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Köln: Vergewaltigt und vergessen - Verein hilft Frauen über 60

Kampf gegen Tabu  

Vergewaltigt und vergessen: Kölner Verein hilft Frauen über 60

Thomas Dahl

27.02.2021, 07:30 Uhr
Köln: Vergewaltigt und vergessen - Verein hilft Frauen über 60. Eine Frau mit Verletzung am Auge (Symbolbild): Die große Mehrheit der Opfer von Gewalt in Partnerschaften ist weiblich. (Quelle: imago images/Photothek)

Eine Frau mit Verletzung am Auge (Symbolbild): Die große Mehrheit der Opfer von Gewalt in Partnerschaften ist weiblich. (Quelle: Photothek/imago images)

Sie werden bedroht, geschlagen, vergewaltigt und tauchen selten in Statistiken auf. Ein Kölner Verein unterstützt Frauen ab 60 Jahren, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Ein Kampf gegen das Verschweigen.

Es sind Zahlen, die erschrecken: Nach Erhebungen des Bundeskriminalamts waren 2019 von 141.792 Gewaltopfern in Beziehungen mehr als 81 Prozent weiblich. 98,1 Prozent der Opfer von Vergewaltigungen, sexueller Nötigung, Übergriffen, Bedrohungen, Freiheitsberaubung oder Zwangsprostitution sind demnach weiblich. 111 Frauen verloren in dem Jahr durch Gewalt in der Partnerschaft ihr Leben. Mehr als ein Mal in der Stunde werden Frauen durch ihre Partner körperlich verletzt. Die Dunkelziffer dürfte jedoch höher liegen.

Was in diesen Statistiken oftmals verschwindet: Sexualisierte Gewalt gegen ältere Frauen. Schließlich kommt es häufig erst gar nicht zur Anzeige der Verbrechen.

Pflegebedürftige werden zum Opfer des eigenen Mannes

Martina Böhmer (61), Gründern der gemeinnützigen Beratungsstelle Paula e.V. in Köln für Frauen ab 60 Jahren, will gegen diese Tabuisierung vorgehen. Sie erklärt: "Eine klassische Situation ist beispielsweise der Besuch des Ehemanns im Pflegeheim bei seiner Frau. Nach seinem Besuch finden die Mitarbeiterinnen eine extrem verstörte Bewohnerin mit blauen Flecken an Unterarm und Schenkeln vor. Auf dem Bettlaken sind Spermaspuren erkennbar. Hier hat der Gatte seine vermeintlichen Rechte hinter verschlossenen Türen vielleicht ohne Zustimmung eingefordert und ist sich keiner Schuld bewusst. Es wird nicht darüber geredet, denn nicht selten sind die Pflegekräfte in dieser Situation komplett überfordert".

Auch die Heimleitung habe in der Regel kein Interesse am Bekanntwerden eines eventuellen Übergriffes im Haus. Also werde auf beiden Seiten geschwiegen und verdrängt, erklärt Böhmer, die selbst als Pflegerin arbeitete und 2010 unter dem Eindruck des Verschweigens sexualisierter Gewalt ihre Beratungsstelle gründete.

Beraterin, Dozentin und Buchautorin Martina Böhmer in ihrem Büro: Sie fordert eine Lobby für Seniorinnen, die in privaten Haushalten und Pflegeheimen Opfer von sexuellen Übergriffen werden (Quelle: Thomas Dahl)Beraterin, Dozentin und Buchautorin Martina Böhmer in ihrem Büro: Sie fordert eine Lobby für Seniorinnen, die in privaten Haushalten und Pflegeheimen Opfer von sexuellen Übergriffen werden (Quelle: Thomas Dahl)

Vergewaltigung betrifft nicht nur Mädchen und junge Frauen

Zu den Themengebieten des Vereins, der sich mittels Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert, gehören auch Kriegserlebnisse, erzwungene Migration, chronische Erkrankungen und Demenz.

Über die auf Wunsch anonymen telefonischen sowie persönlichen Beratungen vor Ort hinaus sollen zukünftig Treffen bei den Interessentinnen möglich sein. Das Honorar richtet sich nach den individuellen Möglichkeiten der Ratsuchenden. Weitere Angebote sind Informationsveranstaltungen, Fortbildungen für Institutionen oder Supervisionen.

"Leider glauben viele Menschen, dass Vergewaltigungen sich nur auf Mädchen oder jüngere Frauen beziehen. Dem ist natürlich nicht so. Ich hatte und habe leider regelmäßig Personen hier, die diese Taten als 70-, 80- oder 90-Jährige erleben und dringendst Hilfe – beispielsweise in Form einer Traumatherapie – benötigen. Dabei ist es für sie schon eine große Überwindung, sich überhaupt mitzuteilen", erklärt Martina Böhmer.

Grundsätzlich brauche es eine Lobby für diese Menschen, die zu "vergessenen Opfern" würden. Als Beispiel führt Böhmer, auch Expertin für geriatrische Psychotraumatologie, an: "Die überlebenden sogenannten Trostfrauen, die im Zweiten Weltkrieg von der japanischen Armee zur Prostitution gezwungen wurden, kämpfen seit Jahrzehnten öffentlich für eine Anerkennung des Unrechts".

Wichtig sei, so die Leiterin von Paula e.V., dass die Betroffenen das Gefühl haben, ihnen werde zugehört. "Sie sind hier an einem sicheren Ort. Es spielt auch keine Rolle, ob die Geschehnisse aus der Vergangenheit oder der Gegenwart stammen. Wir möchten die Frauen darin unterstützen, passende Wege zur Verbesserung ihrer Situation zu finden."
Paula e.V., An St. Magdalenen 11, 50678 Köln
Telefon: 0221-96676422 (Beratungszeiten: montags 10-11 Uhr, donnerstags 15-16 Uhr)
E-Mail: info@paula-ev-koeln.de
Web: www.paula-ev-koeln.de

Verwendete Quellen:

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