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Revolution Permakultur: Selbstversorgung in Krisenzeiten

Von dpa
19.04.2022Lesedauer: 4 Min.
April Sampson-Kelly inmitten ihrer "Silk Farm": Der "Food Forest" oder ErnÀhrungs-Garten wurde nach den Prinzipien der Permakultur-Lehre angelegt.
April Sampson-Kelly inmitten ihrer "Silk Farm": Der "Food Forest" oder ErnÀhrungs-Garten wurde nach den Prinzipien der Permakultur-Lehre angelegt. (Quelle: Michelle Ostwald/dpa./dpa)
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Sydney (dpa) - Wer April Sampson-Kelly besucht, spĂŒrt gleich: Irgendetwas an diesem Ort ist anders. Wild, verwunschen und irgendwie unberĂŒhrt. Im Vorgarten wachsen Baumriesen und ein enormer Bambus, der in den Himmel ragt.

Dazwischen tummeln sich kleinere Feigen-, Limetten- und KarubenbĂ€ume sowie Kaffee- und Ingwerpflanzen. In der Ferne schnattern und gackern GĂ€nse und HĂŒhner. Aber das vermeintliche Chaos auf dem GrundstĂŒck hat Methode.

GĂ€rtnern nach nachhaltigen und ethischen Prinzipien

Sampson-Kellys urbane "Silk Farm" in Mount Kembla, etwa zwei Autostunden sĂŒdlich von Sydney, wurde nach den Prinzipien der "Permakultur" entworfen - einem australischen Konzept, mit dem jeder seinen Garten und seine Lebensweise nach nachhaltigen und ethischen Prinzipien gestalten kann.

Nur Rasen im Vorgarten, das sei gestern gewesen, sagt die 55-jĂ€hrige Mutter zweier Söhne. Stolz schaut sie auf die ĂŒppige Flora ringsum. Mittlerweile wachsen etwa 200 Pflanzenarten auf der 1600 Quadratmeter großen Farm, darunter Bananen, Guaven, Mangos, Taros, SĂŒĂŸkartoffeln und diverse KrĂ€uter. Damit kann sich die Familie fast komplett selbst versorgen.

Vor mehr als 40 Jahren entstanden

Den eigenen Haushalt direkt aus dem Garten zu ernĂ€hren, ist ein Ziel der Permakultur. "Manche nennen Permakultur eine "coole" Form des biologischen Gartenbaus", sagt David Holmgren, der die Bewegung vor mehr als 40 Jahren mitgegrĂŒndet hat. "Es handelt sich um ein Designsystem fĂŒr eine nachhaltige und widerstandsfĂ€hige Landnutzung und Lebensweise."

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Gemeinsam mit dem Biologen Bill Mollison bringt der Ökologe und Umweltdesigner Holmgren 1978 das Buch "Permaculture One" heraus - der Begriff setzt sich aus den Wörtern "permanent" und "agriculture" zusammen. Zu den zwölf Prinzipien, die im Handbuch erklĂ€rt werden, gehören Ideen, wie MĂŒllvermeidung und die Nutzung erneuerbarer Energien, sowie Mottos wie "Langsame und kleine Lösungen suchen". Ziel ist es letztlich, eine Landwirtschaft zu entwickeln, die ein Überleben im Einklang mit der Natur ermöglicht.

Die Prinzipien sind universell

Permakultur werde heute auf verschiedenste Arten und sowohl in dicht besiedelten als auch lĂ€ndlichen Gegenden angewandt, erzĂ€hlt Holmgren. "Das reicht von wohlhabenden, sozial komfortablen Milieus bis hin zu den Ärmsten auf dem Planeten." Die Prinzipien seien universell. Je nach Kontext und Ort - ob im tropischen Norden Australiens oder im gemĂ€ĂŸigten Mitteleuropa - gestaltet sich das Design unterschiedlich.

