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Darum kann die Pubertät der eigenen Kinder Spaß machen

INTERVIEWAutorin über Teenager  

Warum es Spaß machen kann, Jugendliche durch die Pubertät zu begleiten

Von Claudia Hamburger

02.07.2018, 14:03 Uhr
Darum kann die Pubertät der eigenen Kinder Spaß machen. Teenager: Teenager haben oft tolle Meinungen und gute Ideen. (Quelle: Getty Images/oneinchpunch)

Teenager: Teenager haben oft tolle Meinungen und gute Ideen. (Quelle: oneinchpunch/Getty Images)

Unvorhersehbare Wutausbrüche, Experimente mit Alkohol, schlechte Noten – die Pubertät ist keine einfache Zeit, weder für die Jugendlichen selbst, noch für ihre Eltern. Maja Overbeck, Autorin des Buches "I love Teens" erklärt im Interview, warum sie dennoch die Pubertät ihres Sohnes als die schönste Zeit ihres Mutterdaseins bezeichnet, und gibt Tipps, wie andere Teenager-Eltern diese Zeit ebenfalls genießen können.

t-online.de: Frau Overbeck, Im Vorwort zu Ihrem Buch heißt es "Für mich ist jetzt die schönste Zeit meines Eltern-Lebens." Viele Eltern würden das vermutlich nicht so unterschreiben. Warum sehen Sie das so?

Maja Overbeck: Zum einen habe ich es als anstrengender empfunden als andere Mütter, Mutter eines Kleinkindes zu sein. Das lag natürlich nicht an meinem Sohn, sondern daran, dass ich nicht so gut damit zurechtkam, mit ihm nicht wirklich kommunizieren zu können. Deshalb finde ich es umso toller, dass sich jetzt ein Verhältnis auf Augenhöhe entwickelt. Wir können jetzt über die Dinge sprechen und Konflikte – die ohne Ende da sind, keine Frage – auf einer anderen Ebene lösen. Es ist nicht mehr allein meine Verantwortung, wir sind jetzt beide beteiligt an einer guten Beziehung.

Und zum anderen?

Zum anderen finde ich Teenager per se einfach toll. Ich mag die Direktheit, mit der sie Feedback geben, mag wie mutig sie sind, dass sie sich um vieles einfach nicht scheren, dass sie bereit sind, anzuecken, Risiken einzugehen, Ärger in Kauf zu nehmen. Solche Dinge, die wir als Erwachsener nicht mehr machen. Wenn man es schafft, mit ein bisschen Abstand das Positive daran zu erkennen, kann diese Zeit auch Eltern viel Spaß machen.

Muss man als Mutter beziehungsweise Vater bei sich selbst ein paar Dinge ändern, um die Zeit des Kindes in der Pubertät "genießen" zu können?

Das Wichtigste ist für mich, seine Erwartungen zu hinterfragen. Alle Eltern haben in irgendeiner Form Erwartungen an ihr Kind. Wie es sich verhalten soll, was aus ihm werden soll, wer die besten Freunde sein sollten, wie lange es abends ausgeht, wie viel Alkohol es trinkt, einfach zu jedem Thema. Das ist ganz normal. Aber man kann die auch mal hinterfragen. Und sich am besten ein paar herauspicken, die nicht so wichtig sind, und sie loslassen.

Haben Sie weitere Tipps für Eltern von pubertierenden Kindern?

Man sollte das Kind einfach mal machen lassen, sich ruhig ein bisschen zurückziehen und sich mehr um seine eigenen Sachen kümmern. In meinem Buch habe ich das mit "Desinteresse" beschrieben. Das klingt erst einmal negativ, aber ich meine das tatsächlich positiv: Manche Dinge müssen Eltern einfach nicht wissen. Sie sollten sich nicht zu viele Sorgen machen. Auch wenn ich weiß, dass das unglaublich schwer ist.

Maja Overbeck, 50, hat Betriebswirtschaftslehre und Psychologie studiert. Als Trendforscherin, Werbetexterin und im Marketing hat sie sich intensiv mit Kommunikation und Verhaltenspsychologie beschäftigt. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihrem 16-jährigen Sohn in München. "I love Teens. Wie es Spaß macht, unsere Kinder durch die Pubertät zu begleiten." (erschienen im Piper-Verlag) ist ihr erstes Buch.

Warum finden Sie das Loslassen so wichtig?

