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Hamburg | Drogenkrieg: "Die Polizei ist nicht ausreichend ausgestattet"


Hier eskaliert die Gewalt auf offener Straße
"Dann ist das für mich Krieg"

  • Carsten Janz
  • Gregory Dauber
Von Carsten Janz, Gregory Dauber

Aktualisiert am 02.02.2023Lesedauer: 6 Min.
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"Dann ist das für mich Krieg": Hier eskaliert die Gewalt auf offener Straße. (Quelle: t-online)

Der Drogenkrieg auf Hamburgs Straßen wird immer offensiver geführt – mit Waffen vom Schwarzmarkt. Das Brisante: Die Polizei wusste seit Jahren Bescheid.

Der schwarze Audi Q8 ist durchsiebt. Mindestens 20 Schüsse sollen Unbekannte in kürzester Zeit auf ihn abgegeben haben. Die beiden jungen Männer im Wagen überleben, der mehrfach getroffene Fahrer muss notoperiert werden. Auch Wochen später sind die Einschusslöcher noch in Gartenzäunen am Tatort im Hamburger Stadtteil Tonndorf zu finden. Dass in aller Öffentlichkeit geschossen wird, ist in Hamburg kein Einzelfall.

Denn in der Hansestadt häufen sich die Schießereien mit Toten und Schwerverletzten, die eng mit der Rauschgiftkriminalität zusammenhängen. Die Szene ist offenbar gut ausgestattet mit Waffen, die auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden – darauf deuten Dokumente hin, die t-online vorliegen. Doch die Polizei, so scheint es, hat all dem wenig entgegenzusetzen. Jan Reinecke ist Landesvorsitzender beim Bund Deutscher Kriminalbeamter und warnt vor einer neuen Tätergeneration, die vor Waffengebrauch nicht zurückschreckt. "Wenn in Hamburg auf offener Straße geschossen wird, ist das für mich Krieg", sagt er.

"Die Hamburger Polizei hat nicht begriffen, dass wir ein Problem mit Schusswaffen haben, die Dealern zur Verfügung stehen", sagt Reinecke. Er vertritt rund 1.500 Kriminalpolizisten und hat tiefe Einblicke in die Organisation. Die Polizei sei gnadenlos unterbesetzt, und die Kolleginnen und Kollegen könnten so nicht mal ansatzweise vor die Lage kommen. "Wir können immer nur reagieren."

Der Drogenhandel in Hamburg floriert

Wie dramatisch die Lage tatsächlich ist, darüber geben gerade die sogenannten Encro-Chat-Verfahren einen Einblick. Encro-Chat war ein Unternehmen, das Handys anbot, mit denen verschlüsselte Nachrichten ausgetauscht werden konnten. Mitglieder der organisierten Kriminalität nutzen sie weltweit für den Handel mit Drogen, Waffen und Menschen. Der Dienst war eine Art "WhatsApp für Gangster", lesen Sie hier mehr dazu. Französischen Ermittlern gelang es, in das Netzwerk einzudringen und Daten abzugreifen.

"Diese Erkenntnisse haben uns die Augen geöffnet für das, was in Hamburg los ist und an der Kriminalpolizei vorbeigegangen ist", sagt der Polizeigewerkschaftler. Bei Durchsuchungen seien regelmäßig auch vollautomatische Waffen sichergestellt worden, der Drogenhandel floriere. Hunderte Tatverdächtige ergaben sich daraus allein in Hamburg – jedoch mit jahrelanger Verzögerung. Bei der Polizei stapeln sich laut Reinecke mehr als 10.000 unbearbeitete Strafanzeigen, sichergestellte Geräte wie Handys könnten erst nach Monaten ausgewertet werden.

Große Autos, viel Bargeld, keine Termine: So skizziert Reinecke das Milieu. Bei den Streitigkeiten, die zuletzt immer wieder blutig endeten, gehe es um die Marktmacht. "Bisher galt das Credo: Man nimmt nicht die Schusswaffe in die Hand und setzt seine Macht durch, weil das schlecht fürs Geschäft ist. Dann gucken nämlich alle hin", sagt Reinecke. Inzwischen sei den Tätern das offenkundig egal.

