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Aus dem Leben einer Long-Covid-Patientin: "Ich bin raus aus der Welt"

Von Gregory Dauber

Aktualisiert am 30.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Long-Covid-Patientin Kristina Neumann sitzt auf ihrem Sofa im Wohnzimmer: Unruhige Umgebungen ersch├Âpfen sie innerhalb k├╝rzester Zeit.
Long-Covid-Patientin Kristina Neumann sitzt auf ihrem Sofa im Wohnzimmer: Unruhige Umgebungen ersch├Âpfen sie innerhalb k├╝rzester Zeit.
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F├╝r Kristina Neumann ist Corona noch l├Ąngst nicht vorbei: Sie leidet seit mehr als einem Jahr an Long Covid und spricht mit t-online ├╝ber eine Krankheit, die noch weitgehend unerforscht ist.

Etwa zehn Prozent aller Personen mit sogenannten milden Verl├Ąufen haben noch drei Monate nach der Infektion mit schwerwiegenden Folgen zu k├Ąmpfen und leiden an Long Covid. Soweit die aktuelle Studienlage ÔÇô wirklich belastbare Zahlen gibt es nicht. t-online hat mit einer Betroffenen ├╝ber ihre Krankheit gesprochen, die vor zwei Jahren noch keinen Namen hatte. Bis heute fehlt es an erprobten Tests und Therapien.

Kristina Neumann (Name ge├Ąndert; Anm. d. Red.) bittet um ein Treffen in ihrem Reihenhaus in Wedel vor den Toren Hamburgs. Ein Treffen im Caf├ę sei wegen der Umgebungsger├Ąusche zu anstrengend, sagt sie am Telefon. Zu Hause k├Ânne sie sich au├čerdem hinlegen, das spare Kraft. Schon beim ersten Kontakt wird deutlich, wie massiv die Krankheit das Leben der 50-J├Ąhrigen beschneidet.

Hamburg: Betroffene berichtet vom Leben mit Long Covid

In der Wedeler Vorort-Idylle ist es gr├╝n und ruhig. Weil der Nachbar gerade den Rasen m├Ąht, muss das Gespr├Ąch aber im Wohnzimmer stattfinden. "Ich kann mit solchen Ablenkungen einfach nicht umgehen. Das ├╝berfordert mich", sagt sie fast entschuldigend. Die zweifache Mutter sieht nicht krank aus. Ihr Blick aber ist ersch├Âpft. Das ist es, was Long Covid f├╝r sie ausmacht: Ersch├Âpfung.

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Kristina Neumann in ihrem Garten: Die Ruhe ihres Wohnortes hilft ihr, mit ihrer Erkrankung klarzukommen.
Kristina Neumann in ihrem Garten: Die Ruhe ihres Wohnortes hilft ihr, mit ihrer Erkrankung klarzukommen.

"Ich bin raus aus der Welt", sagt Neumann. Sie verbringt ihre Tage zu Hause, muss jede Belastung mit all ihren Nachwirkungen bedenken und voraussehen. "Diese Krankheit ist so absolut. Ich muss oft gar nicht ├╝berlegen, was geht und was nicht geht: Es geht einfach nicht." Wie ein Ei ohne Schale sei sie, k├Ânne sich vor ├Ąu├čeren Einfl├╝ssen nicht sch├╝tzen.

Infektion mit Corona wenige Wochen vor erster Impfung

Der 5. Februar 2021 ist der Tag, an dem sich f├╝r Kristina Neumann alles ver├Ąndern sollte. Nach einer schlechten Nacht und mit erh├Âhter Temperatur ging sie zum PCR-Test: positiv. Schnelltests gab es zu dieser Zeit noch nicht. Als Apothekerin w├Ąre sie vermutlich ein paar Wochen sp├Ąter geimpft worden. Die Erkrankung verlief mild, ohne schwere Symptome. Sie fing bald wieder an, zu arbeiten.

Die Teilzeitarbeit in der Apotheke tat ihr nicht gut, schnell wurde die Belastung zu gro├č. "Damals wollten alle ihre Impfzertifikate, das war chaotisch. F├╝r mich ging es nicht mehr, regelm├Ą├čig bin ich schon donnerstags zusammengebrochen." Neben der tiefgreifenden Ersch├Âpfung hat sie schwere Konzentrationsschwierigkeiten. "Es gab Phasen, da konnte ich gar nichts mehr. Nichts lesen, nichts angucken. Selbst Radio ist dann zu viel."

Im Wohnzimmer h├Ąngen noch Luftballons von Kristina Neumanns 50. Geburtstag: Die Feier musste ausfallen.
Im Wohnzimmer h├Ąngen noch Luftballons von Kristina Neumanns 50. Geburtstag: Die Feier musste ausfallen.

├ťberanstrengung kann wochenlangen Einbruch bedeuten

Auf eine ├ťberbelastung folgt ein bis zwei Tage sp├Ąter der Einbruch, das ist das Muster ihrer Krankheit. Manchmal kommt sie nach wenigen Tagen wieder auf die Beine. Nach einem Versuch im Herbst, leichten Sport zu treiben, liegt sie mehr als zwei Wochen fast 20 Stunden am Tag im Bett. "Alles hat aufgemacht und ich konnte nichts machen." Ihre Abos f├╝r das Thalia-Theater und die Elbphilharmonie in Hamburg hat sie abgegeben.

