Sie sind hier: Home > Sport >

Olympia 2021 – Robert Harting: "Was viele Sportarten einfach nicht verstehen"


MEINUNGDer Kampf um Aufmerksamkeit  

So bekommt der Olympia-Sport mehr Relevanz

Eine Kolumne von Robert Harting

05.08.2021, 08:59 Uhr
Olympia 2021 – Robert Harting: "Was viele Sportarten einfach nicht verstehen". Volleyballer im Einsatz: Das Netz ist bei den Herren zu niedrig, so kommt kaum Spielfluss auf. (Quelle: imago images)

Volleyballer im Einsatz: Das Netz ist bei den Herren zu niedrig, so kommt kaum Spielfluss auf. (Quelle: imago images)

Aktuell stehen Sportarten im Fokus, die sonst kaum Beachtung erhalten. Ist das ein Fehler der Gesellschaft oder ein Fehler der Sportarten selbst? In jedem Fall sollten sich ein paar Dinge ändern.

In meiner zweiten Olympia-Kolumne habe ich erklärt, wie der Fußball alles überstrahlt und die Sportvielfalt in Deutschland verloren geht. Ich schrieb: "Ich würde den Menschen gerne zurufen: Lass nicht zu, dass du verblödest. Es gibt mehr als nur Fußball." Daraufhin gab es viele Reaktionen. Unter anderem, dass ich mich nicht beschweren solle, schließlich sei Fußball auch interessanter anzusehen als viele andere Sportarten.

Dazu möchte ich sagen: das stimmt – in Teilen. Einige Sportarten sind telegen, also für das Fernsehen geeignet, andere (noch) nicht. Der Fußball hingegen ist sehr telegen. Der Platz ist gut zu erkennen, da er farblich einen guten Kontrast bietet, jede Aktion wird von einer Kamera gut eingefangen und alles ist im Fluss. Dazu hat es der Fußball wie keine andere Sportart verstanden, die Fans zu integrieren. Fankulturen werden gefördert, statt verhindert.

Fankurven (wie hier von Union Berlin) sind in Nicht-Corona-Zeiten zentraler Bestandteil des Fußballs. (Quelle: imago images/Jan Huebner)Fankurven (wie hier von Union Berlin) sind in Nicht-Corona-Zeiten zentraler Bestandteil des Fußballs. (Quelle: Jan Huebner/imago images)

Es muss soziale Vorteile für den Fan einer Sportart geben, da haben olympische Sportarten extremen Nachholbedarf. Sie brauchen mehr gesellschaftliche Relevanz. Und ich bin der Meinung, dass einige von ihnen ihr Älterwerden überdenken müssen. Man muss einen Sport nicht genauso ausüben wie vor 100 Jahren. Veränderungen können helfen, um einen Sport nach vorne zu bringen. Es gibt keine Garantie darauf, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind.

Ich will Ihnen ein paar Beispiele nennen, wie ich olympische Sportarten verändern würde:

  • Beim Volleyball der Herren sind zu viele Unterbrechungen, es fehlt der Spielfluss. Die Rückschlag-Sportarten leben doch von langen Ballwechseln mit spektakulären Rettungsaktionen. Ich meine: Wie oft haben wir uns die Szenen im Tischtennis zwischen Ma Long und Dimitrij Ovtcharov im Halbfinale angesehen? So was brauchen auch die Volleyball-Herren. Warum macht man also nicht den Ball um 300 Gramm schwerer oder vor allem das Netz höher? Manche Athleten können fast schon im Stehen rüberschauen.
  • Beim Kanurennsport würde eine Schikane, eine Wende oder eine Kurve für mehr Spannung sorgen. Ein zusätzliches Element für das Rennen, sodass es nicht nur geradeaus geht. Und um gesellschaftliche Relevanz zu erzeugen, sollte eine Vernetzung mit anderen Sportarten, die auf dem Wasser stattfinden, erfolgen.
  • Auch der Frauenfußball braucht Änderungen. Ihr Feld sollte kleiner gemacht werden, für die Tore müsste das genauso gelten. Der Sport sollte sich mehr nach physischen Aspekten wie der Körpergröße richten. Auch die Laufwege müssen eine dynamische Proportion haben, daher das kleinere Feld.
  • Das Sportschießen muss telegener werden. Momentan sehe ich als Zuschauer ein eingefrorenes Bild. Da gibt es eine Scheibe, die sich nicht bewegt, und einen Schützen, der das Ziel anvisiert. Da steckt mehr Potenzial drin.

