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Wer die vierte Corona-Impfung braucht – und wer nicht

dpa, cbr

26.07.2022Lesedauer: 4 Min.
Zweite Booster-Impfung: Für wen ist sie wirklich nötig?
Zweite Booster-Impfung: Für wen ist sie wirklich nötig? (Quelle: Julian Stratenschulte/dpa-bilder)
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Der Bundesgesundheitsminister rät auch Jüngeren dazu, doch einige Fachleute winken ab. Brauchen gesunde Erwachsene derzeit einen zweiten Corona-Booster?

Das Wichtigste im Überblick


Wer derzeit über eine zweite Booster-Dosis der Corona-Impfung nachdenkt, kann schnell den Durchblick verlieren: Die Ratschläge aus Politik, Behörden und von der Ständigen Impfkommission (Stiko) unterscheiden sich. Ja, was denn nun?


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Wer empfiehlt was?

Die für Impfempfehlungen in Deutschland zuständige Stiko hält eine zweite Auffrischungsimpfung bisher nur für Teile der Bevölkerung für sinnvoll: etwa für Menschen ab 70 Jahren, Patienten mit unterdrücktem Immunsystem, Pflegeheimbewohner und Personal medizinischer Einrichtungen. Weitere Fachleute stärkten der Kommission in den vergangenen Monaten bei dieser Frage den Rücken.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hingegen drängt immer wieder auf mehr Viertimpfungen und brachte diese zuletzt für alle gesunden Erwachsenen ins Spiel. Dann sind da noch zwei EU-Behörden: ECDC und Ema riefen die Mitgliedstaaten auf, zweite Booster schon ab 60 Jahren anzubieten. Stiko-Chef Thomas Mertens hatte daraufhin angekündigt, das Gremium werde sich "relativ bald" zu einer möglichen Erweiterung der bestehenden Empfehlung äußern.

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Wie begründet Lauterbach seinen Rat für unter 60-Jährige?

Wolle man den Sommer ohne Risiko einer Erkrankung genießen, würde er die zweite Auffrischungsimpfung – "in Absprache natürlich mit dem Hausarzt" – auch Jüngeren empfehlen, sagte Lauterbach kürzlich dem "Spiegel". Mit der zweiten Booster-Impfung habe man "eine ganz andere Sicherheit". Er argumentiert mit einem für ein paar Monate deutlich verringerten Infektionsrisiko und deutlich geringerem Long-Covid-Risiko.

Was sagen Kritiker dieser Forderung?

Der Virologe Mertens sagte der "Welt am Sonntag", er kenne keine Daten, die den Ratschlag von Lauterbach rechtfertigten. "Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto 'viel hilft viel' auszusprechen." Die EU-Behörden ECDC und Ema hielten fest, dass es derzeit keine klaren epidemiologischen Beweise gebe, die die Gabe zweiter Booster bei immungesunden Menschen unter 60 Jahren stützen – es sei denn, Patienten hätten gesundheitliche Beeinträchtigungen.

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Was sind die Argumente gegen Lauterbachs Rat?

Aus Sicht mehrerer Immunologen reichen für gesunde Erwachsene unter 60 die bisher von der Stiko empfohlenen drei Corona-Impfungen, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis aufzubauen. Es biete in der Regel zumindest Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhaus und Tod. Absoluten, lang anhaltenden Schutz vor Infektion bringe jedoch auch Dosis 4 für diese Gruppe nicht.

So erklärte der Immunologe Andreas Radbruch im Gespräch mit t-online: "Für jüngere Menschen – also unter 60 bis 70 Jahre – und solche, die keiner Risikogruppe angehören, bietet die vierte Impfung kaum Vorteile. Schon nach drei Impfungen liegt der individuelle Immunschutz bei 94 Prozent. Schwere Krankheitsverläufe werden so also bestmöglich verhindert."

Wer zum Beispiel vor dem Urlaub keine Ansteckung mehr riskieren wolle, solle sich etwa durch Maske, Abstand und Kontaktreduktion schützen, rät Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch Epidemiologe Hajo Zeeb geht von einem allenfalls geringen Vorteil der zweiten Booster-Impfung für unter 60-Jährige aus, insbesondere wenn Menschen zwischenzeitlich erkrankt waren.

Welche Rolle spielt der Impfzeitpunkt?

