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Karlsruhe: Bruchsaler Lieferroboter sind die Paketboten der Zukunft

INTERVIEWMit Zukunftspreis ausgezeichnet  

Bruchsaler Lieferroboter sind die Paketboten der Zukunft

Von Ariane Lindemann

18.04.2021, 11:22 Uhr
Karlsruhe: Bruchsaler Lieferroboter sind die Paketboten der Zukunft . Ein Lieferroboter von Efeu-Campus: In den grünen Boxen werden die Pakete verstaut. (Quelle: Efeu Campus)

Ein Lieferroboter von Efeu-Campus: In den grünen Boxen werden die Pakete verstaut. (Quelle: Efeu Campus)

Seit Corona bestellen die Menschen noch mehr im Internet – das bedeutet volle Straßen durch Lieferfahrzeuge. Ein Forschungsteam aus dem Kreis Karlsruhe will das mit smarten Robotern ändern – und hat dafür sogar eine Auszeichnung bekommen.

Bruchsal ist bekannt für sein prunkvolles Barockschloss, den größten Spargelmarkt Europas und die häufigen Staumeldungen auf der A5. Doch neuerdings entwickelt sich die beschauliche Kraichgaugemeinde zur spannenden Zukunftsstadt. Auf einem Testgelände in der Alten Dragonerkaserne werden zurzeit autonome Lieferroboter erprobt, die künftig eine nachhaltige Alternative zu den großen Lieferwagen der Paketzusteller sein könnten. Diese belasten besonders auf der letzten Meile zunehmend den Innenstadtverkehr. Das Projekt ist nun im "RegioWIN 2030"-Wettbewerb des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden. Dabei fördert das Wirtschaftsministerium nachhaltige Innovationen.

Ein Gespräch mit Thomas Anderer, Leiter des Innovationszentrums Efeu Campus in Bruchsal über die zukunftsweisenden "Last Mile City Cabs".

t-online: Der Online-Handel boomt. Paketdienste verstopfen Innenstädte und Wohngebiete. Autonome Lieferroboter sollen in Zukunft den Innenstadtverkehr entlasten. Das Forschungsprojekt des Innovationszentrums Efeu Campus will mit autonomen Lieferrobotern auf eine emissionsfreie letzte Meile. Was können die kleinen grünen Wägelchen?

Thomas Anderer: Geplant ist, dass Paketdienstleister an ein Verteilzentrum am Stadtrand liefern und die Roboter das letzte Stück durch die Stadt übernehmen. Die Fahrzeuge sind vom Chassis her so aufgebaut, dass mehrere Paketstationen aufgesetzt werden können, sogenannte mobile post offices, die mit unterschiedlichen Türen versehen sind, die eine intelligente Trennung der Pakete erlauben.

Das Besondere ist die kontaktlose Lieferung.

Ja. Wir haben hier zwei Möglichkeiten. Bei der asynchronen Lieferung werden die Pakete über ein entsprechenden Übergabedock kontaktlos bis ans Haus geliefert. Synchrone Lieferung bedeutet: Ich kann per App bestellen und die Lieferung persönlich entgegennehmen.

Thomas Anderer (Archivbild): Er sprach mit t-online über das Forschungsprojekt mit den Lieferrobotern. (Quelle: Efeu Campus)Thomas Anderer (Archivbild): Er sprach mit t-online über das Forschungsprojekt mit den Lieferrobotern. (Quelle: Efeu Campus)

Auf dem Gelände der Alten Dragonerkaserne werden bereits heute 240 Test-Haushalte beliefert. Dort fahren die Lieferroboter noch in Begleitung von Menschen. Später sollen sie alleine durch die Straßen rollen. Viele Menschen sind noch ziemlich skeptisch, ob das alles so einfach klappt. Bedenken gibt es auch hinsichtlich möglicher Unfälle.

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass die Roboter rücksichtlos an einem vorbeirasen. Sie sind mit maximal 6 Km/h eher gemütlich unterwegs. Die Fahrzeuge verfügen über mehrere 3D-Kamera-Scanner, die alle im Chassis verbaut sind und sämtliche Aktionen und auch die Umgebung in Echtzeit "mitschneiden".

Die Fahrzeuge lernen mittels Künstlicher Intelligenz, das heißt, sie können Menschen erkennen und sich entsprechend bewegen und reagieren, stoppen und ausweichen. Für Notfälle gibt es im Quartiersdepot einen Operator, der in schwierigen Fällen eingreifen kann.

Die autonomen Lieferbots rollen auf den Gehwegen. Haben wir dann nicht bald das nächste Problem – die Fußgänger?

Es macht natürlich keinen Sinn, den Lieferverkehr eins zu eins von der Straße auf den Gehweg zu verlagern. Aber unser Ziel ist es, die Lieferungen stark zu entzerren. Durch viele unterschiedliche Paketdienste werden Haushalte zum Teil mehrmals am Tag angefahren. Dies wird mit den Lieferbots gebündelt. Zudem können wir wiederum Pakete mit ins Quartiersdepot zurücknehmen. Das spart ebenfalls Wege.