Auch in der Leichtathletik kann man überlegen, neue Wettbewerbe einzuführen. Mit der Mixed-Staffel über 4x400 Meter wurde bereits ein guter Anfang gemacht, ich habe aber noch einen weiteren Gedanken dazu.

Um das Format von Sportarten gesellschaftlich relevanter zu machen, hilft die Integration gesellschaftlich relevanter Gesichter. Etwa mit Typen wie Markus Rehm, unserem "Blade Jumper", die mit ihrer Geschichte zu Helden und Gesichtern der Sportart werden können. Man muss ihnen nur eine Plattform geben.

Markus Rehm springt mit Prothese, bei den Olympischen Spielen durfte er aber nicht starten. (Quelle: imago images/Mika Volkmann)Markus Rehm springt mit Prothese, bei den Olympischen Spielen durfte er aber nicht starten. (Quelle: Mika Volkmann/imago images)

Markus hat Unglaubliches geleistet und ist 8,62 Meter gesprungen. Die Leichtathletik muss das für sich nutzen. Und mit seiner "P&G"-Kampagne "#GemeinsamStärker" reicht er den Verbänden auch schon eine Hand.

Was viele Sportarten einfach nicht verstehen

Ich lese und höre auch immer wieder von Forderungen, die Olympischen Sommerspiele nicht mehr nur alle vier Jahre stattfinden zu lassen, sondern noch häufiger. Aber wir müssen einsehen, dass in der Art und Weise, wie die Olympischen Spiele momentan aussehen, die Aufmerksamkeit der Leute auch nur alle vier Jahre da ist.

Damit das anders aussieht, braucht es niedrigschwellige Sportarten. Manche müssen sich dem Druck der Kommerzialisierung beugen, Impulse von außen zulassen. Die Dinge müssen greifbarer werden. Die Athleten müssen Fans und Journalisten besser abholen. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel:

Zu meiner aktiven Zeit habe ich überlegt, welche Variablen des Alltags ich für mich nutzen kann, wie ich für einen Aha-Effekt bei den Medien sorge. Also habe ich berechnet, wie viel PS beim Diskuswurf in meinem Arm sind: Es waren sieben. Wenn ich da von Kilonewton oder so gesprochen hätte, hätten mich nur fragende Gesichter angeschaut. Aber so war es verständlich. Ich glaube, viele Sportarten machen aber genau diesen Fehler. Sie wissen zum Beispiel nicht, was ihre Fans auszeichnet und wo ihre Interessen liegen.

Hier mal ein paar Beispiele für Sportfans und ihre Interessen:

Für was sich Fans der einzelnen Sportarten interessieren. (Quelle: brandstalentsrights)Für was sich Fans der einzelnen Sportarten interessieren. (Quelle: brandstalentsrights)

Ich frage mich zum Beispiel, warum die deutschen Kanumeisterschaften und die Drachenbootrennen nicht gleichzeitig stattfinden. Das sind zwei Wettbewerbe, bei denen Dinge auf dem Wasser fahren. Und draußen stehen Fans, die das beides verstehen. Wenn man diese Ereignisse zusammenlegt, hat man doch ein viel besseres Event für die Fans geschaffen.

Denn man darf nicht vergessen: Mehr Beliebtheit führt zu mehr Mitgliedern im Nachwuchs. Das erhöht das Potenzial der Sportler und mehr gute Athleten bringen mehr Medaillen. Und dann beschwert sich auch keiner mehr darüber, wenn ich sage, dass es mehr gibt als Fußball.   

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Madeleinetchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: