Sie sind hier: Home > Sport > Mehr Sport >

eSport: ESL-Chef Ralf Reichert über die Auswirkungen der Corona-Krise

INTERVIEWeSport-Vordenker Reichert  

"Wir haben gegenüber anderen Sportarten einen unschätzbaren Vorteil"

Von Alexander Kohne

11.04.2020, 12:17 Uhr
eSport: ESL-Chef Ralf Reichert über die Auswirkungen der Corona-Krise. eSport-Pionier: Im Jahr 2000 gründete Ralf Reichert die Electronic Sports League (ESL). Mittlerweile ist sie älteste und größte eSport-Liga weltweit. Im Vordergrund stehen Videospiele wie Counter-Strike oder Dota 2. (Quelle: imago images)

eSport-Pionier: Im Jahr 2000 gründete Ralf Reichert die Electronic Sports League (ESL). Mittlerweile ist sie älteste und größte eSport-Liga weltweit. Im Vordergrund stehen Videospiele wie Counter-Strike oder Dota 2. (Quelle: imago images)

Während der klassische Sport in der Corona-Krise pausiert, boomt der eSport. Ralf Reichert, Chef der weltweit agierenden eSport-Liga ESL, sieht darin erst den Anfang einer größeren Entwicklung.

Als Ralf Reichert vor zwei Jahrzehnten eine eSport-Liga gründete, taten das viele als Spinnerei ab. Mittlerweile ist seine Electronic Sports League (ESL) weltweit führend und beschäftigt etwa 500 Mitarbeiter von Köln bis L. A. Mit Übertragungen von Counter-Strike- oder Dota-2-Begegnungen erreicht das Unternehmen online Zehntausende Menschen und füllt mit seinen Turnieren die größten Hallen des Landes.

t-online.de: Herr Reichert: Wie wirkt sich die Corona-Krise auf den eSport aus?

Ralf Reichert: So wie auf die Gesamtwirtschaft – also erstmal negativ. Veranstaltungen sind ein wichtiger Treiber des eSport und die fallen jetzt aus. Zudem basiert die Finanzierung unseres Sports sehr stark auf Sponsoring- und Medienrechten. Damit wird es in der aktuellen Zeit natürlich auch schwieriger. Von daher ist der eSport grundsätzlich von der Corona-Krise getroffen. Wir (die ESL, Anm. d. Red.) im Speziellen haben zum Beispiel eine Veranstaltung ohne Zuschauer veranstaltet und eine verschoben.

Welche sind das?

Die ESL Intel Extreme Masters (renommierte Turnierreihe, Anm. d. Red.) Ende Februar in Katowice mussten ohne Zuschauer stattfinden und die ESL One in Rio de Janeiro (ähnlich einem Grand-Slam-Turnier im Tennis, Amn. d. Red.) wurde verschoben. Von daher hat das sowohl einen inhaltlichen wie auch einen kommerziellen Einfluss. Nichtsdestotrotz haben wir im Vergleich zu anderen Sportarten natürlich eine traumhafte Position. Die ESL Pro League, also unsere Champions League, läuft aktuell rein online und wir werden sehr vieles ins Internet zu verlagern. Da haben wir gegenüber anderen Sportarten natürlich einen unschätzbaren Vorteil.

Veranstaltungen wie die ESL One ziehen über mehrere Tage jeweils 15.000 Fans in die Kölner Lanxess Arena. (Quelle: imago images)Veranstaltungen wie die ESL One ziehen über mehrere Tage jeweils 15.000 Fans in die Kölner Lanxess Arena. (Quelle: imago images)

Wie wirkt sich die Krise für Sie finanziell aus?

Genau kann das niemand beziffern. Aber es hat natürlich schon deutlichen Einfluss. Wobei man sagen muss, dass wir sehr langfristige und gute Partnerschaften und Sponsoren haben. Hinzu kommt, dass unsere Zuschauerzahlen in den letzten Wochen nochmal deutlich in die Höhe geschnellt sind und sich sogar vervierfacht haben. Durch die Absagen fehlt uns zwar die physische Komponente, aber der Medien- und Sponsorwert ist höher als vor der Krise. Die Kernmessage ist: Die Show geht weiter und das sogar sehr erfolgreich.  

