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Olympia 2021: Wie die Rekordflut die Leichtathletik verrückt macht


Superbahn, Hightech-Spikes, Doping  

Wie die Rekordflut die Leichtathletik verrückt macht

Von Alexander Kohne

06.08.2021, 07:00 Uhr
Olympia 2021: Wie die Rekordflut die Leichtathletik verrückt macht. Karsten Warholm: Der Norweger pulverisierte in Tokio den Weltrekord über 400 Meter Hürden, welchen er wenige Wochen zuvor selbst aufgestellt hatte. Davor hatte die Bestmarke von Kevin Young 29 Jahre Bestand.  (Quelle: imago images/BOB STRONG)

Karsten Warholm: Der Norweger pulverisierte in Tokio den Weltrekord über 400 Meter Hürden, welchen er wenige Wochen zuvor selbst aufgestellt hatte. Davor hatte die Bestmarke von Kevin Young 29 Jahre Bestand. (Quelle: BOB STRONG/imago images)

Rekorde am Fließband und Zeiten wie aus einer anderen Dimension: Die Sprint-Wettbewerbe in Tokio führen zu immer neuen Höchstleistungen. Hilfe aus der Formel 1 und eine "Trampolin"-Bahn machen den Läufern Beine. Doch ist das alles?

Als der feingliedrige Mittzwanziger in dem blauen Trikot im Olympiastadion Tokios die Ziellinie überquert, ist sein Gesicht eine Grimasse aus Fassungslosigkeit und Schmerz. Er reißt den Mund weit auf, fasst sich mit beiden Händen an den Kopf und rupft sein Trikot in Robert-Harting-Manier auseinander. Es folgt ein lauter Schrei und komplette Fassungslosigkeit: 45,94 Sekunden – neuer Weltrekord!

Besagter Mann ist der norwegische 400-Meter-Hürdenläufer Karsten Warholm und die beschriebe Szene äquivalent zu einer leichtathletischen Mondlandung. Denn Warholm blieb bei seinem Olympiasieg am Dienstagmorgen unter der magischen 46-Sekunden-Schallmauer. Er verbesserte den Weltrekord um gleich 76 Hundertstelsekunden auf eine Zeit, die über Jahrzehnte hinweg so wahrscheinlich erschien wie ein 7:1 deutscher Fußballer in einem WM-Halbfinale gegen Brasilien. Es sei, als wäre Warholms Sensationszeit "bei reduzierter Schwerkraft auf dem Mond" erzielt worden, schrieb die "Neue Zürcher Zeitung".

Auf die Frage, ob er eine solche Zeit vorher überhaupt für erreichbar gehalten habe, antwortete der 25-Jährige Norweger einen Tag später der ARD: "Um ehrlich zu sein: nein!" Kleine Randnotiz: Auch Silbermedaillengewinner Rai Benjamin (46,17) unterbot den vorherigen Weltrekord, der Drittplatzierte Alison dos Santos (46,72) schrammte knapp daran vorbei.

Einen Tag später dann Duplizität der Ereignisse: Im 400-Meter-Hürdenrennen der Frauen verschob Siegerin Sydney McLaughlin den Weltrekord ebenfalls in bisher unbekannte Sphären. 51,46 Sekunden bedeuteten eine Verbesserung um 44 Hundertstel. "Das will mir gerade gar nicht in den Kopf", sagte die 21-Jährige ungläubig. Und damit nicht genug: Der jamaikanische Sprint-Star Elaine Thompson-Herah lieferte über 100 (10,61) und 200 Meter (21,53) Zeiten ab, die bislang nur der geheimnisumwitterten Florence Griffith Joyner gelungen waren – vor dreieinhalb Jahrzehnten. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs, denn in zahlreichen Sprint-Finals in Tokio purzelten kontinentale, nationale und persönliche Bestzeiten.

Die Laufbahn im Tokioter Olympiastadion (hier während des Goldlaufs von Sydney McLaughlin, o.) gilt als eine der schnellsten der Welt. (Quelle: dpa/Morry Gash)Die Laufbahn im Tokioter Olympiastadion (hier während des Goldlaufs von Sydney McLaughlin, o.) gilt als eine der schnellsten der Welt. (Quelle: Morry Gash/dpa)

Eine Laufbahn wie ein "Trampolin"

Doch woher kommt diese Häufung von Fabelzeiten? Dafür ziehen Beobachter verschiedene Erklärmodelle in Betracht. Einerseits wäre da die besondere Bahn. Diese wurde von der italienischen Firma "Mondo" in jahrelanger Tüftelei entwickelt und soll Schubkraft wie nie zuvor geben. Entscheidend dabei: die Oberfläche aus dreidimensionalen Gummikörnchen, die eine Stoßdämpfung und eine Energierückgabe ermöglicht wie "bei einem Trampolin", so Entwickler Andrea Vallauri gegenüber der "New York Times".

Olympiasiegerin McLaughlin bestätigt dies: "Manche Bahnen absorbieren einfach den Aufprall und die Bewegung. Diese hier regeneriert sie und gibt sie zurück."

