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ADHS: Interview mit dem Kinderarzt Michael Hauch


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ADHS-Fehldiagnosen sind an der Tagesordnung

t-online, Simone Blaß

Aktualisiert am 18.05.2015Lesedauer: 5 Min.
Viele ganz normale Kinder sind unruhig, ohne dass sie ADHS haben, gibt der Kinderarzt Michael Hauch zu bedenken.
Viele ganz normale Kinder sind unruhig, ohne dass sie ADHS haben, gibt der Kinderarzt Michael Hauch zu bedenken. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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Kinder sind heutzutage einer Therapieflut ausgesetzt – das kritisiert der Kinder- und Jugendarzt Michael Hauch in seinem Buch "Kindheit ist keine Krankheit". Er stellt dabei aber nicht in Frage, dass es kleine Patienten gibt, um die man sich berechtigte Sorgen machen muss, die weitergehende Untersuchungen und auch Therapien brauchen. Allerdings seien das die wenigsten. t-online.de hat mit dem Düsseldorfer Arzt über ADHS gesprochen, und darüber, wie viele Kinder diese Diagnose zu Unrecht erhalten.

"Der unbedingte Wille, alles richtig zu machen, hat dazu geführt, dass sich Eltern von Freunden, Erzieherinnen, Lehrerinnen und Ratgeberbüchern den Blick auf ihr Kind vorschreiben lassen und es in der Folge nach Fehlern absuchen, die sie dann reparieren lassen wollen wie einen defekten Scheibenwischer am Auto", schreibt Dr. Hauch in seinem Buch.

Besonders gravierend seien die Folgen, wenn Kinder einen Stempel aufgedrückt bekämen, der sie möglicherweise ihr Leben lang verfolge und wenn Medikamente verschrieben würden, die sie gar nicht benötigen.

t-online.de: Sie schreiben, dass es eine große Anzahl an Kindern gibt, die zu Unrecht mit dem medizinischen Stempel F90 versehen werden, dem Diagnoseschlüssel für ADHS. Wie kommt das?

Michael Hauch: Es ist einfach und es passt in unsere Zeit. Dabei wissen wir gar nicht, was ADHS ausmacht. Wir haben keinen Marker, können es weder im Blut noch genetisch nachweisen. Viele ganz normale Kinder sind unruhig, aggressiv oder verträumt. Selbst wenn sie wirklich ADHS haben, ist es immer noch eine Frage der Ausprägung und des Umgangs damit. Man muss ganz klar sagen, ADHS ist kein Erziehungsproblem. Es ist auch kein Problem bestimmter sozialer Schichten. Es kommt dort durch andere Faktoren höchstens schneller und stärker zum Ausbruch. Aber tatsächlich ist es so, dass die Diagnose eindeutig zu häufig gestellt wird.

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Jeder vierte Junge in Deutschland zwischen sechs und 17 Jahren ist angeblich hyperaktiv. Ziemlich unwahrscheinlich, oder?

Allerdings. Ich würde sagen, in den meisten Fällen fehlt es vor allem an der Möglichkeit, sich auszutoben. Jungs sind von Natur aus unruhiger, bewegen sich mehr, aber das wird in der heutigen Zeit nicht gerne gesehen. Unsere Schulen sind, vor allem in den unteren Klassen, eher auf Mädchen ausgerichtet. Gefragt ist die kommunikative Kompetenz, und die haben Jungs in diesem Alter nicht so.

Die Kinder sitzen in zu engen Klassenzimmern, werden nachmittags von Termin zu Termin gefahren, verbringen ihre Freizeit vor dem Fernseher oder am Computer. Ich bin sicher, dass das bei vielen falschen ADHS-Diagnosen eine große Rolle spielt. Genau wie der Wunsch, das Kind möge die in unserer Gesellschaft notwendige Leistung in der Schule bringen, den Übertritt schaffen zum Beispiel.

Von Anfang an bekommen Eltern gesagt, was ihr Kind wann zu können habe und welche Therapie es braucht, wenn das nicht so ist. Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie gehören inzwischen zum Alltag sehr vieler Kinder. Worin sehen Sie die Gründe dafür?

Eltern und auch Lehrer haben das Vertrauen in ihre pädagogischen Fähigkeiten verloren und werden auch in diese Richtung nicht unterstützt. Es geht immer darum, bloß nichts zu versäumen. Kinder müssen sofort therapiert werden, denn später könne man nichts mehr machen – dabei stimmt das nicht. Es ist in vielen Punkten sehr viel mehr wert, dem Entwicklungsplan des Kindes zu vertrauen, ihm Zeit zu geben. Mit ihm zu spielen, statt es zu weiteren Terminen zu schleppen.

Aber es ist nicht einfach, sich nicht verrückt machen zu lassen, wenn einem andere sagen, das Kind brauche Hilfe.

