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"Sie war verängstigt"

  • Steven Sowa
Von Steven Sowa

Aktualisiert am 12.02.2021Lesedauer: 5 Min.
Kasia Lenhardt: Die 25-J√§hrige ist am 9. Februar tot aufgefunden worden. Zuvor hatte sie im Zuge der Trennung von J√©r√īme Boateng mit Anfeindungen zu k√§mpfen.
Kasia Lenhardt: Die 25-J√§hrige ist am 9. Februar tot aufgefunden worden. Zuvor hatte sie im Zuge der Trennung von J√©r√īme Boateng mit Anfeindungen zu k√§mpfen. (Quelle: Instagram kasia_lenhardt/Montage von t-online)
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Kasia Lenhardt ist mit 25 Jahren gestorben. Die Ex-Freundin von J√©r√īme Boateng hatte zuvor mit massiven Anfeindungen zu k√§mpfen. Besteht da etwa ein Zusammenhang?

Am 2. Februar 2021 nimmt das Drama mit dem Titel "Kasia Lenhardt und J√©r√īme Boateng haben sich getrennt" seinen Lauf. Es k√∂nnte eine private Sache bleiben, dramatisch zwar f√ľr das 25-j√§hrige Ex-GNTM-Model und den Fu√üballstar von Bayern M√ľnchen, aber immerhin nicht ausgetragen auf √∂ffentlicher B√ľhne. Doch in den sozialen Medien g√§rt es schon l√§nger und der Profikicker gibt der "Bild"-Zeitung ein gro√ües Interview. Die reine Information, dass er nach 15 Monaten Beziehung nicht mehr mit der Mutter eines sechsj√§hrigen Sohnes zusammen ist, wird zur Nebensache.


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Der 32-J√§hrige beschuldigt seine Ex, ihn erpresst zu haben und unter "massiven Alkoholproblemen" zu leiden. Die gr√∂√üte deutsche Boulevardzeitung f√§hrt die Gesch√ľtze auf, die Schlammschlacht beginnt. Kasia Lenhardt schie√üt nicht aus solchen Sprachrohren, k√ľndigt ihren 175.000 Followern auf Instagram aber am selben Tag an: "Ich werde mich definitiv √§u√üern, muss mich jedoch sammeln. Bitte gebt mir Zeit." Nur eine Woche sp√§ter, am 9. Februar 2021, wird die 25-J√§hrige tot in einer Wohnung in Berlin Charlottenburg aufgefunden.

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Familie spricht von "unerwartetem Tod"

Ein Zusammenhang zwischen dem Tod, der Trennung und dem anschlie√üenden Rosenkrieg ist nicht belegt. Die Polizei schlie√üt Fremdverschulden aus, kann nach aktuellem Ermittlungsstand aber nichts √ľber die Todesursache bekanntgeben und auch sonst keine Details verk√ľnden. Eine Obduktion habe bislang nicht stattgefunden. Die Familie von Kasia Lenhardt spricht in einem Schreiben von dem "unerwarteten Tod unserer geliebten Tochter" und fordert "Respekt und Zur√ľckhaltung" in den Medien, "was unsere Tochter in j√ľngster Vergangenheit teils schmerzlich vermissen musste".

Am Mittwoch nach Bekanntwerden der Trennung hat sich Kasia am sp√§ten Nachmittag einer Frau anvertraut: Saina Bayatpour. Sie ist Gr√ľnderin und Gesch√§ftsf√ľhrerin der "Business Women's Society" und berichtet nun im Gespr√§ch mit t-online: "Kasia hatte sich entschieden, trotz der vielen Presseanfragen ihre Geschichte bei uns zu erz√§hlen, um andere Frauen auch zu ermutigen, sich nicht einsch√ľchtern zu lassen. Weder von der Presse, noch von ihren M√§nnern." Die beiden Frauen telefonierten lange miteinander, √ľber Anfeindungen, den √∂ffentlichen Druck und die Verunglimpfungen, die Kasia Lenhardt ertragen muss.

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"Sie war ver√§ngstigt", berichtet Bayatpour und erkl√§rt die Angst der 25-J√§hrigen damit, dass aus ihrem "Bekanntenkreis vieles nach Au√üen getragen" worden sei und "dass sie daher Angst hatte, √ľberhaupt noch etwas zu erz√§hlen". Sie habe sich "blo√ügestellt" gef√ľhlt, so die Gr√ľnderin des Frauennetzwerkes. "Sie verstand einfach nicht, warum er sich an die Presse gewandt hat." Er, das ist J√©r√īme Boateng, der nach dem Bekanntwerden von Kasias Tod vorzeitig von der Klub-WM aus Katar abreiste.

Dass Kasia Lenhardt nun tot ist, habe Saina Bayatpour "sehr schockiert", denn f√ľr diese Woche waren die Frauen f√ľr Interviews verabredet: "Ich hatte den Eindruck, mit einer starken Frau zu telefonieren, die nicht nur k√§mpfen, sondern auch als Vorbild f√ľr andere Frauen dienen wollte." Die Unternehmerin und Dozentin ist sich sicher, "dass es nicht f√∂rderlich f√ľr ein junges M√§dchen war, dass sie √∂ffentlich so angriffen wurde" und formuliert ihre Theorie auf den pl√∂tzlichen Tod so: "Vielleicht hat ihr dann genau das noch den Rest gegeben."

