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Tatort Schule: Beleidigen, PrĂŒgeln, SchwĂ€nzen, FĂ€lschen

t-online, Silke Asmußen

Aktualisiert am 06.01.2017Lesedauer: 6 Min.
Tatort Schule - wann Kinder kriminell handeln.
Tatort Schule - wann Kinder kriminell handeln. (Quelle: /dpa-bilder)
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Das eigene Kind in Konflikt mit dem Gesetz - schon im schulischen Umfeld ĂŒberschreitet der Nachwuchs leicht die Grenze zwischen jugendlichem Übermut und Vergehen, die strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können - auch fĂŒr die Erwachsenen.

Daran ist nicht zu rĂŒtteln: StrafunmĂŒndig und damit geschĂŒtzt vor strafrechtlicher Verfolgung sind nach deutscher Gesetzgebung alle unter 14-JĂ€hrigen - ganz gleich, was sie angestellt haben. Ältere SchĂŒler hingegen mĂŒssen fĂŒr das geradestehen, was sie ausgefressen haben, wenn auch nicht immer vor Gericht.

Erste Instanz ist die Schule

Hintergrund dafĂŒr ist, dass ihre Missetaten in einen Bereich zwischen Schul- und Strafrecht fallen. Geraten SchĂŒler aus der Spur, greife in der Regel als erste Instanz die Schule ein - und zwar im Rahmen ihrer Aufsichts- und Schutzpflicht gegenĂŒber SchĂŒlern und Lehrpersonal mit entsprechenden Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen, sagt Edith Schwab, FachanwĂ€ltin fĂŒr Familienrecht. Je nach Art und Schwere des Vorfalls sowie der EinschĂ€tzung des GeschĂ€digten mĂŒssen strafmĂŒndige Jugendliche aber unter UmstĂ€nden mit einer Anklage rechnen.

Dass Kinder und Jugendliche in deutschen Schulen gar nicht so selten deutlich ĂŒber das Ziel hinausschießen, beleuchtet die aktuelle Forsa-Umfrage "Gewalt gegen LehrkrĂ€fte" fĂŒr den Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) unter bundesweit fast 2000 PĂ€dagogen.

Laut der Befragung wurde rund jede vierte Lehrkraft hierzulande in den vergangenen fĂŒnf Jahren schon einmal von einem SchĂŒler bedroht, beleidigt, beschimpft oder gemobbt. Sechs Prozent der Umfrageteilnehmer berichteten von körperlichen Angriffen, genauer: von Fausthieben, Tritten oder dem Bewerfen mit GegenstĂ€nden. Zunehmend entwickelt sich nach der Analyse außerdem das Mobbing von Lehrern im Internet zum Problem: 77 Prozent der Befragten klagten ĂŒber verstĂ€rkte Online-Schikanen.

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Online-Schikanen sind kein harmloser Spaß

Entwickeln sich unsere Schulen zum Tummelplatz fĂŒr kriminellen Nachwuchs? Eher nicht. Viele Jugendliche, die etwa einen Lehrer oder Klassenkameraden mit einem fiesen Bild oder Video auf Instagram oder Facebook bloßstellen, sind sich wahrscheinlich nicht bewusst, dass es sich dabei juristisch um eine Beleidigung und damit um eine Straftat handelt.

Ob SchĂŒler ab 14 Jahren deswegen einen Strafprozess fĂŒrchten mĂŒssen, hĂ€ngt zum einen vom Ausmaß der Verunglimpfung ab und vom Grad ihrer Verbreitung, die in einem sozialen Netzwerk natĂŒrlich stĂ€rker ist als im Klassenzimmer. Zum anderen spielt die Einsicht des ÜbeltĂ€ters eine wichtige Rolle – ungeachtet seines Alters.

In einem ersten Schritt werde die Schule mit dem ausfÀllig Gewordenen sprechen, ihn auffordern, den beleidigenden Beitrag zu löschen und sich bei seinem Opfer zu entschuldigen, sagt Schwab. So verfahren die Schulverantwortlichen auch, wenn die SchmÀhung nicht online, sondern in der Klasse oder auf dem Schulhof stattgefunden hat.

Zeige das GesprĂ€ch nicht den gewĂŒnschten Erfolg, lade die Schule die Eltern vor und erinnere sie an ihre Aufsichts- und Erziehungspflicht. Bei besonders gravierenden oder mehrfachen Beleidigungen werde zudem das Jugendamt eingeschaltet, das dann seinerseits individuell entscheidet, ob und mit welchen Maßnahmen es eingreift.

Physische Gewalt fĂŒhrt oft zu Schulverweis

Und was, wenn es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen ist, wie in der Forsa-Umfrage beschrieben? "Greift ein SchĂŒler einen Lehrer oder MitschĂŒler tĂ€tlich an, gilt das als Körperverletzung und stellt eine Straftat dar", sagt AnwĂ€ltin Schwab. Schon die Androhung von Gewalt sei strafbar, zum Beispiel das Erheben der Faust gegen eine Lehrkraft. Eine solche Attacke setze ein Ă€hnliches schulinternes Prozedere in Gang wie im Falle einer Beleidigung, meist jedoch mit einem Schulverweis als Ergebnis.

