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Wie ein gelebter Shitstorm gegen Corona-Regeln

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

07.10.2020Lesedauer: 3 Min.
Menschen mit Masken in einer Fußgängerzone: Innerhalb von Einkaufszentren halten sich viele nicht an die Maskenpflicht
Menschen mit Masken in einer Fußgängerzone: Innerhalb von Einkaufszentren halten sich viele nicht an die Maskenpflicht (Quelle: Future Image / Privat/imago-images-bilder)
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Der Besuch eines Einkaufszentrums im Corona-Risikogebiet zeigt:

Diese Woche habe ich den zweifelhaften Titel "Gefahrensucherin" erworben. Völlig unfreiwillig und in einer auf den ersten Blick denkbar profanen Situation: Ich brauchte Socken, und ich brauchte Käse. (Manchmal ist das Leben unfreiwillig komisch.) Auf meinem Nachhauseweg vom Büro liegt eine Shoppingmall. Zwei Fliegen mit einer Klappe, nicht mal einen Umweg dafür fahren müssen – was spricht dagegen?

Jetzt im Nachhinein weiß ich: alles. Vor allem die Spezies Mensch. Denn was ich in diesem Konsumtempel mitten im Corona-Risikogebiet Berlin-Mitte erlebt habe, erklärt nicht nur die rasant wachsenden Infektionszahlen in der Hauptstadt, sondern auch, warum Menschen feste Regeln und lückenlose Kontrolle brauchen. Sowohl in der echten Welt zum Anfassen als auch in der digitalen. Denn ich habe Szenen gesehen, die sich eins zu eins so im Netz abspielen. Sogar brutaler: Für kurze Zeit schwebte ich in physischer Gefahr. Aber der Reihe nach.

Kontrollen fehlen am Eingang – und das sieht man im Innern

Schon beim Reingehen erste Verwunderung: Beim letzten Mal standen hier doch noch Security-Leute, die die Kunden ans Aufsetzen der Maske erinnerten. Wo waren sie hin? Eingespart? Hatte man resigniert? Oder waren die Kontrollettis überflüssig geworden durch kollektive Vernunft der Mallbesucher?

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online.de filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

Schon die ersten Meter auf dem Weg zu meinen neuen Strümpfen zeigten mir: Letzteres war ganz offensichtlich nicht der Grund. Viele, viele Leute – vor allem solche, die in Grüppchen unterwegs waren – kamen mir ohne Maske entgegen. Die meisten schienen sie nicht vergessen zu haben, denn sie trugen sie am Kinn. Wo sie ja maximal dem Verdecken von Hautunreinheiten dient. Eine Blitzanalyse ergab: Die betreffenden Personen gehörten überwiegend zur Bevölkerungsgruppe der Teenager. Die neigen ja bekanntlich erstens zu Pickeln und zweitens zum Verstoß gegen Regeln. Verständlich. Wenn man in diesem Alter nicht punkrock ist, wann denn dann?

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Die Regeln zu kennen reicht offenbar nicht aus

Nur: Hier geht es um eine Pandemie, um eine ansteckende Krankheit, die lebensbedrohlich sein kann und auch in den Stufen darunter keinen Spaß macht und zudem – aber was erkläre ich? Wir schreiben Oktober. Das müsste alles längst sitzen.

Langer Rede kurzer Sinn: Teenies brauchen Regeln und Teenies brauchen Leute, die sie dazu bringen, sie auch einzuhalten. Letzteres war in dieser Situation offensichtlich nicht vorhanden.

Nach dem Sockenkauf ging es für mich in den Keller. Tatsächlich, denn dort befindet sich der Supermarkt der Mall. Aber auch symbolisch. Denn im Supermarkt tanzte man Pogo, um mal im Punkrock-Bild zu bleiben. Hier unten war wirklich alles egal. Kein Abstandhalten, wieder viele Leute ohne Maske. Ein gelebter Shitstorm gegen die Corona-Regeln quasi. Die Stimmung: gereizt. Die, die sich an die Regeln hielten, waren genervt.

Als ich nun an der Kasse stand, spürte ich quasi den Atem der jungen Frau hinter mir im Nacken. Was daran lag, dass sie sehr nah an mir dran stand und die Maske als Kinn-Accessoire betrachtete. Ich bat sie, sich bitte eineinhalb Meter von mir wegzustellen, wenn sie schon keine Maske tragen wolle.

Kassenschlange: kein Abstand, keine Maske, viel Aggression

Um den Jugendschutz zu gewährleisten, gebe ich die Schimpfwörter hier nicht wieder, die mich daraufhin ereilten. Einige kannte ich noch gar nicht, und dabei werde ich auf Twitter schon auch regelmäßig und seit Langem und durchaus primitiv beleidigt. Man lernt nicht aus. Kurz drohte die Dame mir auch körperliche Gewalt an, schreckte aber wohl vor meiner Körpergröße zurück (1,75 Meter), die durch hohe Schuhe noch verstärkt wurde. Mein Glück: Es war einer von diesen geschätzt fünf Tagen im Jahr, an denen ich die Bequemlichkeit zu Hause lasse und das flache Schuhwerk im Schrank.

Dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen, den Käse neben den Socken (nie den Humor verlieren!) in der Tasche, entfloh ich dieser Viren- und Sozialhölle. Und wurde auf dem Weg hinaus noch Zeugin folgender Szene: Ein einzelner Mann saß auf einer der Sitzinseln in der Mall. Mit Maske. Breit feixend setzte sich ein Pärchen, beide etwa Mitte 30, ohne Maske quasi auf seinen Schoß. Ohne Not. Weit und breit war Platz. Sie suchten die pure Provokation. Seufzend setzte der Mann sich ein paar Meter weiter weg – begleitet vom höhnischen Gelächter des sich zumindest mental noch im Teenie-Alter befindlichen Power-Couple.

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Was habe ich schon in den vielen Jahren Social Media gelernt, was wurde gestern nochmal bestätigt? Menschen, gerade in Gruppen, gefallen sich in unsozialem Verhalten. Es braucht strenge Regeln, es braucht strenge Kontrollen, und dafür braucht es Personal. Und, total analog: Ich sollte öfter hohe Schuhe tragen.

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