"Eine Meute, die glotzt, anstachelt und hofft, dass es knallt"

Die sozialen Medien sind nun voll mit Trauerbekundungen und dem Appell nach einem fairen Umgang miteinander. So teilte unter anderem Cheyenne Ochsenknecht via Instagram die Nachricht: "Ich hoffe, dass die ganzen Leute endlich aufwachen und aufhören mit diesen Beleidigungen und Hassnachrichten." In einem weiteren Posting ergänzt sie: "Das zeigt einfach noch mehr, wie sehr Cybermobbing Leben zerstören kann". Auch der Psychologe Nils Mecklenburg bestätigt diesen Eindruck im Gespräch mit t-online und erklärt: "Hier hatten wir es offenbar mit Hatespeech zu tun, welche sich durch Bedrohungen und Negativrhetorik auszeichnet und inhumane sowie inzivile Elemente enthält."

Nils Mecklenburg: Machte in Erlangen seinen Magister in Psychologie und Medienwissenschaften und weist mehr als 13 Jahre Berufserfahrung als Psychologe und Gesundheitsmanager auf.
Nils Mecklenburg: Machte in Erlangen seinen Magister in Psychologie und Medienwissenschaften und weist mehr als 13 Jahre Berufserfahrung als Psychologe und Gesundheitsmanager auf. (Quelle: Privat)

Mecklenburg arbeitet bei "Procedo ‚Äď die Bildungspartner" in Berlin, ber√§t Menschen in Krisensituationen und bietet als Anlaufstelle f√ľr Cybermobbing Beratungen an. Aus seiner Berufserfahrung heraus beschreibt er das Ph√§nomen, welches bei √∂ffentlich ausgetragenem Streit immer wieder zu beobachten ist, so: "Man kann sich das wie eine Schl√§gerei vorstellen, bei der eine Meute drumherum steht, glotzt, anstachelt und hofft, dass es knallt."

Die Hassrede w√ľrde sich, laut wissenschaftlicher Erkenntnisse, besser im Netz verbreiten als Liebe und Sympathie. Gruppendynamiken seien daf√ľr verantwortlich: "Durch das Teilen und Weiterf√ľhren von Hatespeech entsteht das Sicherheitsgef√ľhl, Teil einer Gruppe zu sein, der vermeintlich 'richtigen' Gruppe." Influencer seien eine besonders gef√§hrdete Personengruppe bei Anfeindungen, so Mecklenburg: "Influencer sind wie so viele Personen des √∂ffentlichen Lebens Individuen, die oftmals sehr allein sind. Sie k√∂nnen sich h√§ufig niemandem anvertrauen. Und dennoch ver√∂ffentlichen sie ihre Meinung und ihr Privatleben. Dadurch sind sie einem enormen Druck ausgesetzt, der auch schnell zur √úberbelastung werden kann."

"Der Wunsch nach Macht ist die Motivation"

Der Wunsch nach Aufmerksamkeit schlage mit solchen Anfeindungen wie Kasia Lenhardt sie erleben musste ins Gegenteil um: "Die Personen ziehen sich ins Private zur√ľck, isolieren sich und auf psychologischer Ebene entstehen depressive Effekte, obwohl sie sich in den sozialen Netzen doch eigentlich offenbaren wollten." Die 25-J√§hrige musste sich anh√∂ren, die Familie von J√©r√īme Boateng "zerst√∂ren" zu wollen, "falsch" zu sein und "toxisch" auf ihre Mitmenschen einzuwirken ‚Äď noch die harmloseren Kommentare, die in den sozialen Medien zu ihr zu finden waren, nachdem die Trennung bekannt wurde. Auch nach ihrem Tod finden sich in den Kommentarspalten abf√§llige Bemerkungen: Kasia sei eine "egoistische Frau", hei√üt es auf ihrem Instagram-Profil unter einem Bild.

"In solchen Momenten sind Dehumanisierungs-Prozesse zu beobachten. Die Person wird nicht mehr als Mensch gesehen, sondern als Objekt, das beleidigt und vernichtet werden kann", erkl√§rt Mecklenburg am Telefon. Dabei best√ľnde die Mehrzahl der Menschen aus "Mitl√§ufern", die aus "Angst und Unwissenheit mitmachen". Bei den Anf√ľhrern der Gruppe, den sogenannten "Anheizern", sei hingegen eine andere Motivationslage festzustellen: "Der Wunsch nach Macht ist die Motivation, die St√§rkung der eigenen Position in einer Gruppe und der Wunsch danach als Leitfigur wahrgenommen zu werden. Oft passiert das auch, um eigenes Unverm√∂gen auszublenden."

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Der Tod einer 25-j√§hrigen Frau sorgt nun daf√ľr, dass wieder einmal viel √ľber Cybermobbing und Hatespeech gesprochen wird. Ein Ph√§nomen, welches durch die wachsende Bedeutung der sozialen Medien immer mehr zum Problem wird. Ein Beispiel aus der Forschung: Waren es im Jahr 2017 noch 12,7 Prozent der Sch√ľlerinnen und Sch√ľler, sind es 2020 bereits 17,3 Prozent, die von Anfeindungen, Drohungen und Einsch√ľchterungen betroffen sind. Das "B√ľndnis gegen Cybermobbing" wies j√ľngst auf diese Entwicklungen hin und verschickte einen Infobrief ‚Äď auch, weil die Corona-Pandemie die Lage versch√§rft habe. Am 2. Februar dieses Jahres ging das Schreiben an die √Ėffentlichkeit. Derselbe Tag, an dem das Drama um Kasia Lenhardt seinen Lauf nahm.

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Hinweis: Falls Sie viel √ľber den eigenen Tod nachdenken oder sich um einen Mitmenschen sorgen, finden Sie hier sofort und anonym Hilfe.

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