Wir verstehen uns als City-Labor, in dem unterschiedliche Technologien erforscht und eingesetzt werden. Geplant ist, nicht nur Roboterfahrzeuge, sondern auch autonom fahrende Lastenräder einzusetzen, Paketboten und Laufhunde – infrastrukturell immer an die jeweiligen Bedingungen angepasst.

Wenn zum Beispiel ein Straßenzug überwiegend aus Treppen besteht, machen die Lastenräder wenig Sinn. Dann muss man da nach anderen Möglichkeiten suchen. Bei allem, was wir jetzt tun, müssen wir herausfinden, ob der einzelne Prozess auch abbildbar ist. Diese Prozesserfahrung wird letztlich dann darüber entscheiden, welche Technologie wo sinnvoll und zukunftsfähig ist.

Das Forschungsprojekt ist dort angesiedelt, wo auch die Luftpioniere von "Volocopter" ihre Flugtaxis entwickeln, die gerade in Singapur erprobt werden. Geballtes smart-mobility-Knowhow in Bruchsal.

Wir haben unsere Roboterfahrzeuge innerhalb eines Jahres entwickelt. Das ist eine sehr kurze Zeit. Dies ist nur gelungen, weil ein äußerst leistungsstarkes Konsortium zusammengekommen ist. Wir haben die optimalen Kompetenzen aus der TechnologieRegion gebündelt.

Angefangen von SEW Eurodrive, die die Roboterfahrzeuge bauen, über das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das Forschungszentrum Informatik (FZI), die die Technologien wie z.B. die 3D-Kameras liefern oder auch das Karlsruher Unternehmen ptv, das Navigation und spezielle Kartierung beisteuert.

Gleichzeitig haben wir hier am Standort Bruchsal das Unternehmen Volocopter, das mit seinen Flugtaxis die vorletzte Meile übernimmt. Das bedeutet nicht zuletzt auch eine gewisse Neupositionierung der Stadt Bruchsal als Zentrum der smart mobility.

Eine "mobile Paketstation" (Visualisierung): Die Roboter sollen sich künftig an solchen Stationen die Pakete abholen. (Quelle: Efeu Campus)Eine "mobile Paketstation" (Visualisierung): Die Roboter sollen sich künftig an solchen Stationen die Pakete abholen. (Quelle: Efeu Campus)

Und wie ist das Feedback der Paketdienstleister?

Da rennen wir mit unseren Lieferbots nicht gerade offene Türen ein. Denn die Roboter nehmen ihnen ja den letzten Schritt in der Zustellung ab. Aber gerade aufgrund überflüssiger Mehrfachfahrten wäre das ja eine enorme Verbesserung.

Bedenken gibt es auch hinsichtlich der personenbezogenen Daten, die an das Quartiersdepot weitergegeben werden müssen. Hier schwebt uns vor, dass die Empfänger nicht ihre, sondern die Adresse vom Quartiersdepot angeben.

Sind Kooperationen mit den Paketdienstleistern denkbar?

Wenn die Paketdienstleister nicht selbst durch die Stadt fahren, fehlt ihnen auf den Fahrzeugen die Eigenwerbung. Deshalb erwarten sie, dass die Roboter mit ihren Brands ausgestattet werden, was wiederum einen riesen logistischen Aufwand für uns bedeuten würde. Das ist, wie alles andere auch, ein Erfahrungsprozess, der sich jetzt entwickeln muss.

Geplant ist, dass die Lieferroboter auch den Müll mitnehmen.

Ja, aber auch das ist wieder eine Prozessfrage. Menschen haben Dinge, die sie loswerden wollen. Elektroschrott, Batterien, Papier et cetera. Hier können zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem wir den Müll abtransportieren und so Leerfahrten vermeiden. Dies kann durch unterschiedlich farbige Boxen gelöst werden. Bei Bedarf wird das Fahrzeug beauftragt und vor Ort wird dann der entsprechende Behälter befüllt. Bei unseren Testhaushalten wird momentan Papier oder Elektroschrott von unseren Lieferrobotern angeholt.

Der stationäre Einzelhandel fürchtet, durch die autonome Lieferlogistik würde der Online-Handel weiter angefeuert. Ist das aus Ihrer Sicht berechtigt?

Diese Bedenken tauchen immer wieder auf. Ich glaube jedoch nicht, dass durch unser neues Logistiksystem der Einzelhandel Schaden nimmt. Die Erfahrung zeigt, dass auch große Firmen wie zum Beispiel Ikea oder Zalando die Nähe zu den Innenstädten suchen, um eine Same-Day-Delivery zu garantieren.

Der Handel muss sich allerdings überlegen, wie er seine Nischen noch besser ausbaut oder neue findet, um der Konkurrenz mit guten Angeboten zu begegnen. Diese Gesamtentwicklung kann durchaus einen Attraktivitätsgewinn für die Innenstädte, bzw. für den Einzelhandel bedeuten.

Geplant ist übrigens auch, dass wir im Quartiersdepot einen Shop haben, der Produkte aus der Region anbietet. Das könnte im ersten Schritt über eine App funktionieren, über die man Produkte bestellt, die beim Quartiersdepot abgegeben und von dort aus an den Kunden per Lieferbot ausgeliefert werden. Unser Ziel ist es, das Quartiersdepot grundsätzlich auch als Anlaufstation für regionale Anbieter und den Einzelhandel anzubieten.

Verwendete Quellen:

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