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Zwischen "Quatsch" und VerstÀndnis: Videobeweis spaltet

Von dpa
Aktualisiert am 10.01.2020Lesedauer: 5 Min.
Der Videobeweis spaltet die Fußball-Welt weiter.
Der Videobeweis spaltet die Fußball-Welt weiter. (Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa./dpa)
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Frankfurt/Main (dpa) - Nicht im Kölner Keller, sondern in Lagos an der AlgarvekĂŒste absolvieren die deutschen Spitzenschiedsrichter dieser Tage ihr Trainingslager.

Nach einer Bundesliga-Hinrunde mit vielen Scherereien um den verflixten Videobeweis mĂŒssen sich die Referees fĂŒr eine heiße RĂŒckrunde wappnen. Deshalb haben sie auch drei Arbeitsstationen fĂŒr Simulationstraining dabei. So unklar derzeit ist, wer deutscher Fußball-Meister wird, so eindeutig scheint: Die Debatten um Handspiele und strittige Abseitspositionen werden weitergehen. Auch auf internationaler Ebene.

Vor allem bei den Spielern ist die Unzufriedenheit groß. In einer "Kicker"-Umfrage unter den Bundesliga-Profis verneinten 63,2 Prozent die Frage, ob der Videobeweis nun besser klappe. Auch die neue Handspielregel ist fĂŒr 61,5 Prozent der Befragten nicht besser nachvollziehbar.

So manche Protagonisten wĂŒrden das Rad gerne zurĂŒckdrehen. "Ich sehne mich nach der alten Zeit zurĂŒck, als angelegter Arm noch angelegter Arm war", sagte Bayer Leverkusens GeschĂ€ftsfĂŒhrer Rudi Völler nach einer der vielen diskutierten Szenen in der Hinrunde. "Nach der Zeit vor dem Videobeweis sehne ich mich auch zurĂŒck. Es ist wie mit vielen Dingen: Wenn man sie erst einmal hat, kriegt man sie nicht mehr los."

"Es ist keine leichte Situation - weder fĂŒr uns noch fĂŒr die Schiedsrichter", sagte Bayerns Nationalkeeper Manuel Neuer dem "Kicker", erklĂ€rte aber auch: "GrundsĂ€tzlich finde ich den Video-Assistenten gut, ja. Er ist schon eine gewisse Hilfe fĂŒr die Schiedsrichter, den Wettbewerb nicht zu verzerren."

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Eine RĂŒckkehr zur alten Handspiel-Regel fordert der frĂŒhere Spitzenschiedsrichter Urs Meier. "Die Weichen wurden in die falsche Richtung gestellt. Es wurde verkompliziert. Das ist Quatsch, nicht Fußball", sagte der Schweizer der Deutschen Presse-Agentur.

Die RegelhĂŒter des International Football Association Board (IFAB) sieht der 60-JĂ€hrige nun in der Pflicht, bei ihrer nĂ€chsten Sitzung am 29. Februar in Belfast wieder fĂŒr Klarheit zu sorgen. Vor allem die "unnatĂŒrliche VergrĂ¶ĂŸerung" des Körpers aufgrund der Hand- oder Armhaltung fĂŒhrt immer wieder zu umstrittenen, manchmal spielentscheidenden Situationen.

Christian Seifert, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Deutschen Fußball Liga (DFL), sieht die jetzige Interpretation des Handspiels gar als "absolutes Ärgernis. Keiner weiß noch, was Hand ist und was nicht."

Nach Meiers Meinung sollte Handspiel nur geahndet werden, wenn die Hand zum Ball geht und eine Absicht erkennbar ist. Durch die Ansicht der Zeitlupen wĂŒrde durch den Video-Assistenten viel zu oft auf Handspiel entschieden, dabei mĂŒsse der Schiedsrichter "wieder im Mittelpunkt" der Entscheidungsfindung stehen.

Auch die derzeitigen AblĂ€ufe bei Abseitsentscheidungen bewertet der ehemalige FIFA-Unparteiische kritisch. Trotz klarer Abseitspositionen wĂŒrden die Linienrichter ihre Fahne nicht heben, weil man erst schaue, ob es ein Tor gebe. Anschließend dauere es viel zu lange, bis eine Entscheidung gefĂ€llt werde. "Der Video-Assistent sorgt fĂŒr viel zu viele Diskussionen", meinte Meier.