"Das macht depressiv. Aber Long Covid ist keine Depression, da helfen keine Psychopharmaka", sagt sie ÔÇô auch zu sich selbst. Das sei ein entscheidender Punkt auf dem Weg zu langsamer Besserung: Akzeptanz der eigenen Krankheit. "Das hilft auch gegen├╝ber anderen Leuten, die sagen: Jetzt muss es doch mal besser werden." Der gesellschaftliche Druck, zu funktionieren, sei die gr├Â├čte Belastung von allen.

Das sagt der Expertenrat:
Der ExpertInnenrat der Bundesregierung zu Covid-19 hat sich am 15. Mai in einer Stellungnahme zu Long Covid ge├Ąu├čert. Darin hei├čt es: "Die Auswirkungen dieser potenziell langfristigen Komplikationen auf die Gesellschaft und das Sozialversicherungs- und Gesundheitssystem sind angesichts der hohen Infektionszahlen von hoher gesamtgesellschaftlicher Bedeutung." Demnach handele es sich "um einen komplexen Krankheitszustand, bei der die Lebensqualit├Ąt der Betroffenen ├╝ber lange Zeit erheblich eingeschr├Ąnkt sein kann."

"Konnte meiner Tochter keine emotionale Aufmerksamkeit schenken"

Ihre Kinder mussten lernen, dass ihre Mutter nicht mehr dieselbe ist. "Es war mir egal, was mit der W├Ąsche oder dem Essen war. Ich konnte mich nicht darum k├╝mmern", berichtet Neumann. Die st├Ąndige ├ťberforderung habe sie zunehmend gereizt werden lassen. Insbesondere f├╝r den Umgang mit ihrer 18-j├Ąhrigen Tochter, die mit einer geistigen Behinderung geboren wurde, sei das schwierig gewesen. "Ich konnte ihr keine emotionale Aufmerksamkeit mehr schenken, aber genau das braucht sie."

Seit fast einem Jahr geht sie in die Long-Covid-Ambulanz der Asklepsios Klinik in Hamburg-Langenhorn. Dort wird sie von Neurologen und Psychologen betreut. "Die Berichte der ├ärzte dort helfen mir zu verstehen, was mit mir los ist", erkl├Ąrt Neumann. Das Problem: Noch l├Ąsst sich die Erkrankung nicht an Blutwerten messen, es gibt keine Testverfahren daf├╝r. Was ihr hilft, ist das genaue Beobachten ihrer Aktivit├Ąten und der daraus folgenden Symptome. Alles wird in Tageb├╝chern dokumentiert.

Kristina Neumann blickt auf ihr Long-Covid-Tagebuch: Um die Krankheit besser zu verstehen, f├╝hrt sie Protokoll ├╝ber Belastungen und deren Folgen.
Kristina Neumann blickt auf ihr Long-Covid-Tagebuch: Um die Krankheit besser zu verstehen, f├╝hrt sie Protokoll ├╝ber Belastungen und deren Folgen.

Gezielte Belastungssteuerung ist der einzige Therapieansatz

Diese Form der Therapie nennt sich "Pacing", abgeleitet vom englischen Wort f├╝r Tempo. Das Tempo des eigenen Lebens unter Kontrolle zu halten und niemals die Grenze zu ├╝berschreiten, darum geht es. Neumann spricht von einer Schaukel, mit der sie sich immer weiter hochschaukelt, wie ein z├Âgerliches Kind auf dem Spielplatz. "In diesem Zustand komme ich klar und kann sagen: Mir geht es gut. Aber eigentlich bin ich schwer krank."

Sie habe keine Zukunftsangst, sagt sie. "Ich bin wirtschaftlich durch das laufende Krankengeld abgesichert. Und nach einer Genesung hoffe ich, wieder in meinem Beruf als Apothekerin arbeiten zu k├Ânnen." Die gro├če Krise ihres Lebens habe sie bereits durchschritten, als bei ihrer damals 18 Monate alten Tochter die Behinderung festgestellt worden sei. "Seitdem bin ich desillusioniert und wei├č, was es f├╝r Menschen bedeutet, als krank wahrgenommen zu werden."

Betroffene fordern viel mehr Aufmerksamkeit f├╝r Long Covid

Manchmal frage sie sich aber, was in zehn Jahren mit ihr ist. Niemand kann es ihr sagen. Deswegen wolle sie mit ihrem Leid auch an die ├ľffentlichkeit. "Es braucht viel mehr Aufmerksamkeit f├╝r Long Covid. Wir brauchen Studien, ├ärzte, Medikamente und vor allem Geld." Die Politik reagiere viel zu wenig auf die neue Krankheit. "F├╝r Long-Covid-Patienten gibt es derzeit keinen Horizont."

Um mit der Unsicherheit klarzukommen, ist sie Teil einer Selbsthilfegruppe. "Wo stehe ich, wo die anderen? Es hilft, dar├╝ber zu sprechen." F├╝nf bis sechs Leute sind in der Gruppe, die sich online trifft. Reale Treffen w├Ąren f├╝r alle zu anstrengend. Es gebe zwar viel mehr Anfragen, aber viele w├╝rden nie dazukommen. "Mutma├člich ist denen das zu viel. Ich muss auch oft fr├╝her abbrechen", berichtet Neumann.

Sie hat viele Arztbesuche hinter sich. Die ├ärzte sind meist interessiert, medikament├Âse Therapien gibt es aber keine. Ihr neuer Hausarzt wird bald mit einer umfangreichen Ausschlussdiagnostik beginnen, um die Diagnose "Chronisches Fatigue-Syndrom" stellen zu k├Ânnen. Den Arzt musste sie wechseln, weil sie sich von ihrem vorherigen Hausarzt nicht ernst genommen f├╝hlte. "Der hat mich in die Psycho-Ecke geschoben."

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