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Hamburger Tafel in Not: "Zu viele Menschen fragen gerade nach unserer Hilfe"


"Zu viele Menschen fragen gerade nach unserer Hilfe"


Aktualisiert am 05.12.2022Lesedauer: 4 Min.
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Jan Henrik Hellwege, Geschäftsführer der Hamburger Tafel, steht im Eingang einer Lagerhalle: Immer mehr Bedürftige sind auf Unterstützung angewiesen.Vergrößern des Bildes
Jan Henrik Hellwege, Geschäftsführer der Hamburger Tafel, steht im Eingang einer Lagerhalle: Immer mehr Bedürftige sind auf Unterstützung angewiesen.

Die Hamburger Tafel ist in Not: Sie bekommt die Auswirkungen der rasanten Preissteigerungen und des Krieges in der Ukraine unmittelbar zu spüren. "Wir drehen im Moment ziemlich frei", sagt ihr Chef zu t-online.

Jeden Mittwochmorgen um 5 Uhr ist Jan Henrik Hellwege mit einem Lkw auf dem Großmarkt Hamburg an den Elbbrücken. Der Geschäftsführer der Hamburger Tafel sucht dort neue Lebensmittelspender. Die Tafel ist auf solche Spenden angewiesen, doch seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine stockt der Nachschub. Die zunehmende Inflation treibt außerdem immer mehr Menschen in die Bedürftigkeit.

Bis zu 40.000 Hamburgerinnen und Hamburger profitieren in mehr als 90 sozialen Einrichtungen von der Ware, die von der Tafel verteilt wird. "Manche bekommen einen Teller warme Suppe, andere bekommen für ihre Familie zwei volle Einkaufstüten", berichtet Hellwege. "Zu viele Menschen fragen gerade gleichzeitig nach unserer Hilfe." Vor der Corona-Pandemie habe die Zahl noch bei etwa 30.000 gelegen.

Hamburger Tafel verteilt Lebensmittel mit eigenen Fahrzeugen

Nicht die Geflüchteten seien das größte Problem, es sei vielmehr der Preisanstieg für normale Lebensmittel. "Klar ist: Wenn man einer Person geholfen hat, hat man einer anderen nicht geholfen", sagt Hellweg. Von dieser Denkweise sei er aber schon lange weggekommen. "Ich sehe vor allem, wie vielen Leuten wir jeden Tag helfen."

Die Tafel verteilt selbst nicht an die Endabnehmer, sie kümmert sich in Hamburg ausschließlich um die Logistik – und das ist eine Meisterleistung: 90 Tonnen werden pro Woche umgeschlagen, 16 eigene Lieferwagen mit Kühlung sind dafür unterwegs. Was die Planung angeht, ist die Tafel das Gegenteil von einem Gastronomen mit eigenem Restaurant: "Wir wissen genau, was unsere Leute brauchen und wollen. Nur den Wareneingang, den können wir nicht kalkulieren", sagt Hellwege.

Haltbare Produkte sind für die Tafel Mangelware

Die Tafel versuche, möglichst vitaminreiche, gesunde und frische Ware anzubieten, erklärt Hellwege. Doch natürlich gehe es nicht ohne haltbare Produkte wie Nudeln, Reis, Mehl, Zucker und Konserven – die sind derzeit aber Mangelware. "Diese Produkte sind zuletzt weggebrochen. Da bleibt für uns fast nichts mehr übrig."

So können Sie helfen:
Die Hamburger Tafel arbeitet rein spendenfinanziert, auch Fördermitgliedschaften sind möglich. Spendenkonto: Hamburger Tafel e.V., Hamburger Sparkasse, IBAN: DE65 2005 0550 1217 1305 15. Weitere Informationen unter hamburger-tafel.de.

Insbesondere Konserven werden für Geflüchtete aus der Ukraine gebraucht und gehen in Lastwagen an die ukrainisch-polnische Grenze, doch auch die Händler und Produzenten rationieren den Nachschub. Hellwege berichtet, dass er schon Tausende Euro in die Hand nehmen wollte, um selbst Nudeln zu kaufen – ein internationaler Großhändler habe die Tafel als Neukunden aber abgewiesen.