Nur in EinzelfĂ€llen entschließt sich das Jugendamt dazu, den TĂ€ter aus dem elterlichen Zuhause zu nehmen und beispielsweise in einer betreuten Wohnmaßnahme unterzubringen.

Eine Verurteilung droht einem strafmĂŒndigen SchĂŒler, wenn ihm ein Vergehen zweifelsfrei nachzuweisen ist und sich das Opfer entschließt, einen Strafantrag zu stellen. Laut Schwab kann der junge TĂ€ter in dem darauf folgenden Gerichtsverfahren von einem Arbeitsdienst bis hin zu einer Geldstrafe verdonnert werden in einem Rahmen, wie er auch bei Erwachsenen angewendet wird. Doch soweit kommt es meist nicht.

Lehrer scheuen sich, Straftaten von SchĂŒlern anzuzeigen

Die Forsa-Studie zeigt: Nur sieben Prozent der betroffenen PĂ€dagogen zogen vor Gericht. Stattdessen setzten die Schulen auf interne pĂ€dagogische Lösungen. Diese reichten von der Einschaltung der Eltern (25 Prozent), dem Reflektieren der Tat durch den SchĂŒler (23 Prozent) sowie Ordnungsmaßnahmen (17 Prozent) ĂŒber einen temporĂ€ren oder dauerhaften Schulverweis, eine Klassenkonferenz, das Hinzuziehen der Schulleitung oder anderer AutoritĂ€ten bis hin zum Ausschluss von AktivitĂ€ten, Nachsitzen oder Strafarbeiten. Außerdem wurden psychotherapeutische Maßnahmen und soziale TĂ€tigkeiten angeordnet.

SchulschwÀnzer begehen Ordnungswidrigkeit

Massiven Ärger handeln sich jedoch nicht nur SchĂŒler ein, die psychische oder physische Gewalt gegen andere ausĂŒben. Aus juristischer Sicht problematisch können auch ganz klassische "JugendsĂŒnden" werden. Nach einer SchĂ€tzung des Deutschen Lehrerverbandes machen zum Beispiel 100.000 Kinder tĂ€glich blau - und SchwĂ€nzen ist nicht wirklich ein Kavaliersdelikt. SchĂŒler, die sich eigenstĂ€ndig Freistunden oder freie Tage gönnen, verstoßen gegen die gesetzliche Schulpflicht und begehen eine Ordnungswidrigkeit.

Nur volljĂ€hrige SchĂŒler dĂŒrfen allein entscheiden, ob sie zum Unterricht gehen wollen oder nicht. In der Folge riskieren sie zwar einen Schulverweis – wem aber ohnehin nichts an der Teilnahme am Unterricht liegt, den wird das kaum belasten.

Eltern droht Geldstrafe

Bei allen anderen Schulvermeidern stĂŒnden die Eltern in der Pflicht, erlĂ€utert AnwĂ€ltin Schwab. MĂŒtter und VĂ€ter seien verpflichtet dafĂŒr zu sorgen, dass ihr Spross im Klassenzimmer erscheint.

GrundsĂ€tzlich gilt fĂŒr MinderjĂ€hrige: StrafmĂŒndig werden Kinder hierzulande erst mit 14 Jahren. JĂŒngere könnten selbst fĂŒr objektiv strafbares Verhalten strafrechtlich nicht belangt werden, erklĂ€rt die Frankfurter RechtsanwĂ€ltin Adelheid Viesel. 14- bis 18-JĂ€hrige fallen demnach unter ein besonderes - im Jugendgerichtsgesetz (JGG) geregeltes - Jugendstrafrecht. Dieses sei dem Erziehungsgedanken verhaftet und weniger dem Strafrecht. Bei auffĂ€llig gewordenen jungen Menschen ordne das Jugendgericht gewöhnlich Erziehungsmaßnahmen an. 18- bis 21-jĂ€hrige hingegen mĂŒssen laut Juristin Viesel damit rechnen, dass geprĂŒft wird, ob in ihrem Fall das Jugend- oder das Erwachsenenstrafrecht angewandt wird. Paragraph 3 des JGG legt fest, dass Jugendliche sich strafrechtlich verantworten mĂŒssen, wenn sie reif genug sind einzusehen, dass ihr Verhalten nicht rechtens war. Das Jugendstrafrecht greift hingegen bei typischen Jugendverfehlungen oder wenn der Heranwachsende "in seiner Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichsteht“ (§ 105 JGG).