Ich bin ein großer Freund von Vertrauen und Freiheit. Sowohl aus meiner Erfahrung als auch aufgrund dessen, was Teenager mir erzählt haben. Zum Beispiel in Sachen Ausgehzeiten: Eltern, die damit sehr streng umgehen, also ihrem Teenager fest vorgeben, wann er oder sie zu Hause sein soll, machen meist die Erfahrung, dass ihr Kind sich nicht daran hält, sich gegen die Eltern auflehnt. Und interessanterweise ist es so, dass in dem Moment, in dem Eltern hier loslassen, also  ihrem 15- oder 16-Jährigen sagen: "Du, das ist deine Verantwortung. Ich vertraue dir. Sag uns nur Bescheid, wo du bist.", genau das passiert, was man sich wünscht, nämlich dass das Kind sich verantwortungsvoll verhält. Gelassenheit und Eigenverantwortung funktionieren mit Teenagern besser als Machtausübung und strenge Grenzen. Das ist meine Erfahrung. Auch wenn ich weiß, dass sich gerade an diesem Thema die Geister scheiden.

Eine Nacht vor der Kloschüssel, Konfrontationen mit der Polizei, ein versemmeltes Schuljahr: Sie sagen, dass Jugendliche solche Erfahrungen ruhig machen sollten. Warum?

Die aktuelle Hirnforschung zeigt, dass man – banal gesagt – nur durch Erfahrungen lernt. So wie das Kleinkind mal auf die Herdplatte fassen muss, muss der Jugendliche vielleicht mal auf der Polizeiwache sitzen. Nicht jeder macht solche drastischen Erfahrungen. Aber durch diese lernt man die individuellen Grenzen kennen, was sich noch angenehm anfühlt und was nicht. Wenn dann Zuhause ein verständnisvolles Elternhaus ist, entwickelt sich aus solchen Erfahrungen am Ende eine gute persönliche Balance. Um dann als Erwachsener sagen zu können: "Ich habe die Erfahrung gemacht, aber ich brauche das nicht immer."

Wie kann es einem als Elternteil denn gelingen, eine entspanntere Einstellung zu erlangen?

Durch Vertrauen. Wenn man darauf vertraut, dass das Kind einen guten Weg gehen wird, dann spürt das das Kind. Es wird dann vielleicht in der Pubertät einiges Drastisches erleben, aber sich selbst – und nicht die Eltern! – dabei spüren und denken: "Das war jetzt doch ein bisschen krass." In solchen Situation sollten Eltern aber schon ihre Meinung äußern. Auf Augenhöhe zu sein heißt für mich, dass Eltern trotzdem Position beziehen, zum Beispiel klarstellen: "Das ist nicht in Ordnung, dass du Drogen nimmst. Das ist etwas, das wir ablehnen." Auf der anderen Seite aber Offenheit zu signalisieren, darüber zu sprechen: "Warum ist es interessant für dich?" Ich glaube, man muss es schaffen, seine Meinung zu vertreten, ohne das Kind abzuwerten, weil es Dinge ausprobieren will.

Sie bemängeln, dass Jugendliche vor allem gesagt bekommen, worin sie schlecht sind.

Man muss sich als Eltern immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass die Pubertät für Jugendliche auch kein Spaß ist. Deshalb ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass Eltern Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen ihrer Kinder stärken. In der Schule bekommen Teenager doch jeden Tag einen auf den Deckel. Sie bekommen nur gesagt, was sie nicht können und dass sie die letzten Pfeifen sind. Wenn man das mit Kleinkindern vergleicht, die werden schon fürs Aufs-Klo-Gehen gelobt, da fragt man sich schon, warum das so ist. Warum kann man nicht auch bei Jugendlichen auf die Qualitäten schauen, die sie gut können, auch wenn die vielleicht nicht so vordergründig sind wie Schulerfolg? Man kann so viele wertvolle Eigenschaften entdecken: Jugendliche haben tolle Meinungen zur Politik, Verständnis für andere, Ideen.

Autorin Maja Overbeck findet Jugendliche richtig gut. (Quelle: privat)Autorin Maja Overbeck findet Jugendliche richtig gut. (Quelle: privat)

"Mit plötzlichem Totalausfall ist jederzeit zu rechnen": Sie sprechen in Ihrem Buch auch die Hirnforschung an. Warum rasten Jugendliche demnach von einem auf den anderen Moment aus?