So wild die Silk Farm in Mount Kembla auch aussieht: Alles ist hier genau konzipiert. Pflanzen, die viel Wasser benötigen werden mit recyceltem Abfallwasser versorgt, das hohe Baumkronendach bietet Schatten, stachelige Pflanzen am GrundstĂŒcksrand schrecken unerwĂŒnschte Tiere ab.

"Beobachtung ist der SchlĂŒssel", sagt Sampson-Kelly. "Eine Permakultur-FlĂ€che ist zwar weniger Arbeit als Rasen, der gemĂ€ht werden muss. Aber man braucht mehr Wissen, muss beobachten und Entscheidungen treffen."

Interesse an Permakultur nimmt stetig zu

In den 1980er Jahren bringt der irische Architekt und Permakultur-Designer Declan Kennedy das Konzept nach Deutschland. Heute wird es sogar an UniversitĂ€ten gelehrt. "Permakultur funktioniert vom Grundgedanken her weltweit", sagt Christopher Henrichs, Vorsitzender desVereins Permakultur-Niederrhein. "FĂŒr mich ist es ein spannender Werkzeugkasten, um die Zukunft zu gestalten."

Das Interesse an Permakultur nimmt weltweit stetig zu. Denn die Angst vor Lebensmittelknappheit und der Wunsch, sich im Notfall selbst versorgen zu können, sind durch den Krieg in der Ukraine, die Corona-Pandemie und die Klimakrise gewachsen.

"In der Praxis bedeutet Permakultur, den Fokus auf eine grĂ¶ĂŸere Selbstversorgung und WiderstandsfĂ€higkeit zu legen - in der Sprache des Klimawandels spricht man von "Anpassung"", sagt MitbegrĂŒnder Holmgren. "Man verringert so automatisch auch Treibhausgas-Emissionen - selbst wenn das nicht die eigentliche Motivation war."

Lösung im Kampf gegen den Klimawandel?

Kann Permakultur eine Lösung im Kampf gegen den Klimawandel sein - oder eignen sich die Ideen aus Down Under nur fĂŒr den eigenen Garten? "FĂŒr uns ist das Herzensthema, zu gucken: Funktioniert das Ganze auch in Groß und kommerziell und kann das zu dem dringend benötigten Wandel beitragen?", sagt Henrichs. Mit Bildungsarbeit will der Verein das Nischendasein der Permakultur in Deutschland beenden und die Ideen weiter verbreiten.

Auf der politischen Ebene sei Permakultur noch fast gar nicht angekommen, wohl aber bei vielen BĂŒrgern, sagt Florian Wichern, Professor fĂŒr Nachhaltige Landwirtschaft an der Hochschule Rhein-Waal. Ihre Motivation: "Bei etlichen Leuten gibt es ein Bestreben, eine bessere Welt zu unterstĂŒtzen. Und die Erkenntnis, dass es durch die verschiedenen ökologischen Krisen auch zu einer HandlungsverĂ€nderung kommen muss."

FĂŒr den australischenPermakultur-Pionier Holmgrenhaben seine Prinzipien das Potenzial, weltweit zu einem Umdenken beizutragen: "Es gibt Leute, die Permakultur als "Revolution getarnt als Gartenarbeit" bezeichnen." Ob die Lehre wirklich global fĂŒr VerĂ€nderungen sorgen kann, muss sich aber noch zeigen.

In der Zwischenzeit kann jeder den Wandel im Kleinen beginnen: "Als erstes fragen wir: Wie können wir Energie und NĂ€hrstoffe, die normalerweise verloren gehen, nutzen?", sagt Sampson-Kelly, die auf ihrer Farm auch Permakultur-Workshops anbietet. Ein Beispiel seien Lebensmittelreste in der KĂŒche. "Das ist eine NĂ€hrstoffquelle, die man ganz einfach fĂŒr eine Wurmfarm nutzen kann." Die WĂŒrmer setzen die Essensreste zu Kompost fĂŒr den Garten um - und so schließt sich der Kreis.

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