Die Laufschuhe von Karsten Warholm wurden mithilfe von Renningenieuren aus der Formel 1 entwickelt.  (Quelle: imago images/Xinhua)Die Laufschuhe von Karsten Warholm wurden mithilfe von Renningenieuren aus der Formel 1 entwickelt. (Quelle: Xinhua/imago images)

Ein Schuh mit Formel-1-Know-how

Ein weiterer Faktor bei der Jagd nach leichtathletischen Rekorden ist seit jeher das Schuhwerk – und hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Warholms Puma-Schuhe entwickelte der Herzogenauracher Sportartikelhersteller in Zusammenarbeit mit Ingenieuren des Formel-1-Weltmeisterteams Mercedes. Wenig verwunderlich also, dass die Materialen eher an F1-Chassis als an Bundesjugendspiel-Beschuhung erinnern: Das Obermaterial ist mit Kohlenstofffasern durchzogen, die Sohle eine Platte aus Kohlenstoff mit Dornen aus Titanium. Die Spikes wiegen gerade einmal 135 Gramm.

Warholm sagte dennoch: "Ich bin unglaublich zufrieden damit, denke aber nicht, dass es etwas mit den Schuhen zu tun hat. Sie sind ähnlich wie das vorherige Modell." Einige Konkurrenten würden mit "richtig futuristisch anmutenden Schuhen" herumlaufen. "Keine Ahnung, wie die funktionieren. Aber natürlich gehört die technische Entwicklung dazu. Ich hoffe aber, es geht auch um denjenigen, der in den Schuhen läuft. Ich habe sehr hart gearbeitet, viel investiert und meine Topleistung zum richtigen Zeitpunkt abrufen können."

Elaine Thompson-Herah (l.) gewann über 200 Meter in 21,53 Sekunden deutlich vor der  Konkurrenz. Schneller war bisher nur die 1998 verstorbene Florence Griffith Joyner.  (Quelle: imago images/Agencia EFE)Elaine Thompson-Herah (l.) gewann über 200 Meter in 21,53 Sekunden deutlich vor der Konkurrenz. Schneller war bisher nur die 1998 verstorbene Florence Griffith Joyner. (Quelle: Agencia EFE/imago images)

Das Problem mit den Dopingkontrollen

Und genau da sehen viele Beobachter einen weiteren entscheidenden Punkt. Denn für sie lässt sich die Rekordflut der vergangenen Tage nicht allein durch technologischen Fortschritt, passgenaues Training und Talent erklären, sondern auch durch verbotene Mittel.

Einer von ihnen ist Investigativjournalist Jens Weinreich. Er schrieb bei Twitter zu Thompson-Herah: "Wacht auf, Leute. Was für eine gigantische Verarschung im Schwimmen und nun in der Leichtathletik. 21,66 s über 200 m im Halbfinale. Eine Zeit, die Frau kaum ungedopt laufen kann." 

Aufgrund der Corona-Pandemie gab es in vielen Ländern monatelang keine Dopingkontrollen. Das globale Anti-Doping-System stand quasi still. "Das hat Türen geöffnet", so der deutsche Athletensprecher Max Hartung. "Es ist ein IQ-Test für die Athleten. Nur die Dummen lassen sich bei den Spielen erwischen", sagte US-Dopingjäger Travis Tygart, der unter anderem federführend bei der Aufdeckung des Dopingskandals um Lance Armstrong war, dem ZDF. "Es gibt so viele Substanzen wie die Wachstumshormone oder EPO, die man Monate und Wochen vorher im Training nutzen kann und die dann nicht mehr nachweisbar sind."

Das IOC verweist derweil darauf, im vergangenen halben Jahr mithilfe der Internationalen Test-Agentur (Ita) das umfangreichste vor-olympische Kontrollprogramm initiiert zu haben. Von 25.000 Empfehlungen, welcher Olympia-Starter wann, wo und wie oft getestet werden soll, ist laut Ita rund vier Fünftel umgesetzt worden.

Nicht alle Kontrollen funktionieren einwandfrei

Und auch während der Spiele wird getestet – besonders in der Leichtathletik: "Es ist eine Hochrisikosportart bei den Olympischen Spielen, die wir ganz besonders im Auge habe", erklärt Ita-Generaldirektor Benjamin Cohen.

Nach positiven Tests wurden die nigerianische Topsprinterin Blessing Okagbare und der kenianische Sprinter Mark Odhiambo aus dem Verkehr gezogen. Cohen spricht von rund 3.500 Proben direkt nach den Events und so intensiven Kontrollen wie noch nie.

Doch nicht immer funktionieren diese einwandfrei. Ein ZDF-Bericht zeigte beispielsweise, wie Shelly-Ann Fraser-Pryce nach dem Gewinn der Silbermedaille über 100 Meter in den Katakomben des Olympiastadions einfach an den Ita-Mitarbeitern vorbeimarschiert – ohne dass ihr jemand direkt folgt. Auch die Siegerin Thompson-Herah macht vor dem Dopingtest noch schnell gut gelaunt Handyfotos mit Betreuern – ebenfalls ohne Kontrolleure in der Nähe. Dies mögen Einzelfälle sein und natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Doch im Zusammenhang mit der aktuellen Rekordflut werfen sie weitere Fragen auf.

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