Den neusten Forschungen zufolge entwickelt sich während der Pubertät im Gehirn noch einmal alles neu. Verbindungen werden infrage gestellt, manche werden gefestigt und andere sterben einfach wieder ab. In diesem Entwicklungszeitraum ist es wie auf einer Baustelle – da wird schon mal irgendwo eine Leitung rausgerissen, weil da gerade etwas umgebaut wird. Und das geht von hinten nach vorne im Gehirn. Vorne ist aber der Frontale Cortex, der für die Vernunft zuständig ist. Das emotionale System sendet bei einem Erwachsenen, an diesen Cortex. Der beschwichtigt dann, bevor reagiert wird. Dieser Bereich wird bei Teenagern am aufwendigsten und als letztes umgebaut, da fällt er eben manchmal aus. Und deswegen werden viele Emotionen oft sofort in Handlungen umgesetzt. Das impulsgesteuerte Verhalten, die Ausraster, die tieftraurigen Zusammenbrüche, die wir Eltern erleben, haben alle mit diesem Umbau zu tun. Und die verrückt spielenden Hormone verstärken das noch.

Wie schwer hatten es Ihre eigenen Eltern mit Ihnen als Teenager?

Ich glaube, sie hatten es nicht so schwer. Ich war eher von der braven Sorte und war gut in der Schule. Das ganze Schulthema ist deswegen bei mir und meinem Sohn ein Riesenthema. Ich habe leider zu wenig Verständnis für ihn, weil ich das alles nicht so anstrengend fand. Ich frage mich zu oft: Wo ist eigentlich das Problem?

Das Verhalten Ihres Sohnes beschreiben Sie in Ihrem Buch oft als Beispiel. Was hält ihr Sohn davon?

Bevor ich angefangen habe zu schreiben, haben wir das sehr lange und oft besprochen. Und es war für ihn total in Ordnung, sonst hätte ich gar nicht erst begonnen. Während des Schreibens gab es aber immer wieder Phasen, wo er damit doch völlig unglücklich war. Darunter habe wiederum ich gelitten, habe alles hinterfragt. Aber ein paar Tage später war dann wieder alles okay. Mittlerweile glaube ich, dass es am Ende nicht nur okay für ihn ist, sondern dass er sich sogar freut. Denn aus meiner Sicht ist das Buch auch eine Liebeserklärung an ihn.

 (Quelle: Piper Verlag) (Quelle: Piper Verlag)Maja Overbeck: "I love Teens. Wie es Spaß macht, unsere Kinder durch die Pubertät zu begleiten." Erschienen bei Piper. ISBN 978-3-492-05893-3.

Also war das Schreiben für Sie auch eine kleine Achterbahnfahrt – wie in der Pubertät?

Ja, auf jeden Fall. Es war eine Achterbahnfahrt, aber ich habe auch viel dabei gelernt. Mein Sohn und ich haben jetzt wirklich eine sehr intensive, enge Beziehung. Während ich geschrieben habe, war es eher noch Learning-by-writing. Ich hatte schon eine bestimmte Einstellung zu den verschiedenen Themen. Aber erst durch das Schreiben habe ich sie dann verinnerlicht. Aber ich bin noch immer keine Erziehungsexpertin. Ich bin eine ganz normale Mutter, die halt ein bisschen mehr reflektiert.

Für Ihr Buch haben Sie auch mit vielen Jugendlichen gesprochen. Gab es dabei ein Thema, dass Ihnen stark im Gedächtnis geblieben ist?

Mir war vorher nicht so klar, dass es unter den Jugendlichen eigentlich keine Privatsphäre gibt, gerade unter den Mädchen. Die haben mir alle erzählt, dass sie, wenn sie einen Freund haben, alles, was der schreibt, sofort an die nächste Freundin weiterschicken. Ich habe früher auch weitererzählt, aber das ist noch mal etwas anderes als ein Bildschirmfoto, das sofort verbreitet wird. Das ist schon extrem.

Sie haben Psychologie studiert und sich viel mit Kommunikation beschäftigt. Hat Sie das in irgendeiner Form auf die Pubertät Ihres Sohns vorbereitet, sodass Sie zumindest Kommunikationsstrategien parat hatten?

Vorbereitet ist vielleicht das falsche Wort. Aber ich habe ein Interesse daran. Ich interessiere mich einfach schon immer dafür, warum sich Menschen wie verhalten. Und dadurch ist mein Beobachterblick wahrscheinlich ausgeprägter als bei anderen. Auch im Marketing – wo ich lange mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche gearbeitet habe – geht es ja immer darum, was die Menschen warum tun. Dieses Interesse daran ist tatsächlich ein Grund dafür, warum ich mich mit der Pubertät so intensiv auseinandersetzen wollte.

Vielen Dank für das Gespräch.


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