema, das drau├čen in der Welt f├╝r so viel Kopfsch├╝tteln sorgt wie kaum ein zweites: Amerika und seine Waffen.

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Jetzt, so ist ├╝berall zu lesen, tobe wieder eine Waffendebatte. Doch schon dieser Begriff ist eines der vielen Missverst├Ąndnisse, sobald es um Amerikas Waffenkultur geht. Es gibt keine Debatte. Es gibt zwei Seiten, die aneinander vorbeidenken und ÔÇôreden. Die einen (eine Mehrheit) wollen nicht akzeptieren, dass in Amerika so viel mehr Waffen im Umlauf sind und so viel mehr Menschen durch Waffengewalt sterben als anderswo. Die anderen (eine m├Ąchtige Minderheit) sehen schon im Vorschlag, Magazine f├╝r Halbautomatikwaffen so zu verkleinern, dass man ohne Nachladen nur zehn statt drei├čig Menschen erschie├čen kann, den Anfang vom Ende von Freiheit, Verfassung, Republik.

Wenn Pr├Ąsident Joe Biden jetzt sagt, es sei an der Zeit f├╝r einen Wandel, winkt Washington nur m├╝de ab. Keine Mehrheit in Sicht. So n├╝chtern bis zynisch betrachtet man das Ganze aus der Hauptstadt.

Ich bin bei dem Thema auch Realist, und doch erwischte mich die Nachricht vom Supermarkt-Amoklauf in Colorado ziemlich kalt. Ich kenne die Gegend gut, seit ich in Denver drei Monate mit einem Journalistenstipendium gelebt und gearbeitet habe. Und ich wei├č, wie sehr Denver darunter leidet, so etwas wie die Amokhauptstadt Amerikas zu sein.

Sie erinnern sich an das Massaker an der Columbine High School in Littleton 1999, bei dem zwei in Schwarz gekleidete Sch├╝ler zw├Âlf Mitsch├╝ler und einen Lehrer erschossen? Das war in einem Vorort von Denver. Wissen Sie noch, wie 2012 ein junger Mann die Sp├Ątauff├╝hrung des neuen Batman-Films st├╝rmte und dabei zw├Âlf Kinog├Ąnger t├Âtete und 58 verletzte? Das war in Aurora, ebenfalls Vorort von Denver. Und jetzt die zehn Toten im Supermarkt im bunten Outdoor-St├Ądtchen Boulder, keine halbe Stunde vom Zentrum Denvers. Und das sind nur die gro├čen drei.

Ich bin damals in Denver f├╝r eine Langzeitreportage in Amerikas Waffenkultur eingetaucht und habe irgendwann einiges verstanden: dass man hier, am Fu├če der Rocky Mountains, ohnehin mit Argwohn auf die ferne Regierung in Washington schaut und sich im Zweifelsfall lieber selbst gegen alle Feinde verteidigen will. Dass man ohnehin wei├č, wie viele Pistolen, Flinten, Sturmgewehre kursieren und f├╝r sich selbst nichts lieber als Waffengleichheit herstellen will. Nur eines habe ich nicht verstanden: dass man sich weigert, ├╝ber den Preis des Rechts auf Selbstverteidigung zu sprechen.

Diesen Preis erahnt man, wenn man mit Menschen wie Frank DeAngelis redet. Er war damals beim Amoklauf der Schuldirektor der Columbine High School. Jetzt ist er 66 Jahre alt und in Rente.

DeAngelis ist ein offener Typ, der gern und lange erz├Ąhlt. Man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man schreibt, dass ihn der Amoklauf nie wieder losgelassen hat.

Ex-Rektor DeAngelis: ÔÇťSo etwas ver├Ąndert die Gemeinschaft f├╝r alle Zeiten.ÔÇŁ
Ex-Rektor DeAngelis: "So etwas ver├Ąndert die Gemeinschaft f├╝r alle Zeiten." (Quelle: Rick Wilking/Reuters-bilder)

Wenn er ├╝ber die Zeit des Massakers in seiner Schule spricht, schlie├čt er oft die Augen. DeAngelis wei├č, was so eine Tat ausl├Âst: dass sie einer ganzen Gemeinde den Boden unter den F├╝├čen wegzieht, dass es Schuldgef├╝hle der ├ťberlebenden gibt, dass die Panik, das Herzrasen und die Beklemmung viele Jahre bleiben. "So etwas ver├Ąndert die Gemeinschaft f├╝r alle Zeiten", sagt er.

Wir reden schon eine ganze Weile, als er die dunkleren Folgen auch in seinem eigenen Leben anspricht. Dazu z├Ąhlt er, dass sich seine Frau von ihm scheiden lie├č, dass ihm seine Tochter sagte, er habe sich ver├Ąndert. Er sei bis heute in Therapie, sagt DeAngelis jetzt, 22 Jahre sp├Ąter.

Bidens Rede gleich nach dem aktuellen Massaker hat er geh├Ârt. Er fand sie nicht schlecht, aber sie klang eben genau wie damals, als er selbst mit Bill Clinton gesprochen hatte, und genau wie sp├Ąter, als Barack Obama nach dem Grundschulmassaker von Sandy Hook 2012 nun aber wirklich eine Waffenreform durchsetzen wollte. "Wir haben doch diese Diskussion nach jedem einzelnen Amoklauf. Wir m├╝ssen doch endlich mal einen Weg finden, dieses sinnlose Sterben aufzuhalten", sagt er und haut dabei auf seinen Schreibtisch.

Interessieren Sie sich f├╝r die US-Politik? Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt einen Newsletter ├╝ber seine Eindr├╝cke aus den USA und die Zeitenwende nach dem Ende der Trump-Pr├Ąsidentschaft. Hier k├Ânnen Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Die letzten, die Anlauf nahmen, waren die Sch├╝ler der High School in Parkland, Florida, wo im Februar 2018 ein Ex-Sch├╝ler 14 Jugendliche und drei Lehrer erschossen hatte. Die jungen Aktivisten machten m├Ąchtig Druck. Organisierten Riesenproteste in Dutzenden St├Ądten, spannten die Medien f├╝r sich ein, registrierten sp├Ąter W├Ąhler, um die Kraftverh├Ąltnisse ins Wanken zu bringen. Da protestierte die Generation, die schon in der Grundschule immer wieder eine Stunde lang still unter dem Tisch ausharren musste, um das Verhalten bei einem Amoklauf zu trainieren.

Auch sie haben Amerikas Waffenpolitik nicht wenden k├Ânnen.

Es ist nicht so, dass es gar keine Regeln g├Ąbe f├╝r Waffen, doch alle regeln ein bisschen und keine so richtig. Wegen zahlreicher Schlupfl├Âcher k├Ânnen auch als gewaltt├Ątig oder psychisch krank aufgefallene Menschen immer wieder Waffen im Milit├Ąrstil kaufen: wenn nicht im Waffenladen, dann auf einer der zahllosen, kaum kontrollierten Gun Shows.

Nach dem Parkland-Massaker wollten einige St├Ądte im Land nicht mehr auf den Bundesstaat oder Washington warten und verboten eigenm├Ąchtig halbautomatische Sturmgewehre vom Typ AR-15. Es sind die Waffen, die meist f├╝r diese Shootings benutzt werden.

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Dagegen setzte es prompt Klagen und eine Stadt musste Anfang des Monats ihr Verbot zur├╝cknehmen. Diese Stadt hei├čt, vielleicht ahnen Sie es schon: Boulder, Colorado. Gut zehn Tage sp├Ąter marschierte dann ein 21-J├Ąhriger mit einer ├Ąhnlichen Waffe dort in den Supermarkt.

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