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"Ich will einfach nur zurĂĽck nach Deutschland"

  • Ani Palyan
Von Ani Palyan

Aktualisiert am 08.07.2020Lesedauer: 4 Min.
Los Angeles: In der kalifornischen Metropole gibt es inzwischen über 100.000 bestätigte Corona-Fälle, bei einigen Menschen ist die Ernsthaftigkeit der Lage aber nicht angekommen.
Los Angeles: In der kalifornischen Metropole gibt es inzwischen über 100.000 bestätigte Corona-Fälle, bei vielen Menschen ist die Ernsthaftigkeit der Lage aber nicht angekommen. (Quelle: Kyodo News/imago-images-bilder)
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Los Angeles ist für gutes Wetter und die Gelassenheit der Menschen bekannt – eigentlich. Doch die Auswirkungen der Corona-Pandemie bringen die hässlichen Charaktereigenschaften vieler Bürger zum Vorschein, erzählt eine deutsche Studentin.

Sona Palyan will gerade ihr Fitnessstudio in Burbank im Los Angeles County betreten, als das Geschrei losgeht. Direkt am Eingang vor ihr steht eine Frau. Sie will genau wie Sona zum Sport, trägt aber keine Schutzmaske – obwohl das Vorschrift ist. Als die Angestellten ihr den Einlass verweigern, rastet die Frau aus. Sie brüllt und schlägt gegen die Tür.


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November/Dezember 2019: In der chinesischen Millionenmetropole Wuhan treten erstmals Fälle einer unbekannten Lungenerkrankung auf. Am 31. Dezember wird die Weltgesundheitsorganisation informiert.
Am 15. Januar gibt es die erste bestätigte Infektion mit dem neuartigen Virus außerhalb Chinas: Ein Fall in Thailand wird bekannt.
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Es ist nicht das erste Mal, dass Sona Palyan, 22 Jahre alt und in Deutschland geboren und aufgewachsen, dieser Tage so etwas erlebt. Sie ist schockiert von der gereizten Stimmung in ihrer Wahlheimat.

Sport in Corona-Zeiten: In vielen Fitnesstudios in L.A. sind Schutzmasken bei Kursen Pflicht.
Sport in Corona-Zeiten: In vielen Fitnesstudios in L.A. sind Schutzmasken bei Kursen Pflicht. (Quelle: ZUMA Wire/imago-images-bilder)
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Der Grund für diesen Unmut: Während in Deutschland die Zahl der Corona-Infizierten seit Monaten stabil ist oder sogar sinkt, sieht es in Los Angeles – und anderen Teilen der USA – ganz anders aus.

Allein im Los Angeles County gibt es über 100.000 bestätigte Coronavirus-Fälle – zum Vergleich: In ganz Deutschland sind nur knapp über 200.000 Fälle registriert. Und die Anzahl der Infizierten steigt stetig an. "Viele Menschen weigern sich trotzdem, eine Schutzmaske zu tragen", erzählt Palyan. Die gebürtige Hamburgerin studiert seit drei Jahren an einem College in der kalifornischen Großstadt und erlebt hautnah die erschreckenden Entwicklungen seit den Anfängen der weltweiten Pandemie. Die Bürger der Millionenmetropole seien zurzeit sehr leicht reizbar und würden nicht gut mit Ausgangsbeschränkungen umgehen können, sagt sie. "Es kommt öfter zu Streit mit Bedienungen und Verkäufern, wenn die Kunden dazu aufgefordert werden, sich an die Hygienemaßnahmen zu halten."

"Sie sehen die Situation leider nicht so ernst"

Wie andernorts auf der Welt nahmen auch die Angelenos, die Einwohner Los Angeles’, das Coronavirus zu Beginn der Pandemie nicht als ernsthafte Bedrohung wahr. Die Annahme, dass die Ausbreitung der Infektionskrankheit unter Kontrolle sei, wurde damals vom US-Präsidenten Donald Trump höchstpersönlich bestärkt.

Palyan sagt, bis heute sähen viele Einwohner von Los Angeles die Schutzmaßnahmen als Freiheitsbeschränkung und würden sie teilweise einfach ignorieren. "Wir haben eine sogenannte Safer-at-home order in der gesamten Region", sagt Palyan. "Trotzdem sind zahlreiche Ferienhäuser in Palm Springs ausgebucht, in denen dann meist in größeren Gruppen gefeiert wird. Die Menschen nehmen die Situation leider nicht so ernst."

