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Ist Ritalin ein Wundermittel oder Kokain fĂŒr Kinder?

t-online, afp, rw

Aktualisiert am 26.01.2018Lesedauer: 3 Min.
Die Verschreibung von Ritalin soll zukĂŒnftig strenger reguliert werden.
Die Verschreibung von Ritalin soll zukĂŒnftig strenger reguliert werden. (Quelle: /dpa-bilder)
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Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland wurde in den letzten Jahren eine Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitÀtsstörung (ADHS) diagnostiziert. Behandelt werden die Betroffenen in der Regel mit Arzneimitteln aus dem Bereich der Stimulanzien. Das bekannteste und zugleich meist diskutierte ist das PrÀparat Ritalin. Aber was ist eigentlich so problematisch an dem Medikament?

In der öffentlichen Debatte hat Ritalin einen zweifelhaften Ruf. Plakativ wird von "Kindern auf Kokain" gesprochen, weil mit einer massiven Überdosierung des Wirkstoffs Metylphenidat, der im Ritalin steckt, tatsĂ€chlich Ă€hnliche Effekte zu erzielen sind. Es wirkt antriebssteigernd und kann hoch- beziehungsweise ĂŒberdosiert eine ĂŒberschwĂ€ngliche Euphorie auslösen, die im ungĂŒnstigen Fall aber auch in AngstzustĂ€nde umschlagen kann.

Dosierung erfolgt durch den Arzt

Zu solchen Auswirkungen kommt es beim sachgemĂ€ĂŸen Gebrauch und verantwortungsvoller Dosierung durch den Arzt aber nicht. Bei ADHS-Patienten wird es eingesetzt, um den gestörten Dopamin-Haushalt im Gehirn zu korrigieren. Damit soll die FĂ€higkeit, sich ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum auf eine Sache konzentrieren zu können, verbessert werden.

Neue Regulierung der Verschreibungspraxis von Ritalin

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kliniken und Kassen hat entschieden, dass solche Medikamente nur noch in AusnahmefĂ€llen verschrieben werden sollen. Außerdem muss die Diagnose noch umfassender als bisher gestellt werden, und die Verordnung dieser Medikamente darf nur noch von Spezialisten fĂŒr Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen erfolgen. Zudem muse die Therapie regelmĂ€ĂŸig unterbrochen werden, um ihre Auswirkungen auf das Befinden des Kindes beurteilen zu können, heißt es in einer ErklĂ€rung des G-BA aus dem Jahr 2010.

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"Einsatz nur nach sorgfÀltigster Diagnose"

Einen sorglosen Umgang mit Ritalin will auch die Diplom Psychologin Cordula Neuhaus nicht. So dĂŒrfe die Verschreibung von Ritalin oder vergleichbaren PrĂ€paraten niemals auf den Wunsch eines Lehrers oder Betreuers zurĂŒckgehen, sondern mĂŒsse sich immer aus dem Leidensdruck des Patienten begrĂŒnden. Trotzdem ist ihr wichtig, das medial so oft verteufelte Medikament aus seiner Schmuddelecke zu befreien. Es seien in der ADHS-Therapie beachtliche Erfolge mit dem Einsatz von Stimulanzien wie Ritalin zu erzielen. "Behandelt werden sollte aber nur nach sorgfĂ€ltigster Diagnose und nur, wenn eine gute und profunde AufklĂ€rung erfolgt ist", macht die Spezialistin deutlich. Gerade wegen der teils stark negativ aufgeladenen öffentlichen Debatte ĂŒber Ritalin sei es wichtig, auch den jugendlichen Patienten zu erklĂ€ren, warum sie das Medikament brĂ€uchten und wie es ihnen hilft, damit es nicht zu heftigem Widerstand bei den oft sehr intelligenten Betroffenen kĂ€me.