Zuletzt hatte der Videobeweis sogar das DFB-Sportgericht beschĂ€ftigt, das den Einspruch des SV Wehen Wiesbaden gegen die Wertung der 0:1-Niederlage bei Dynamo Dresden ablehnte. Es war um ein nicht anerkanntes Tor des Zweitliga-Aufsteigers gegangen. Der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz sah aber keinen Regelverstoß des Referees oder des Videoassistenten (VAR) und mahnte, dass sich alle Beteiligten im Fußball mit dem technischen Hilfsmittel anfreunden mĂŒssten: "Wir sind alle noch ein bisschen gefangen in unserem tradierten, ĂŒberholten RegelverstĂ€ndnis. Wir mĂŒssen uns davon lösen." Und: "Der Video-Assistent soll das Fußballspiel gerechter machen, nicht das System destabilisieren."

Jochen Drees, Projektleiter Videobeweis beim DFB, bemĂŒht sich um Gelassenheit. "Das ist ein immer weiter gehender Prozess, die FIFA hat auch Arbeitsgruppen, die sich damit beschĂ€ftigen. Also werden wir in den nĂ€chsten Jahren auch noch Änderungen erleben", meinte der frĂŒhere Spitzenschiedsrichter.

FĂŒr großes UnverstĂ€ndnis sorgen neben den Handspiel-Entscheidungen und den Wartezeiten auf dem Platz, wenn der Schiedsrichter das Spiel unterbricht und einen Bildschirm in die Luft malt, vor allem die Abseitsentscheidungen. Dabei soll die kalibrierte Linie im Studio des VAR in Köln helfen.

Mario Gomez sieht sich inzwischen als personalisierter Leidtragender dieses Hilfsmittels. FĂŒnf Treffer in drei Spielen wurden dem Ex-NationalstĂŒrmer des VfB Stuttgart zuletzt wegen knapper Abseitsstellungen aberkannt. Gomez wetterte ĂŒber den "bescheuerten Videobeweis". Dabei stellte Drees klar, dass bei vier der fĂŒnf nicht anerkannten Tore der Linienrichter die Situation als Abseits bewertet hatte und nicht vom Video-Assistenten in Köln korrigiert wurde.

"Aus meiner Sicht hat sich der Videobeweis deutlich positiv entwickelt. Die Schwerpunkte, ĂŒber die wir reden, sind meines Erachtens hauptsĂ€chlich immer mal wieder das Thema Abseits", sagte der frĂŒhere Bundesliga-Referee Knut Kircher der Deutschen Presse-Agentur.

Bei knappen Abseitsentscheidungen planen die RegelhĂŒter des IFAB jedenfalls keine weitreichenden Änderungen. "Wenn die Bilder mit kalibrierten Linien und dem Lot zeigen, dass eine Abseitsstellung vorliegt, dann soll sich der Video-Assistent weiterhin melden", sagte IFAB-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Lukas Brud bei "sportschau.de". "Auch wenn es nur um einen Zentimeter geht. Abseits ist Abseits."

Zuvor waren Aussagen von Brud in englischen Medien so interpretiert worden, dass minimale Abseitsstellungen nicht mehr geahndet werden sollen. Eine derartige Direktive solle am 29. Februar in Nordirland beim jÀhrlichen IFAB-Treffen gegeben werden. Eine Toleranzgrenze komme nicht in Frage, betonte Brud nun. Er habe lediglich an das Prinzip erinnern wollen, dass der Video-Assistent nur bei klaren, offensichtlichen Fehlern eingreifen solle.

"Ich glaube, dass durch den Videobeweis suggeriert wurde, jetzt wird alles, einfach alles aufgelöst. Jetzt werden alle Entscheidungen in Schwarz und Weiß geteilt. Aber das ist nicht so, das ist eine falsche Erwartungshaltung", meinte Kircher. Die Erwartungshaltung sei so, dass offensichtliche Fehler behoben werden – "aber ist der Zuschauer, der das erwartet, immer so neutral?"

Ein ZurĂŒck gibt es auch nicht fĂŒr den 50-JĂ€hrigen, der noch als Schiedsrichter-Beobachter unterwegs ist. "So Dinge wie Phantomtore, die könnten wir dann wieder haben, aber dahin wollen wir nicht zurĂŒck", sagte er. "Wo wir deutlich besser geworden sind, sind diese Eintrittsgrenzen zu verschĂ€rfen – also wann schreiten wir ein?"

Die Wartezeit bis zur Entscheidung in Köln, so kritisieren Fans und Profis weiter, nehme dem Fußball die spontanen Emotionen. Den bangen Blick zum Unparteiischen, ob er den Finger ans Ohr legt, um via Headset den VAR besser zu verstehen, haben mittlerweile die meisten TorschĂŒtzen. Manchmal hilft ein bisschen Hohn und Humor, um die hitzige Debatte um die technischen Hilfsmittel gelassener zu ertragen. So wie es in einem Lied des Sportsatire-Youtube-Kanals Woom im "Videobeweis Song" heißt: "Der lĂ€sst dem Spiel die ganze Luft raus, schönen Daaank. Du wartest 1,2,3,4,5 Minuten laaang."

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