Santa Monica Beach in Los Angeles: Die Strände mussten im Juli kurzerhand gesperrt werden, weil die Bürger sich nicht an die Corona-Beschränkungen gehalten haben.
Santa Monica Beach in Los Angeles: Die Strände mussten im Juli kurzerhand gesperrt werden, weil die Bürger sich nicht an die Corona-Beschränkungen gehalten haben. (Quelle: Xinhua/imago-images-bilder)

Maskenpflicht? "Es kommt zu lautstarken Diskussionen"

Die kalifornische Metropole ist bekannt für ihre vielseitige Gastroszene und eigentlich auch für einen stets freundlichen Service, der keine Wünsche offenlässt. Das Verhalten von Gästen in Restaurants und Geschäften in der aktuellen Zeit sei jedoch deutlich schroffer geworden. "Trotz steigender Anzahl von Virus-Infizierten lassen sich die Angelenos nicht nehmen, in vollgepackten Außenbereichen von Lokalen zu essen. Paradoxerweise tragen sie häufig keine Maske, lehnen sich aber weg, sobald eine Bedienung auftaucht", so Palyan. "Es kommt öfter zu lautstarken Diskussionen, wenn sie höflich darum gebeten werden, sich an die Abstände zu halten." Der Corona-Ausbruch habe die "hässlichsten Seiten" einiger Einwohner zum Vorschein gebracht, meint die Studentin.

Doch wie begründen die Menschen das Verweigern von Schutzmaßnahmen? "Viele behaupten einfach, dass sie aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen dürfen, weil sie sonst Atemprobleme bekommen. Ihr Arzt habe ihnen davon abgeraten", erklärt die Studentin. "Was aber verwunderlich ist, wenn sie trotzdem dazu in der Lage sind, Kellner anzubrüllen und ihnen zu drohen. Zehn Minuten lang eine Maske zu tragen, wäre sicherlich weniger anstrengend." Außerdem gebe es in Los Angeles für alle möglichen Dinge einen Lieferdienst, so die junge Frau.

Als Deutsche ist das US-Gesundheitssystem "fast dystopisch"

Seit März lebt Sona Palyan mehr oder weniger isoliert, weil sie sich an die Verordnungen der Stadtverwaltung hält und ihre kleine Wohnung kaum verlässt. Sie ist deshalb umso verärgerter über den Egoismus ihrer Mitmenschen. Erst in den letzten Monaten habe die Studentin bemerkt, wie sehr ihr Heimatland ihr eigentlich fehlt. "Alles in Deutschland ist während der Corona-Krise strukturierter abgelaufen als hier", findet sie. "Die Regierung hat zur richtigen Zeit Lockdown-Maßnahmen ergriffen und Regelverstöße konsequent bestraft. Der Großteil der Deutschen hat sich an die Regeln gehalten und so konnte ein rasanter Anstieg der Infektionen verhindert werden.''

Schuld an der Misere in Los Angeles sei aber auch das Gesundheitssystem in den USA, das mit der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland nicht mithalten könne, meint Palyan. "Jeder Gang zum Arzt kann hier teuer werden. Obwohl Corona-Tests kostenfrei durchgeführt werden, haben die Menschen Angst vor einer bestätigten Infektion. Sie denken sich: 'Was ist, wenn ich erkrankt bin, mehrere Wochen im Krankenhaus behandelt werden muss und eine Rechnung über 10.000 Dollar dafür bekomme?'", erzählt die Studentin. "In den USA kann man es sich nicht leisten, krank zu sein. Als Deutsche ist diese Vorstellung für mich fast dystopisch."

"Ich will einfach nur zurĂĽck nach Deutschland"

Auch psychisch ist die Corona-Krise eine Belastung für Palyan. Ihr Alltag bestünde nur noch aus Gängen zum Supermarkt, Lernen und dem Fitnessstudio. Sie fühle sich einsam, von der US-Regierung und den fahrlässigen Bürgern von Los Angeles im Stich gelassen. Ihre Abschlusszeremonie für das College wurde abgesagt, ihre akademische Robe kam per Paket und ihre Freunde hat sie seit Monaten nur per Videochat gesehen.

Während einer kurzen Unterbrechung der Kontaktbeschränkungen habe sie sich mit ihrer Cousine getroffen, was ein eigenartiges Erlebnis war. "Es kam mir so vor, als würden wir uns neu kennenlernen. Der Kontakt zu Menschen ist mir inzwischen so fremd geworden, dass ich mir langsam Sorgen mache", berichtet sie. "In den letzten Monaten hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und habe schließlich eingesehen, dass ich es bereue, nicht einfach in Deutschland studiert zu haben. In Los Angeles fühle ich mich derzeit hoffnungslos."

Corona-Krise in Los Angeles: Die übliche Abschlussfeier blieb wegen der Pandemie aus – Absolventenhut und sämtliche Zeugnisse kamen stattdessen per Paket.
Corona-Krise in Los Angeles: Die übliche Abschlussfeier blieb wegen der Pandemie aus – der Absolventenhut von Sona Palyan kam per Post. (Quelle: Sona Palyan)
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Eigentlich sollte es nach dem College-Abschluss für Sona Palyan an die University of California in Irvine gehen – doch sie habe wegen der Corona-Krise bislang weder die Möglichkeit gehabt, sich den Campus anzusehen, noch habe sie das Bedürfnis, die hohen Studiengebühren zu zahlen, wenn alle Kurse nur online stattfinden würden. "Sobald sich die Lage beruhigt hat, sitze ich im ersten Flieger nach Hamburg", sagt Palyan. "Ich will einfach nur noch nach Hause, nach Deutschland."

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin dieses Textes ist die Schwester von Sona Palyan.

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