Gezielte Verunsicherung ĂŒber Nebenwirkungen von Ritalin

Befeuert wird die öffentliche Diskussion ĂŒber Stimulanzien wie Ritalin immer wieder aus zum Teil sehr dubiosen Richtungen. Vor allem im Internet tun sich einige zunĂ€chst recht seriös anmutende Seiten mit einer Totalkritik hervor, die so manche besorgte Eltern verunsichern dĂŒrfte. Wenn man bei der Suchmaschine Google nach "Ritalin" sucht, stĂ¶ĂŸt man zum Beispiel auf eine Generalkritik auf der Seite wahrheitssuche.org, die sich durch allerlei zum Teil völlig abstruse Verschwörungstheorien hervortut. Eltern kann man nur raten, genau hinzuschauen, wer da seine Auffassungen online stellt und im Zweifel dem eigenen Arzt beziehungsweise Kinderpsychologen mehr zu vertrauen als dubiosen Quellen aus dem Web.

Medikamentöse Behandlung mit Ritalin kann Suchtproblematik vorbeugen

Anders als vielfach behauptet wird, soll Ritalin die Kinder nicht einfach ruhig stellen. Das wĂ€re mit einem stimulierenden Medikament wie Ritalin auch gar nicht zu erreichen. Statt dessen greift der Ritalin-Wirkstoff derart ins Gehirn ein, dass ein Betroffener weniger schnell ablenkbar ist und sich besser und ausdauernder auf eine einzelne Sache konzentrieren kann. Außerdem sind ADHS-Kinder und -Jugendliche deutlich stĂ€rker suchtgefĂ€hrdet als andere Menschen.

Sowohl ihre starke EmotionalitĂ€t als auch die immer wieder erlebten EnttĂ€uschungen machen sie hier anfĂ€lliger. Auch hier könne eine frĂŒhzeitige medikamentöse Behandlung spĂ€teren Suchterkrankungen vorbeugen, wie die Schweizerische Fachgesellschaft fĂŒr ADHS (SFG adhs) mitteilt. Danach hĂ€tten Langzeitbeobachtungen von ADHS-Patienten bis ins Erwachsenenalter hinein gezeigt, "dass Kinder mit ADHS, welche medikamentös behandelt werden, spĂ€ter eine geringere Rate an AbhĂ€ngigkeitsstörungen haben."

Stand der Forschung zu Methylphenidat:
Die Cochrane Gesellschaft, ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Gesundheitsfachleuten, hat eine Vielzahl von Studien zum Wirkstoff Methylphenidat ausgewertet. Die Wissenschaftler stellten dabei auch fest, dass eine Reihe der vorliegenden Studien qualitative MĂ€ngel aufweist. In der Schlussfolgerung zur systematischen Übersichtsarbeit heißt es: "Aufgrund der QualitĂ€t der verfĂŒgbaren Evidenz können wir derzeit nicht sicher sagen, ob Methylphenidat das Leben von Kindern und Jugendlichen mit ADHS verbessert. Methylphenidat geht mit einer Reihe von weniger schweren Nebenwirkungen wie Schlafproblemen und vermindertem Appetit einher. Obwohl wir keine Evidenz dafĂŒr fanden, dass das Risiko von schweren Nebenwirkungen erhöht ist, sind Studien mit lĂ€ngerer Nachbeobachtungszeit nötig, um dieses Risiko bei Menschen, die Methylphenidat ĂŒber einen langen Zeitraum nehmen, besser einschĂ€tzen zu können. Weitere Informationen finden Sie unter www.cochrane.org

Alternativen zu Ritalin in der ADHS-Therapie

Nicht zuletzt wegen der vielfach Ă€ußerst kritischen Betrachtung von Arzneimitteln wie Ritalin, sucht die medizinische Forschung mit Hochdruck nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Im GesprĂ€ch sind etwa PrĂ€parate mit Omega-3 und 6-FettsĂ€uren. Bislang fehlen jedoch wissenschaftliche Hinweise, ob die diese ungesĂ€ttigten FettsĂ€uren Kindern mit der Diagnose ADHS helfen, sich besser zu konzentrieren und ruhiger zu werden, wie Cochrane Österreich auf seiner Internetseite www.medizin-transparent.at erklĂ€rt.

Auch PrĂ€parate mit Zink und Magnesium werden diskutiert. Aber auch fĂŒr diese Mineralien fehlen laut "Medizin-Transparent.at" wissenschaftliche Belege, ob ihre Einnahme ĂŒber NahrungsergĂ€nzungsmittel einen positiven Effekt fĂŒr ADHS-Patienten hat.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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