In der Bundesliga soll ab Mai wieder gespielt werden. Es gibt Szenarien, nach denen einige Klubs bei einer längeren Spielpause bankrottgehen würden. Wie ist die Situation im eSport?

Dem Fußball würde auf Dauer die Existenzgrundlage genommen, da er schlichtweg nicht stattfinden kann. Wir sind da in einer anderen Rolle, denn unser Sport geht weiter. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, um die Stabilität im eSport-Ökosystem besser zu erhalten als in anderen Sportarten. Nichtsdestotrotz ist gerade in der jüngeren Vergangenheit unheimlich viel Geld in den Markt geflossen und es wurden Teams gegründet, die gerade am Anfang stehen. Da wird es eine Konsolidierung geben. Das wird man sicher nicht bei SK Gaming oder Mousesports (zwei renommierte eSport-Teams, Anm. d. Red.) sehen, denn das sind solide geführte Organisationen. Es gibt aber ganz viele neue Teams und Turnierveranstalter und da wird man sicher den einen oder anderen sehen, der es nicht durch die Krise schafft.

Ralf Reicherts Brüder Tim (Bild) und Benjamin waren beide Fußballprofis bei Rot-Weiß Oberhausen. (Quelle: imago images)Ralf Reicherts Brüder Tim (Bild) und Benjamin waren beide Fußballprofis bei Rot-Weiß Oberhausen. (Quelle: imago images)

Ihr Bruder Tim Reichert, der die eSport-Aktivitäten bei Schalke 04 verantwortet, hat gesagt: "Der eSport ist das perfekte Mittel. Die Bevölkerung wird aller Voraussicht nach einige Zeit zu Hause verbringen müssen und nach Unterhaltung suchen, die eSport bietet." Wird der eSport also zum großen Gewinner der Corona-Krise?

In Krisen sollte man nicht von Gewinnern reden. Da geht es um Gesundheit und viel wichtigere Themen als Sport oder Geschäft. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass der eSport in der Corona-Zeit noch neue Zielgruppen und mehr Fans gewinnen wird. Bis das finanziell einen Impact hat, dauert es sicher etwas länger als die Zeit der Krise selbst. Aber wie gesagt: Im Vergleich zu allen anderen Sportarten stehen wir herausragend gut da und werden viele neue Fans dazugewinnen.

Wäre es an der Zeit für eine traditionsreiche Sportsendung wie die Sportschau, eSport live zu zeigen?

Wir sehen in den vergangenen Jahren, dass eSport allgemein mehr anerkannt wird und in den klassischen Medien einen größeren Teil der Berichterstattung einnimmt. Dieser Trend ist mir persönlich natürlich viel zu langsam, aber er ist vorhanden. Ob La Liga, die Formel 1 oder die Bundesliga: Alle machen jetzt eSport-Competitions. Und es werden diverse andere Sportarten folgen, mit denen wir übrigens auch im Austausch sind. Es wird einen Riesentrend vom klassischen Sport geben, in der Krise, in dieser Überbrückungszeit, einen noch deutlich stärkeren Fokus auf den eSport zu legen. Und da werden auch die Übertragungsmedien nachziehen.

In Dänemark beispielsweise ist Counter-Strike (ein Ego-Shooter-Videospiel, Anm. d. Red.) der größte Zuschauersport im klassischen, linearen Fernsehen. Im Vergleich dazu sind wir in Deutschland einen Tick hinter. Aber warum soll das in den nächsten Monaten oder im nächsten halben Jahr nicht auch bei uns passieren? Von daher bin ich schon etwas überrascht, dass es nicht einen deutlich aggressiveren Schwenk dahingehend gibt, den vorhandenen eSport-Content noch stärker in klassischen Medien zu zelebrieren.

Sollte die Sportschau eSport jetzt also live übertragen?

Klar, die Antwort ist: Ja! Denn den eSport-Content gibt es weiterhin. Er findet statt. Liebe klassische Medien, wenn ihr Unterhaltung braucht, dann meldet Euch!

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal