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"FĂŒhle mich von der deutschen Regierung im Stich gelassen"

Von Klaas Tigchelaar

Aktualisiert am 31.08.2021Lesedauer: 3 Min.
Frauen warten mit ihren Kindern vor dem Flughafen in Kabul (Archivbild): Die Familie von Naqi A. versteckt sich und verlÀsst das Haus in Kabul nicht mehr.
Frauen warten mit ihren Kindern vor dem Flughafen in Kabul (Archivbild): Die Familie von Naqi A. versteckt sich und verlÀsst das Haus in Kabul nicht mehr. (Quelle: ZUMA Wire/imago-images-bilder)
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Nach dem Abzug der US-Soldaten vom Kabuler Flughafen stecken immer noch mehrere Deutsche in Afghanistans Hauptstadt fest. Darunter auch die Familie von Naqi A. aus Bonn.

"Die Hoffnung stirbt zuletzt", so fasst Naqi A. (Nachname ist der Redaktion bekannt) die Situation seiner in Afghanistan ausharrenden Familie nĂŒchtern zusammen. Am 1. August waren seine Frau und seine drei Töchter nach Kabul geflogen, um die Familie zu besuchen.


Siegeszug in Afghanistan: Taliban nehmen auch Flughafen ein

In der Nacht auf den 31. August sind die letzten US-Truppen abgezogen. Zwei Wochen hielten sie den Flughafen, von dem aus noch tausende Menschen ausgeflogen wurden. Nun fahren Fahrzeuge der Taliban ĂŒber die Landebahnen.
Mitglieder der Spezialeinheit Badri 313 bewachen eine Rede des Taliban-Sprechers Sabihullah Mudschahid: Er betonte, die Miliz wolle gute Beziehungen zu den USA und der ganzen Welt. Die westlichen Staaten bemĂŒhen sich derweil, weiter aus Afghanistan evakuieren zu können.
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"Da war noch ĂŒberhaupt nicht absehbar, dass die Taliban das Land so schnell ĂŒbernehmen wĂŒrden", erklĂ€rt der 33-JĂ€hrige, der seit seinem siebten Lebensjahr in Deutschland lebt und wie seine Frau und Kinder einen deutschen Pass besitzt. "Sonst hĂ€tten wir den Flug natĂŒrlich abgesagt."

Kabul sei innerhalb von Stunden ĂŒbernommen worden, so der gebĂŒrtige Afghane. "Meine Familie versteckt sich bei meinen Schwiegereltern, sie gehen nicht mehr vor die TĂŒr."

Zutritt zum Flughafen verwehrt

Eigentlich sollten seine Frau, die beiden Töchter (11 und 8 Jahre) und das erst 15 Monate alte Kleinkind am 16. August zurĂŒckkehren. Doch da war der Luftraum ĂŒber Afghanistan bereits gesperrt, die afghanische Regierung zusammengebrochen und der PrĂ€sident Ashraf Ghani außer Landes geflĂŒchtet.

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Mit ihren deutschen PĂ€ssen hoffte die Familie schnell genug auf die Warte- und Passagierlisten zu kommen, aber durch das vor Ort herrschende Chaos und hohe BĂŒrokratiehĂŒrden war die Anmeldung hoch kompliziert.

"Sie sollten sich als deutsche Staatsangehörige auf die Krisenvorsorgeliste 'ELEFAND' eintragen und zusÀtzlich eine E-Mail an das AuswÀrtige Amt senden", erklÀrt der verzweifelte Vater aufgebracht, "aber das ist nicht so einfach, wenn das Mobilfunknetz vor Ort dauernd zusammenbricht".

Grundschule bietet UnterstĂŒtzung

Hilfe bekam Naqi A. von der Carl-Schurz-Grundschule in Bonn-Tannenbusch, auf die seine beiden Töchter gehen. "Wir haben Herrn A. sowie einer anderen Familie mit den Formularen geholfen, aber gebracht hat es leider bislang nichts", erklÀrt SonderpÀdagoge Daniel Jakubik.

Eine andere Bonner Familie, eine Mutter mit zwei Töchtern, sei am Flughafen ebenfalls zuerst von den US-Soldaten und bei einem weiteren Versuch von den Taliban abgewiesen worden, trotz deutscher PĂ€sse, weiß Jakubik zu berichten.

Der SonderpÀdagoge und auch die Grundschulleiterin Claudia Köse hÀtten wie Naqi A. vielfach Kontakt mit dem AuswÀrtigen Amt aufgenommen und versucht, auf die dringliche Situation aufmerksam zu machen, von der Kommunalpolitik bis hin zum AuswÀrtigen Ausschuss des Bundestages.

Keine Hilfe von der Regierung

"Ich fĂŒhle mich von der deutschen Regierung im Stich gelassen, auf meine Mails an das AuswĂ€rtige Amt bekomme ich keine Reaktion", so der Vater. PĂ€dagoge Jakubik berichtet davon, dass die Krisenhotline der Behörde oft nicht zu erreichen sei.

"Die deutsche Botschaft Kabul ist seit 15. August 2021 geschlossen. Eine konsularische UnterstĂŒtzung vor Ort ist derzeit nicht möglich", heißt es auf der Internetseite des AuswĂ€rtigen Amtes. Deutsche Staatsangehörige werden aufgefordert, Afghanistan zu verlassen.

Flucht auf dem Landweg ist hochgefÀhrlich

Obwohl das Außenministerium mit den angrenzenden LĂ€ndern wie Pakistan, Tadschikistan und Usbekistan GesprĂ€che zum Thema Grenzmanagement fĂŒhrt, ist das Risiko einer Ausreise ĂŒber den Landweg derzeit kaum kalkulierbar.

"Die Grenzen sind dicht und werden von den Taliban kontrolliert", erklĂ€rt Naqi A. "Die Reise ist fĂŒr drei Frauen und ein Kleinkind ohne mĂ€nnliche Begleitung ohnehin viel zu gefĂ€hrlich." Derzeit könne man nicht viel mehr tun als abzuwarten.

Kontakt nur via WhatsApp

Das Einzige, was die Hoffnung des besorgten Vaters auf eine unversehrte RĂŒckkehr seiner Familie noch aufrechterhĂ€lt, ist der regelmĂ€ĂŸige Kontakt ĂŒber Videotelefonie – sofern die Mobilfunkverbindung durchhĂ€lt: "Ihnen geht es so weit gut, da besteht momentan keine Gefahr."

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Naqi A. weiß selbst von vier weiteren Familien aus Bonn, die ebenfalls in Kabul festsitzen – SonderpĂ€dagoge Jakubik von dreizehn Kindern und drei MĂŒttern, die es bislang noch nicht geschafft haben auszureisen. "Noch denke ich positiv", erklĂ€rt Herr A. gefasst, "aber meine Familie muss sich verstecken und hat Angst. Zur Not muss ich selbst nach Afghanistan reisen. Ich wĂŒrde meinen Kopf fĂŒr meine Kinder hinhalten, ein anderer macht das nicht."

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