Das stimmt. Ich frage die Eltern dann immer, wie sie denn ihr Kind finden. Das spielt vor allem bei ADHS eine große Rolle. Es gibt keinen Jungen, der nur in der Schule auffällig ist und zu Hause der liebste von allen. Wichtig ist, nicht nur das Verhalten im Klassenzimmer zu betrachten, sondern zum Beispiel auch die Sozialkontakte. Wenn mir eine Mutter sagt, ihr Kind sei ziemlich beliebt, hätte einen besten Freund und viele andere Kontakte, dann mag der Junge zwar wild sein, aber er hat bestimmt kein ADHS.

In Internetforen lässt sich ablesen, wie unsicher viele Eltern im Umgang mit ihren Kindern sind und wie sehr sie darauf vertrauen, dass es Erzieher, Lehrer, Ärzte und Therapeuten besser wissen. Entspricht das auch Ihrer Erfahrung?

Manche Eltern kommen fast jede Woche, weil sie befürchten, mit ihrem Kind stimme dies und dann wieder das nicht. Dabei sind die Kinder völlig normal entwickelt. Aber Eltern haben es heutzutage auch nicht ganz leicht. Die Großfamilie gibt es nicht mehr, viele sind alleingelassen. Hinzu kommen die Anforderungen von außen. Häufige Jobwechsel, mangelnde Sicherheit, Doppel- und Dreifachbelastungen und vor allem Erwartungen an sich und andere. Auch unsere Kinder leben in einer ganz anderen Umwelt als wir früher. Soziale und kommunikative Kontakte kommen zu kurz. Genau wie unbeobachtetes, stundenlanges Spiel mit anderen Kindern.

Kinder mit ADHS gab es auch früher schon, doch sie wurden von der Gesellschaft besser aufgefangen als es heute der Fall ist. Heute haben Schule und Abschlüsse eine ganz andere Dimension. Wir machen alles vom Schulerfolg abhängig und das ebnet den Weg für Medikamente.

Immer wieder kommt es vor, dass nicht die Eltern selbst, sondern das Umfeld, zum Beispiel Lehrer, bei einem Kind ADHS vermuten zu einer Behandlung drängen. Wie gehen Sie als Kinderarzt damit um, wenn sie das Gefühl haben, hier soll ein lebhaftes Kind ruhiggestellt werden?

Sehr häufig habe ich die Erfahrung gemacht, dass Lehrer sehr schnell den Verdacht äußern und die Eltern mit dem Kind zum Arzt schicken. Zum einen aus Überforderung, aber auch aus Angst, etwas zu übersehen und später Vorwürfe zu bekommen. Zunächst suche ich in solchen Fällen das Gespräch mit Lehrern und Eltern und ich sehe mir die Schulhefte der Kinder an.

Daran kann man oft schon sehr gut erkennen, wie sich ein Kind konzentrieren kann und wie es denkt. Wir Kinder- und Jugendärzte kennen die meisten unserer Patienten recht gut und wenn die Eltern auf weiteren Untersuchungen bestehen oder ich wirklich einen begründeten Verdacht habe, dann schicke ich die Eltern zu Spezialisten. Aber natürlich ist dies in einer Großstadt deutlich einfacher als auf dem Land.

In ihrem Buch kritisieren Sie die Therapiewut in Deutschland. Dabei bestreiten Sie aber nicht, dass es sinnvolle Therapien gibt?

Natürlich haben viele Therapien ihren Zweck. Andererseits wird viel zu oft viel zu schnell eine Therapie verordnet. Das Kind bekommt so das Bewusstsein, es stimme etwas nicht mit ihm. Viele Eltern sehen ihr Kind nur noch mit einer Defizitbrille. Hinzu kommt, dass durch zu viele Therapien die Verantwortung von den Eltern weg verlagert wird. Völlig normal entwickelte Kinder werden von einem Therapietermin zum anderen kutschiert. Die Eltern haben das Gefühl, das Beste für ihr Kind zu machen. Diese Zeit könnte man aber viel sinnvoller nutzen. Auch bei Entwicklungsproblemen macht jede Therapie nur dann Sinn, wenn die Eltern integriert werden.

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Interessant ist, dass nur zehn Prozent der Kinder, die angeblich ADHS haben, eine Psychotherapie verschrieben bekommen. Dabei wäre das ein ganz wichtiger Baustein, gerade in Kombination mit den entsprechenden Medikamenten. Denn wenn ein Kind wirklich ADHS hat, dann müssen die Familien lernen, damit umzugehen, sie müssen überlegen, wie man die Energie des Kindes sinnvoll bündeln kann und wie sie ihr Kind trotz aller Probleme wertschätzen. Dann ist es eben nicht mit einer Pille getan, die die Konzentration steigert.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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