Händler und Erzeuger spenden vor allem Frischware

Die meisten Waren, die der Tafel gespendet werden, kommen direkt von Händlern und Erzeugern, denen die Mindesthaltbarkeit der Produkte nicht mehr ausreicht. "Ich kann das feiern, weil ich die Sachen dann ja verteilen darf. Aber eigentlich ist das nur verrückt." Dieses System ist der Grund, warum Nudeln und Konserven, aber auch Hygieneartikel für die Tafel kaum mehr zu bekommen sind. "Das kann viel leichter abverkauft und gelagert werden als Frischware", sagt Hellwege.

Während der Nachschub wegbricht, werden die Schlangen vor den Ausgabestellen immer länger. Viele Einrichtungen führen Wartelisten, einige haben einen kompletten Aufnahmestopp für Neukunden verhängt. "Wenn wir mehr liefern könnten, würde das sofort wegkommen. Dann muss ich aber fragen: Wo sollen wir das hernehmen?" Neue Großspender von Lebensmitteln gebe es schon seit einiger Zeit nicht mehr.

"Niemand stellt sich da an, wenn es nicht wirklich notwendig ist."

Wer sich Lebensmittel bei einer Ausgabestelle abholt, sei darauf angewiesen, sagt Hellwege. "Niemand stellt sich da an, wenn es nicht wirklich notwendig ist." So gut wie alles werde teurer, und Produkte im Billigsegment seien in ganz Hamburg oft vergriffen, so der Tafel-Chef. "Klar freuen sich die Leute, wenn es mal ´ne Packung Chips gibt. Aber damit ernährt man keine Familie."

In unmittelbarer Nachbarschaft der Tafel in Jenfeld betreibt der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) eine Ausgabestelle. Horst Lantsch koordiniert als Ehrenamtlicher die Lebensmittelausgabe. Der 75-jährige Pensionär kommt einen Tag pro Woche für mindestens acht Stunden. Als er vor einem kleinen Tisch mit Konserven und anderen haltbaren Lebensmitteln steht, blickt er ungläubig drein: "Das ist alles? Was soll ich damit anfangen?"

Mehr als 150 Familien werden vom ASB in Jenfeld versorgt – 40 stehen auf der geschlossenen Warteliste. "Die Leute sind natürlich nicht begeistert, wenn sie lange anstehen müssen und nur wenig abkriegen", berichtet er. Obst und Gemüse gebe es genug, sagt Lantsch. An diesem Tag sind aber auch frische Backwaren rar.

Tafel verteilt den Lebensmittel-Überfluss dorthin, wo er gebraucht wird

"Unsere Partner kennen uns seit vielen Jahren und sind geduldig", sagt Jan Henrik Hellwege. "Dabei stehen die voll unter Druck und kriegen den Frust der Leute ab, die stundenlang vor der Tür gewartet haben. Forderungen, etwa an die Politik, will er nicht stellen. "Wir verteilen den Überfluss dahin, wo er gebraucht wird. Das ist als Aufgabe groß genug."

Für die Tafel gibt es ein weiteres Problem, ein finanzielles: die Kosten für Energie und Kraftstoffe. Die 16 Transportfahrzeuge der Tafel legen jede Woche rund 3000 Kilometer zurück, zum Lager gehören drei Kühlräume. Mehrere Tausend Euro im Monat werden deshalb zusätzlich fällig. "Das frisst uns richtig die Substanz weg", klagt Hellwege.

Großzügige Geldspenden Einzelner würden zwar helfen, böten aber keine Sicherheit. "Das ist eine dauerhafte Stresssituation." Wichtig wären laut Hellwege mehr Fördermitgliedschaften à 20 Euro im Monat. Von denen gebe es aber nur 400.

Verwendete Quellen
  • Recherche und Gespräche bei der Hamburger Tafel und beim ASB in Jenfeld
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