Nicht immer enden die Schusswechsel ohne Todesopfer. Eine Auswahl aktueller Fälle, die Experten wie Reinecke dem Hamburger Drogenmilieu zuschreiben:

  • 27. Juli 2022: Ein 27-jähriger Mann wird in einer Shishabar im Stadtteil Hohenfelde mit Schüssen in den Kopf und den Oberkörper hingerichtet. Das Opfer Terry S. wird unter anderem von Hells-Angels-Größen im Internet betrauert.
  • 19. September 2022: Ein 23-Jähriger stirbt im niedersächsischen Stade im Imbiss-Restaurant seines Vaters, in dem er arbeitet. Der mutmaßliche Täter kommt aus Hamburg und verletzt auf der Flucht einen weiteren Mann, bevor er festgenommen wird.
  • 21. September 2022: Ein 37-jähriger Mann überlebt, nachdem er auf der Veddel, einem Stadtteil im Hamburger Bezirk Mitte, am Kopf angeschossen wird. Der oder die Täter flüchten. Die Tat findet im Umfeld eines Fußballvereins statt, der vom Rapper Milonair gegründet wurde.
  • 10. Januar 2023: Im Hamburger Stadtteil Tonndorf werden zwei 26- und 30-jährige Männer in ihrem Wagen beschossen, einer wird schwer verletzt. Die beiden sollen Medienberichten zufolge auch zurückgeschossen haben.
  • 19. Januar 2023: Unbeteiligte Zeugen finden einen schwer verletzen Mann in einer Grünanlage in der Nähe eines großen Einkaufzentrums im Stadtteil Osdorf. Drei mutmaßliche Täter flüchten. Die Polizei geht davon aus, dass sich Täter und Opfer kannten.

"Obendrüber steht immer das Rauschgiftdelikt, und die Waffe ist dann irgendwie da." Woher kommen die Waffen der Dealer, nach denen laut Reinecke zu wenig systematisch gesucht werde?

Krimineller verkauft Hunderte Waffen

Viele der Waffen, so scheint es, stammen vom Schwarzmarkt. Darauf deutet auch ein Verfahren gegen den Waffenhändler Guido W. hin, den das Landgericht Hamburg im November 2021 zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt hat. Die Richter waren überzeugt, dass W. illegal Waffen gekauft und auch wiederverkauft hat. Dabei geht es nicht um einige wenige Waffen, sondern um mehr als einhundert Stück. Darunter Maschinenpistolen, Maschinengewehre und auch Schießkugelschreiber.

In einem abgelegenen Bunker in Hamburg-Langenhorn hatte Guido W. die Waffen in einem Tresor gelagert und hauptsächlich an Mitglieder der organisierten Kriminalität verkauft. W. ist schon 2014 in einem Verfahren aufgetaucht, bei dem es um illegale Waffengeschäfte ging. Damals ließen die Gerichte Guido W. mit einer milden Strafe davonkommen – offenbar ein folgenschwerer Fehler.

Auf diesen Fehler hingewiesen hatte der Journalist und Waffensachverständige Lars Winkelsdorf. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem verurteilten Waffenhändler Guido W. Er hatte Mitte vergangenen Jahres einen offenen Brief an die Polizeiführung in Hamburg geschrieben. Darin beklagte er den fehlenden Aufklärungswillen der Polizei im Waffenhandel und wies schon im Juli darauf hin, dass er einen Krieg auf Hamburgs Straßen fürchte. "Dass das Milieu irgendwann die Waffen einsetzt, die vor allem Guido W. geliefert hat, war klar. Die Frage war nur, wann", ist er überzeugt. "Die Behörden hätten es verhindern können"

Dass Guido W. gute Verbindungen in die organisierte Kriminalität hat, sei spätestens in den Ermittlungen gegen ihn klar geworden. Er stand nämlich im regelmäßigen Kontakt zu diversen Drogenhändlern. Die fehlende Aufklärung, an wen die Waffen gingen, kritisiert Winkelsdorf und sagt, dass so "die Sicherheit der Hamburger Bevölkerung" aufs Spiel gesetzt wurde.

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t-online liegt das Urteil gegen W. vor. Auf Seite 79 wird eine Liste erwähnt, auf der unterschiedlichen Waffen stehen. Es geht um 30 Skorpion-Maschinenpistolen, zwei MG 42, das Maschinengewehr der Wehrmacht, das als "Hitlersäge" bekannt ist, 20 Uzi und mehr als 80 Pistolen mehrerer Typen. Hinter den Waffen stehen handschriftlich Preise. Doch längst nicht alle Waffen, die auf dieser Liste standen, wurden im Laufe der Ermittlungen gefunden. So wurde W. lediglich wegen des Handels mit drei Ceska-Pistolen, vier, nicht 20 Skorpions, und keiner Uzi verurteilt.

