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Pisa-Studie 2019 – Deutscher Lehrerverband: "Gute Schule ist mehr als Pisa"

INTERVIEWPisa-Ergebnisse  

Lehrer-Präsident: Viele Schüler sprechen zu Hause kein Deutsch

03.12.2019, 18:54 Uhr
Deutschland fällt in Pisa-Studie zurück

Deutschland fällt beim internationalen Schüler-Vergleichstest Pisa zurück. Ob Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften: Die Leistungen der 15-Jährigen sanken in allen drei untersuchten Fächern, lagen allerdings weiter über dem Durchschnitt der geprüften Länder. (Quelle: Reuters)

Pisa-Studie: Die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland sanken in drei untersuchten Fächern. (Quelle: Reuters)


Heinz-Peter Meidinger ist Schulleiter und Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Im Interview mit t-online.de erklärt er, wie deutsche Schüler künftig besser bei Pisa-Studien abschneiden könnten. 

Rund 600.000 Schüler aus etwa 80 Ländern haben an der Pisa-Studie teilgenommen. Die Studie wird seit 2000 alle drei Jahre durchgeführt – in Deutschland haben rund 5.500 Schüler an fast 230 Schulen mitgemacht. Neben Naturwissenschaften und Mathematik stand vor allem das Lesen im Mittelpunkt. Im Vergleich zu den Vorjahren haben sich deutsche Schüler leicht verschlechtert. Im Gespräch mit t-online.de erklärt Heinz-Peter Meidinger, woher die schlechten Ergebnisse aus seiner Sicht kommen – und welche Lösungen es geben könnte.

t-online.de: Wie sehen Sie die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie?

Heinz-Peter Meidinger: Ich muss offen gestehen, dass ich eigentlich noch mit einem schlechteren Ergebnis gerechnet habe, als es jetzt geworden ist. Es ist ja eigentlich eine Stagnation: Bei den absoluten Punktzahlen gibt es einen leichten Rückgang, aber im Ranking hat sich nichts verschlechtert. Mir ist aber immer wichtig, dass man die Qualität eines Bildungssystems nicht allein an Pisa misst. Pisa konzentriert sich auf wenige, allerdings wichtige Bereiche. Jetzt haben wir ja den Schwerpunktbereich Leseverständnis gehabt. Aber es gehört natürlich viel mehr zu einer guten Schule und einem guten Bildungssystem als diese Pisa-Fächer. Es ist auch wichtig, dass musische Fächer eine große Rolle spielen und auch politische Bildung ist etwas ganz Wichtiges an Schulen. Also es ist einerseits wichtig, sich an solchen Studien zu beteiligen, aber gute Schule ist deutlich mehr als Pisa. Man muss aufpassen, dass man mithilfe von Pisa kein Generalurteil über Bildungsqualität fällt, das nicht angemessen ist. Ich schätze zum Beispiel, dass an deutschen Schulen deutlich mehr Kunst und Musik unterrichtet wird, als an vielen Schulen im Ausland. 

Heinz-Peter Meidinger

Heinz-Peter Meidinger: Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist selbst Oberstudiendirektor und Schulleiter.  (Quelle: Deutscher Lehrerverband)Heinz-Peter Meidinger: Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist selbst Oberstudiendirektor und Schulleiter. (Quelle: Deutscher Lehrerverband)

Heinz-Peter Meidinger ist seit 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Der 1954 geborene Oberstudiendirektor hat Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Philosophie in Regensburg studiert und an verschiedenen Gymnasien unterrichtet. Seit 2003 ist er Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums Deggendorf (Bayern). 

Warum haben Sie mit einem schlechteren Ergebnis gerechnet?

Weil wir im Bildungssystem in den letzten Jahren massive Herausforderungen zusätzlich stemmen mussten. Das eine ist der starke Zugang von Kindern mit Migrationshintergrund im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingswelle, wo insgesamt um die 200.000 Kinder im schulpflichtigen Alter zusätzlich nach Deutschland gekommen sind. Das andere ist, dass wir in den letzten Jahren ein massives Lehrermangel-Problem haben und hatten. Allerdings nehme ich an, dass sich die Auswirkungen des Lehrermangels erst bei der nächsten Pisa-Studie deutlich zeigen werden, wenn wir das Problem nicht in den Griff bekommen. 

Welche Probleme haben die Schüler im aktuellen Schulsystem?

Ich glaube, es gibt bestimmte Problembereiche, die sich auch in der Pisa-Studie abbilden. Wir haben einen wachsenden Anteil an Schülern, die zu Hause nicht deutsch sprechen. Das heißt, die Schüler bräuchten deutlich mehr Maßnahmen der sprachlichen Förderung. Darauf sind wir eigentlich nicht eingerichtet – die Kinder kommen an Schulen oft in ganz normale Klassen. Dass einige Schüler deutlich mehr Förderung brauchen, dafür sind viele Schulen auch nicht ausreichend ausgestattet. Das ist mit Sicherheit eine wichtige Baustelle. Und dann haben wir generelle Probleme, die Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Die Lehrerausfälle nehmen zu. Wir schätzen, dass an deutschen Schulen bis zu zehn Prozent des Unterrichts nicht nach Lehrplan stattfindet, sondern ausfällt oder nicht fachbezogen ersetzt wird. Das spiegelt so eine Studie dann natürlich wider. 

Was muss verändert werden, damit deutsche Schüler künftig besser abschneiden?

Ich würde systematisch vorgehen: Wir brauchen wirklich eine bundesweite Offensive, was sprachliche Frühförderung betrifft. Das, was mich am meisten an den jetzigen Ergebnissen aufregt, ist, dass die Gruppe der Risikoschüler gestiegen ist. Also Schüler, die gerade Kompetenzstufe 1 beim Lesen erreichen – oder darunter, was heißt: Sie können nicht lesen, sie können nicht schreiben und sie können keine Texte verstehen. Dass diese Gruppe erstmals wieder größer geworden ist, ist das, was mich am meisten berührt und ärgert. Das heißt, wir brauchen eine bundesweite Offensive für sprachliche Frühförderung und sprachliche schulische Begleitförderung. Das bedeutet Sprachstandstests bei Vierjährigen, bundesweit verpflichtend. Den Kindern, die dort deutliche Defizite aufzeigen und wo die Gefahr besteht, dass sie in der Schule später dem Unterricht rein sprachlich nicht folgen können, müssen wir entsprechende Fördermaßnahmen anbieten. Und das kann nicht so sein, wie derzeit in vielen Bundesländern, dass die dann rein freiwillig sind. Da braucht es eine verpflichtende Teilnahme. 



Glauben Sie, dass es Ungerechtigkeiten in einem internationalen Vergleich wie der Pisa-Studie gibt?

Natürlich haben internationale Vergleichsstudien auch Schwachstellen. Da ist zum Beispiel die Frage: Wie lassen sich diese Tests mit den jeweiligen Lehrplänen vereinbaren? Es gibt ja den Verdacht, dass die Fragen vielleicht zu sehr auf den angelsächsischen Raum ausgelegt sind. Dann haben wir auch sehr oft Multiple Choice Fragen bei der Pisa-Studie, die im deutschen Schulsystem weniger verbreitet sind. Ich glaube aber, dass nach fast 20 Jahren Pisa-Erfahrung mittlerweile auch deutsche Lehrer und Schüler mit Pisa-Studien umgehen können und es da dementsprechend keine ungerechten Nachteile mehr gibt. 

Herr Meidinger, vielen Dank für das Gespräch!

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