Der ist keineswegs nebensächlich. Schließlich wird für den Herbst nicht nur wieder eine Zunahme des Infektionsgeschehens erwartet – sondern auch Vakzine, die an Omikron angepasst sind. Es dürfte also noch mal eine größere Impfkampagne anstehen. Allerdings ist momentan ungewiss, mit welchen Mutationen das Virus bis dahin aufwartet und für wen dann erneute Impfempfehlungen ausgesprochen werden.

Was man aber schon sagen kann: Impfabstände von mehreren Monaten haben sich laut Stiko-Mitglied Christian Bogdan (Uniklinikum Erlangen) als vorteilhaft für die Stärke der ausgelösten Immunantwort und für die daraus resultierende Schutzdauer erwiesen. "Besonders wichtig ist, dass eine Booster-Impfung – also die dritte Impfung – in einem deutlichen Abstand zur zweiten Impfung stattfindet", im Idealfall nicht früher als sechs Monate danach.

Dies gelte auch für einen möglichen zweiten Booster. Dieser Abstand gewährleiste eine Steigerung der Immunantwort. Impfe man jedoch in eine laufende Immunantwort hinein, sei der Effekt stark abgeschwächt.

Kann die vierte Dosis auch anderweitig kontraproduktiv sein?

Stiko-Mitglied Bogdan sagt, dass es zur Frage des möglichen Schadens von zusätzlichen, klinisch nicht angezeigten Impfungen bisher für die Covid-Impfstoffe keine umfassenden immunologischen Untersuchungen gebe. Manche Experten verweisen zwar darauf, dass von wiederholten Impfungen etwa gegen Pocken oder Influenza keine negativen Effekte bekannt seien – ebenso wenig bei den Einzelfällen, in denen sich Menschen etliche Male gegen Covid-19 impfen ließen.

Der Immunologe Andreas Radbruch gibt jedoch zu bedenken: "Sie können das Immunsystem auch überreizen. Zum einen kann es sich an die Impfstoffe gewöhnen und reagiert dann gar nicht mehr. Schon das ist ja nicht gewollt. Zum anderen kann es sein, dass das Immunsystem nicht mehr so gut auf manche ganz neue Varianten reagiert, weil es zu sehr auf die ursprüngliche Form geprägt ist."

Sollte ich mir also den zweiten Booster holen?

Obwohl es unbefriedigend ist: Zum jetzigen Zeitpunkt kann man diese Frage nicht pauschal beantworten. Es hängt auch davon ab, wie gut das Immunsystem des Einzelnen auf die ersten drei Impfungen reagiert hat.

Der Immunologe Andreas Thiel von der Berliner Charité sagt, für "manche wenige" Menschen unter 60 könnte die vierte Impfung essenziell sein – allerdings könne man die nicht einfach erkennen. Für die meisten in dieser Altersgruppe sei eine vierte Dosis dagegen nicht wirklich signifikant. "Jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten."

Allerdings kann der eigene Hausarzt bei der Entscheidung helfen. Gesetzlich zuständig für Impfempfehlungen ist die Stiko, auch viele Ärzte richten sich nach ihren Ratschlägen. Jedoch dürfen Mediziner auch ohne Stiko-Empfehlung einen zweiten Booster spritzen.

Wie steht es denn derzeit insgesamt um den Impfstatus der Nation?

Abgesehen von der Frage nach mehr Viertimpfungen: Schon gemessen an den bisherigen Stiko-Empfehlungen klaffen einige Impflücken. Das Robert Koch-Institut gab in einem Bericht vom Juli an, dass noch etwa 1,3 Millionen Menschen ab 60 Jahren und rund 7,9 Millionen Erwachsene unter 60 ihren Impfschutz mit mindestens einer Impfung auffrischen müssten. Noch gar keine Impfung erhalten hätten rund 1,9 Millionen Menschen ab 60 und rund 7,3 Millionen Erwachsene unter 60 Jahren.

Der Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge berichtete auf Twitter, dass leider immer wieder Risikopatienten mit unvollständiger Corona-Impfserie aufgenommen würden: Jüngst etwa eine mit SARS-CoV-2 infizierte 90-Jährige, die nur einmal geimpft worden sei. "Diese Impflücken sollten jetzt geschlossen werden", appellierte er.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Laura Stresing, Cem Özer, Sandra Simonsen
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