Das heißt: Es sind sehr wahrscheinlich noch mehr als 40 Waffen von Guido W. im Umlauf. Und das ist nicht alles. Denn das Gericht hat auch festgestellt, dass W. im Jahre 2020 Waffen von einem Mittäter erhalten hatte. Auch noch einmal 30 Skorpions, zehn bis 15 Uzis und fünf Pistolen der Marke Sig Sauer. Von diesen Waffen fehlt jede Spur.

"Die Hamburger Polizei ist einfach nicht ausreichend ausgestattet für solche Einsätze. Waffenermittlungen fallen hinten runter, weil nicht genügend Personal da ist", sagt Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

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Was machen die Behörden?

Welche Maßnahmen haben die Polizei und die Staatsanwaltschaft ergriffen, um die fehlenden Waffen zu finden? Das hat t-online die zuständigen Behörden gefragt. Die Staatsanwaltschaft schreibt: "Die Ermittlungen in dem Verfahren dauern an." Das Urteil gegen W. ist mittlerweile aber schon mehrere Jahre alt.

Die Polizei hingegen deutet die zunehmenden Schießereien auf Hamburgs Straßen als Folge ihrer Ermittlungserfolge. Polizeichef Ralf Martin Meyer feiert die Arbeit seiner Behörde regelrecht. Erst durch die Ermittlungen in der Szene seien die Drogendealer aufgeschreckt worden. Durch die Auswertung der Encro-Chat-Handys hätten die Hamburger Ermittler 260 Haftbefehle vollstrecken können. Ein Sprecher schreibt: "Bisherige Strukturen verändern sich also, und das kann zu solchen Taten führen." Und: "Wir gehen mit aller Konsequenz des Rechtsstaates gegen solche Täter vor."

BDK nimmt Polizeichef in die Pflicht

Jan Reinecke vom BDK sagt, er könne der Logik des Polizeichefs nicht folgen: "Ich kann nicht akzeptieren, dass sich in Hamburg Menschen in aller Öffentlichkeit beschießen, nur weil die Polizei gründlich und gewissenhaft arbeitet." Die Polizei müsse in die Lage kommen, an den Täterstrukturen dran zu sein. "Wir müssen wissen, wer mit wem Streit hat", fordert er.

Noch werde in der Bekämpfung von Rauschgiftkriminalität der falsche Schwerpunkt gesetzt: Es werde zu stark auf die offene Dealerszene geschaut und zu wenig auf die dahinter liegenden Strukturen der organisierten Kriminalität. "Die Politik investiert immer nur dort, wo man Unordnung und Kriminalität wahrnimmt, weil der Bürger das nicht verzeiht und bei Wahlen entscheidet, wer Innensenator sein darf und wer nicht", sagt Reinecke. Wer organisierte Kriminalität bekämpfen wolle, der müsse auch hinschauen.

Polizei tappt im Dunkeln

Zwar arbeiten im Bereich der organisierten Kriminalität bei der Polizei Hamburg 300 Personen. Das sei aber eine Schattenzahl. "Echte Kriminalbeamte sind davon höchstens die Hälfte, und nicht alle sind in Vollzeit", sagt Reinecke. Es müsse viel genauer hingeschaut werden: "Wir müssen akzeptieren, dass diese kriminellen Strukturen da sind und Einfluss auf die Justiz, die Politik und die Medien nehmen", fordert Reinecke. Neben mehr Personal brauche es außerdem bessere Technik: "So, wie wir im Moment ausgerüstet sind, bekämpft man nicht organisierte Kriminalität. Und das wird schamlos ausgenutzt."

Reinecke fordert für Hamburg eine "ordentliche Abteilung für organisierte Kriminalität, dann wären viele Gangster schon im Gefängnis und wir könnten die Zusammenhänge erkennen." Doch stattdessen gingen die Auseinandersetzungen innerhalb der Szene weiter. Mit Schießereien auf offener Straße. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis unbeteiligte Zivilisten oder Polizeibeamte Schaden nehmen.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • Interview mit Jan Reinecke, Landesvorsitzender Hamburg beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK)
  • Schriftliches Urteil gegen Guido W.
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