Andernfalls bestelle die Schule die Eltern ein und fordere sie auf, fĂŒr einen regelmĂ€ĂŸigen Schulbesuch zu sorgen. SchwĂ€nzt der Nachwuchs weiterhin, können den Eltern Bußgeldbescheide in Höhe von mehreren hundert Euro ins Haus flattern. Die Familienrechtlerin rĂ€t, diese nicht zu ignorieren. Sie kennt FĂ€lle, in denen einem ersten Bescheid ĂŒber eine Strafe von 300 Euro nach einer gewissen Frist eine Forderung von 600 Euro folgte.

In der Praxis gelĂ€nge es Eltern einfach nicht immer, ihr Kind ohne professionelle Hilfe zur Einsicht zu bewegen, sagt Fachfrau Schwab. Bei einer guten Kooperation von Schule und Jugendamt könne ein SchĂŒler, der immer wieder schwĂ€nze, zwar notfalls per Polizei-Eskorte von seinem Zuhause bis zur Schulbank begleitet werden. Voraussetzung dafĂŒr sei allerdings eine gerichtliche VerfĂŒgung, die das Sorgerecht in Bezug auf den Schulbesuch dem Jugendamt ĂŒbertrage. Nach Schwabs Erfahrung sparen sich die Behörden diesen Aufwand gerne - vor allem bei Jugendlichen, die bald volljĂ€hrig werden.

UrkundenfÀlschung ist kriminell

Eine andere in strafrechtlicher Hinsicht kritische Situation kennen zahlreiche Eltern sicher aus der eigenen Jugend: Wer noch nicht volljĂ€hrig ist, benötigt hin und wieder die Unterschrift eines Elternteils, etwa unter einer Klassenarbeit oder Entschuldigung. Um Ärger wegen schlechter Noten oder Fehltagen zu entgehen, lĂ€sst sich mancher SchĂŒler dazu verleiten, den elterlichen Schriftzug zu fĂ€lschen. "Im Einzelfall sehen Lehrer darĂŒber eventuell sogar hinweg", sagt Schwab. "Manipuliert ein strafmĂŒndiger SchĂŒler allerdings ein behördliches Dokument – zum Beispiel ein Ă€rztliches Attest oder ein Schulzeugnis – , ist das eine kriminelle Handlung. Ebenso strafbar machten sich Gehilfen und Anstifter."

Und Vorsicht: Das unter Teenagern beliebte Anpassen des Geburtsdatums auf dem SchĂŒlerausweis ist ebenfalls UrkundenfĂ€lschung. Fliegt der Schwindel auf, kommen ErsttĂ€ter gewöhnlich mit einer Ermahnung oder Sozialstunden davon. Je nach Einsatz des Ausweises wird aber möglicherweise eine Strafe nach dem Jugendstrafrecht fĂ€llig.

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Finger weg von Zeugnissen!

Kein Pardon haben volljĂ€hrige Manipulatoren zu erwarten. Die Jugendkammer des Amtsgerichts Kassel verurteilte beispielsweise eine 24-JĂ€hrige, die die Schule in der zwölften Klasse abgebrochen, spĂ€ter das Abiturzeugnis ihrer Freundin genutzt und mit ihren Daten versehen hatte, nach Erwachsenenstrafrecht zu einer Geldbuße von 400 Euro. Die junge Frau hatte sich laut einem Medienbericht mit dem getĂŒrkten Dokument an der Kasseler UniversitĂ€t einschreiben wollen. Der Plan scheiterte, als die Hochschule die Zeugnisse kontrollierte und bei der Schule nachfragte.

Sogar zehn TagessÀtze à 60 Euro bekam ein 27-jÀhriger Student aufgebrummt, der sich mit einem gefÀlschten Abschlusszeugnis einer Fachoberschule einen Studienplatz erschlichen hatte. Seine Immatrikulation war selbstverstÀndlich hinfÀllig.

Dass derartige Schummeleien sich noch nach vielen Jahren als Zeitbombe erweisen können, belegt die Geschichte einer Frau, die jahrzehntelang als Lehrerin gearbeitet hatte, bis ihre Hochstaplerei auffiel. Schon das Abiturzeugnis, auf das die falsche PÀdagogin ihre Karriere aufgebaut hatte, war unecht. Sie wurde nach Informationen des "Spiegel" fristlos entlassen und wegen Betrugs und UrkundenfÀlschung zu zwei Jahren Haft auf BewÀhrung verurteilt.

Maßnahmenkatalog des Jugendstrafrechts

"Das Jugendstrafrecht stellt einen breiten Katalog von Rechtsfolgen zur VerfĂŒgung, mit denen das Gericht im Einzelfall angemessen reagieren kann", sagt Juliane Baer-Henney, Pressesprecherin des Bundesministeriums der Justiz und fĂŒr Verbraucherschutz (BMJV):

  • Weisungen zur Teilnahme an einem sozialen Trainingskurs oder an einem TĂ€ter-Opfer-Ausgleich
  • gemeinnĂŒtzige Arbeitsleistungen
  • Schadenswiedergutmachung
  • Jugendarrest
  • Jugendstrafe.
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