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Daniele Ganser in Hannover: OB Belit Onay auf Demonstration gegen Auftritt


Grüner OB kontert "Verschwörungsguru"
Daniele Ganser tritt vor tausenden Gästen auf

Von t-online, pas

Aktualisiert am 09.03.2023Lesedauer: 4 Min.
Daniele Ganser warnt bei einem Auftritt vor US-Imperialismus (Archivbild): Am Donnerstag tritt der Schweizer Historiker in Hannover auf.Vergrößern des BildesDaniele Ganser warnt bei einem Auftritt vor US-Imperialismus (Archivbild): Am Donnerstag tritt der Schweizer Historiker in Hannover auf. (Quelle: Tim Carmele/imago-images-bilder)
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Am Donnerstagabend tritt der umstrittene Historiker Daniele Ganser in Hannover auf. Vor Veranstaltungsbeginn demonstriert ein breites Bündnis vor dem HCC.

Wenn Donnerstagabend der umstrittene Historiker Daniele Ganser in Hannover die Bühne betritt, spricht auch Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) auf einer Gegenkundgebung. Ein breites Bündnis aus Politik, Gewerkschaften, Vereinen, Verbänden und jüdischen Gemeinden hat zu einer Kundgebung auf dem Theodor-Heuss-Platz vor dem Kuppelsaal des Hannover Congress Centrum (HCC) geladen. An diesem kalten Winterabend wird allerdings einige Anstrengung nötig sein, um mehr Personen zusammenzubringen, als der Schweizer Daniele Ganser: Dessen Vortrag zu der Frage "Warum ist der Ukraine-Krieg ausgebrochen?" ist ausverkauft – 3.570 Menschen finden im Kuppelsaal Platz.

Bereits am Mittwoch sprach der selbsternannte Friedensforscher vor rund 1.700 Gästen in Kiel, am Dienstag davor in Rostock vor 2.900 bezahlenden Gästen. In Hannover, wo die Tickets im Vorverkauf rund 32,50 Euro gekostet haben, spült das rund 100.000 Euro in die Kassen des durchaus charismatischen Schweizers. Unter dem Deckmantel des promovierten Historikers verleiht dieser seinen Auftritten eine scheinbar seriöse wissenschaftliche Note. Einen Lehrauftrag hat Ganser jedoch seit mehreren Jahren nicht mehr. Hauptsächlich finanziert er sich durch Buchverkäufe und Videokurse an seine treue Kundschaft – und Spenden. In diesem Jahr kommen dann noch die Einnahmen seiner Tour obendrauf.

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Hannover: Demonstration gegen Ganser am Theodor-Heuss-Platz

Neben Oberbürgermeister Onay werden ab 19 Uhr auch Vertreter von Hannovers jüdischen Gemeinden auf dem Theodor-Heuss-Platz unter dem Motto "Gemeinsam gegen Ganser" vor dem HCC sprechen. Auch der "Freundeskreis Hannover e. V"., "Omas gegen Rechts Hannover", und der "HVD Niedersachsen" haben Redebeiträge angekündigt. Regionspräsident Steffen Krach (SPD) ist zwar aus terminlichen Gründen verhindert, will sich allerdings zuschalten lassen. Der sagte im Vorfeld der Veranstaltung: "Der geplante Auftritt des Verschwörungstheoretikers Daniele Ganser in Hannover ist ein Problem". Krach hätte sich gewünscht, dass Hannover den Beispielen von Dortmund und Nürnberg gefolgt wäre und die Veranstaltung in der Halle, die einer städtischen Tochter gehört, abgesagt hätte.

"Es gibt keine rechtliche Grundlage für das HCC, den Vertrag für eine Veranstaltung mit Herrn Ganser aufzukündigen“, hatte ein Sprecher der Stadt Hannover mitgeteilt. Für das HCC, Tochterunternehmen der Landeshauptstadt, bestehe die rechtliche Verpflichtung, Veranstaltungen unabhängig von den jeweils vertretenen Inhalten durchzuführen, so der Sprecher weiter. Dies gelte auch unabhängig von der Frage, ob die Veranstaltung politisch kritisiert werde oder nicht. "Anders wäre es nur, wenn erkennbar Gefährdungslagen vorliegen würden", sagt der Sprecher. Das wäre bei dem Auftritt von Daniele Ganser demnach nicht der Fall. Zudem befürchtete die Stadt eine Klage des Veranstalters. Daher setzt das Bündnis, das am Freitagabend in Hannover zusammenkommt, auf Zivilcourage.

Für Michael Fürst, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, eine schlechte Ausrede: In einem Gespräch mit der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (HAZ) sagte der: "Ich habe kein Verständnis für die Zurückhaltung der Stadt Hannover."

Erneuerung von Sophie-Scholl-Vergleichen

Der Historiker Daniele Ganser war in der Vergangenheit immer wieder mit fraglichen Thesen aufgefallen. So verglich er die "Angst vor der Pandemie" mit der "Angst vor der Diktatur." Im Rahmen einer Dokumentation zur Corona-Politik sagte Ganser, es herrsche "weltweit Wahnsinn" – eine Einschätzung, die er mit einem Holocaust-Vergleich untermauert. Dessen Wahnsinn, so Ganser, sei lokal gewesen. "Die Logik seiner Aussagen lautet, wenn man es zu Ende denkt: Die Ungeimpften sind die neuen Juden. Auch das ist eine Form des Antisemitismus", sagt die Sozialpsychologin Pia Lamberty. Erst vergangene Woche hatte Ganser nach t-online-Berichterstattung seinen Vergleich zu den Geschwistern Scholl erneuert.

Mitglieder der Piratenpartei Hannover hatten vergangene Woche das Vorgehen der Stadt kritisiert. Der Vorsitzende des Stadtverbandes, Thomas Ganskow, sagte t-online: "Da es sich beim HCC lediglich um eine ausgelagerte Tochter der Stadt handelt, hätte die Stadt hier sehr wohl Handhabe". Die Partei hatte eine Prüfung angekündigt, wie es zu dem Vertrag mit dem HCC kommen konnte. "Wir werden nicht lockerlassen", sagte Ganskow, der im Falle eines Stattfindens des Vortrags auch Konsequenzen im HCC gefordert hatte.

Veranstalter verteidigt Auftritt

Auf t-online-Anfrage hatte der Sprecher des Veranstalters Nema Entertaiment – im Auftrag von Daniele Ganser – erklärt, "dass Kritik an Regierungsentscheidungen in den Leitmedien immer weiter verloren geht und Personen, die sie dennoch üben, regelrecht bekämpft werden". Dies geschehe "durch üble Nachrede, falsche Behauptungen, hinterhältige Hetze und garstige Diffamierungen". Alle Vorwürfe gegen Ganser seien "in der Regel voneinander abgeschrieben, nicht nachrecherchiert und vollkommen haltlos".

Ob "Nachdenkseiten", "Rubikon" oder "KenFM": Ganser ist in den gängigsten Alternativmedien prominent vertreten. Auch "Compact" hat Ganser in der Vergangenheit Interviews gegeben. Inzwischen wird das Magazin vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Für Patrick Guyton von der "taz" ist Ganser ein "Verschwörungsguru".

Im Telegramkanal von Querdenker- und russlandnahen Gruppen hingegen wird die Veranstaltung weiter eifrig beworben. Die Telegramgruppe "Wendezeit Hannover", in der vor allem Verschwörungsmythen, russische Propaganda und Corona-kritische Beiträge geteilt werden, hat bereits ein Interview angekündigt, zu dem Ganser selbst bereits zugesagt hätte.

Verwendete Quellen
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